Eine Mutter mit ihren Kindern am Tisch (Foto: picture alliance/dpa | Karl-Josef Hildenbrand)

"Der Impfdruck auf Eltern und Kinder ist bereits da"

Sandra Schick   16.12.2021 | 10:02 Uhr

Sollte man Kinder gegen Corona impfen lassen oder nicht? Diese Frage beschäftigt viele Eltern. Weil bei kleinen Kindern Corona in der Regel milde verläuft, dient die Impfung kaum dem Eigenschutz der Kinder. Dennoch steigt der gesellschaftliche Druck auf sie und ihre Eltern. Kinderarzt Benedikt Brixius erklärt im SR-Interview, wann Impfungen sinnvoll oder zumindest vertretbar sind.

Seit Ende November ist der Corona-Impfstoff von Biontech/Pfizer für Kinder ab fünf Jahren durch die europäische Arzneimittelbehörde EMA zugelassen. Vergangene Woche hat die Ständige Impfkommission (Stiko) ihre Empfehlung dazu herausgegeben: Sie empfiehlt die Impfung nicht generell für Kinder, sondern nur unter bestimmten Voraussetzungen. (Mehr dazu lesen Sie weiter unten)

Gleichzeitig nimmt aber der Druck aus Politik und Gesellschaft zu. In den großen Impfzentren werden jetzt auch Impfungen für kleinere Kinder angeboten.

Bei vielen Eltern führt das zunehmend zu Verunsicherung: Wenn sich die Frage, ob das Kind geimpft ist oder nicht, zum Beispiel auch darauf auswirkt, ob das Kind zuhause in Quarantäne sitzen muss - während seine Freunde weiterhin die Schulbank drücken oder zum Sport gehen dürfen.

Dann geht es plötzlich nicht mehr nur um die Frage des Gesundheitsschutzes bei Kindern. Sondern auch um den Alltag und gesellschaftliche Akzeptanz.

Aber ist Impfen von kleinen Kindern aus gesellschaftlichen Gründen vertretbar? Und gibt es Gruppen von Kindern, für die Impfungen aus medizinischer Sicht sinnvoll sind? Darüber sprechen wir mit Benedikt Brixius, dem Sprecher des Landesverbands der Kinder- und Jugendärzte im Saarland:


Interview


SR.de: Die Stiko hat zunächst keine generelle Empfehlung für Kinder unter zwölf Jahren ausgesprochen. Die Coronaimpfung wird momentan nur für Kinder mit Vorerkrankungen empfohlen. Welche Erkrankungen sind denn damit gemeint? Wo ist eine Impfung für das Kind sinnvoll?

Benedikt Brixius: Eine ganz wichtige Gruppe sind Kinder mit Trisomie 21. Die haben von ihrem Immunsystem her schlechtere Möglichkeiten, sich gegen Erkrankungen zu wehren. Nicht nur gegen Corona, sondern auch gegen andere Infektionskrankheiten.

Ähnliches gilt für Kinder mit schweren Herzerkrankungen. Damit ist kein einfacher Herzfehler gemeint, sondern Kinder mit Herzfehlern, die durch ihre Erkrankung beeinträchtigt sind. Außerdem Kinder mit seltenen, aber schweren Lungenerkrankungen, Kinder mit neuromuskulären Erkrankungen, die beispielsweise im Rollstuhl sitzen und Kinder mit angeborenen Immundefekten.

Dr. Benedikt Brixius (Foto: Foto: Benedikt Brixius)
Dr. Benedikt Brixius

SR.de: Die Stiko gibt außerdem die Empfehlung, Kinder zu impfen, in deren Umfeld sich Personen mit dem Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs befinden. Da geht es nicht um den Eigenschutz der Kinder, sondern um den Schutz naher Angehöriger. Welche Fälle kennen sie da aus der Praxis?

Benedikt Brixius: Das können etwa Kinder sein, die mit Angehörigen zusammenleben, die Medikamente einnehmen, die das Immunsystem unterdrücken. Zum Beispiel Menschen mit Morbus Crohn oder Menschen, die eine Chemotherapie bekommen oder rheumatische Erkrankungen haben.

Auch sehr hoch betagte Angehörige würden darunter fallen, denn bei denen wirken die Impfungen nicht so gut wie bei jüngeren Menschen.

SR.de: Die Stiko schreibt auch, dass "auf individuellen Wunsch" auch Kinder geimpft werden können, die keine der oben genannten Kriterien erfüllen. Wie sinnvoll oder nötig ist denn die Impfung dieser Kinder nach dem aktuellen Stand?

Benedikt Brixius: Nach dem aktuellem Stand kann man sagen, je jünger die Kinder sind, desto einfacher sind die Verläufe und desto weniger dringlich ist die Impfung. Es gibt Krankheiten, die sind umso gefährlicher, je jünger die Kinder sind. Aber bei Corona ist es meist andersherum. Je jünger die Kinder, desto einfacher sind die Verläufe.

Und hier haben sie das Dilemma: Auf der einen Seite eine relativ leichte Erkrankung für die Altersgruppe und auf der anderen Seite ist noch nicht so gut überschaubar, welche seltenen Nebenwirkungen vielleicht in der Altersgruppe bei dem Impfstoff auftreten können.

Insofern warten wir noch auf weitere Studien aus den USA und aus Israel, die ja schon die ganze Zeit Kinder impfen. Da hoffen wir auf bessere Erkenntnisse in naher Zukunft. Entweder, dass die Impfung so unproblematisch ist, dass man keine Sorgen haben muss oder die Erkenntnis, dass die Krankheitsverläufe auch mit den neuen Varianten so harmlos sind, dass die Indikation zur Impfung weiter nur für die Kinder besteht, die Vorerkrankungen haben.

SR.de: Wenn prinzipiell Impfungen für alle Kinder möglich sind, nimmt dann nicht auch der gesellschaftliche Druck auf die Eltern und Kinder zu? Also auch Kinder zu impfen, bei denen vielleicht keine klare medizinische Indikation vorhanden ist? Sind ihnen schon Fälle begegnet, wo Eltern ihre Kinder vielleicht nur impfen lassen, weil die Klassenkameraden geimpft sind und man Ausgrenzung verhindern möchte?

Benedikt Brixius: Dieser Druck ist wirklich schon da. Das haben wir schon bei den Jugendlichen gesehen und das erlebe ich auch in der Praxis. Kinder werden fast ein bisschen "geoutet", weil sie auf bestimmten Veranstaltungen nicht dabei sein dürfen, weil sie nicht geimpft sind. Da ist der Druck für die Jugendlichen schon sehr hoch.

Bei den Jugendlichen haben wir aber immerhin einen eindeutigen Vorteil der Impfung für diese Altersgruppe. Je jünger die Kinder werden, desto weniger haben wir das Argument Impfung zum Eigenschutz. Trotzdem ist auch hier ein gesellschaftlicher Druck da.

In anderen Bundesländern gilt beispielsweise die 2G-Regelung auch schon für Jugendliche. Wenn das jetzt noch für die jüngeren Kinder gelten würde, nach dem Motto: "Es gibt ja die Impfung, dann impft doch die Kinder, dann habt ihr alle Freiheiten" wäre das für uns Kinderärzte absolut nicht in Ordnung.

Als Kinderärzte sagen wir: Eine Teilhabe an öffentlichen Veranstaltungen oder am Kindergartenbesuch, am Schulleben usw. darf nicht von einer Impfung abhängen. Das ist einfach unverhältnismäßig. Damit würde man die Kinder wieder bestrafen. Die Kinder haben durch die Auswirkungen der Lockdownmaßnahmen schon genug gelitten. Probleme wie Übergewicht, Depressionen, Sprachstörungen haben leider deutlich zugenommen.

Die Impfung darf daher nicht mit der Teilhabe verknüpft werden.

SR.de: Was raten sie Eltern, die selbst vielleicht eher zurückhaltend wären, aber deren neunjähriges Kind sagt: „Mama ich möchte geimpft werden“ - vielleicht um wieder ungehindert seinen Hobbys nachgehen zu können?

Benedikt Brixius: Die Frage ist ganz, ganz schwierig. Ich denke, den Willen des Kindes sollte man in jedem Fall mitberücksichtigen. Viele Kinder haben auch Angst vor der Erkrankung. Und bei einem Neunjährigen kann man jetzt auch nicht sagen, es ist mir vollkommen egal, was das Kind von der Sache hält.

Wenn große Angst vor der Krankheit oder die Gefahr von Ausgrenzungen besteht, dann muss man abwägen, was gut ist für das Kind. Dann kann die Impfung auch die richtige Entscheidung sein. Aber das ist immer eine Einzelfallentscheidung.

SR.de: Wäre es überhaupt wünschenswert, zum jetzigen Zeitpunkt größere Gruppen jüngerer Kinder zu impfen?

Benedikt Brixius: Man darf nicht vergessen, dass man jetzt erstmal die Gefährdeten boostern muss. Und wir haben immer noch 15 Millionen nicht vollständig geimpfte Erwachsene. Wir Kinderärzte appellieren besonders an die Eltern, sich impfen zu lassen. Denn auch eine Mutter zwischen 20 und 40 Jahren kann einen schweren Verlauf haben. Stellen sie sich vor, da ist eine Mutter mit zwei kleinen Kindern, die fällt über Wochen aus, weil sie schwer erkrankt oder noch Schlimmeres.

Erst sollten diese Gruppen geimpft werden. Danach kommen die Jugendlichen und erst dann die kleinen Kinder dran. Es wäre einfach fatal, wenn gefährdetere Gruppen erst später ihre Impfung erhalten, weil Kinder und Jugendliche zuerst geimpft würden. Wenn wir 50 Prozent der 5- bis 11-Jährigen impfen, macht das nur drei Prozent der Bevölkerung aus. Und diese Altersgruppe füllt nicht unsere Intensivstationen oder belastet die Pflegekräfte mit Corona!

SR.de: Nun nimmt nicht nur der gesellschaftliche Druck auf Eltern und Kinder zu. Die Politik wirft der Stiko vor, zu zögerlich zu sein. Auch Kinderärzte sehen sich vermehrt Kritik ausgesetzt. Manche rücken Kinderärzte gar in die Ecke der Impfgegner. Wie sagen sie dazu?

Benedikt Brixius: Ganz klar: Wir Kinderärzte sind grundsätzlich für die Impfung. Schon lange bevor es eine Zulassung für Jugendliche gab, haben viele von uns in ihren Praxen die Eltern und Großeltern unserer Patienten geimpft. Der Coronaimpfstoff von Biontech/Pfizer ist ein absolut toller Impfstoff. Wir haben bei anderen Krankheiten viel schlechter verträgliche und schlechter wirksame Impfstoffe, über die nicht so stark diskutiert wird.

Es vergeht nahezu kein Tag, wo ich Eltern nicht zu Impfungen motiviere. Bei anderen Impfungen kann ich den Eltern versichern, dass wir mit der Impfung grausame Krankheiten verhindern und dass die Impfung selbst einen viel größeren Nutzen hat, als mögliche Nebenwirkungen zu erwarten wären.

Die bisherigen Impfungen und die Folgen der Erkrankung, die damit verhindert werden sind von der Stiko sorgfältig und differenziert geprüft. Diese Sorgfalt wollen wir auch für die 5- bis 11-Jährigen und genau darum kümmert sich die Stiko. Diese klugen Köpfe, die ich teilweise persönlich kenne, haben mein vollstes Vertrauen.

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