Symbolbild (Foto: picture alliance / Jan-Peter Kasper / dpa-Zentralbild / dpa)

Das Immunsystem läuft Amok

Anke Birk   18.11.2019 | 19:57 Uhr

Alle sechs bis sieben Minuten stirbt in Deutschland ein Mensch an einer Blutvergiftung. Für 123 Personen endete im Saarland nach Angaben des Gesundheitsministeriums 2017 eine Sepsis tödlich. Aber auch für Überlebende ändert sich das Leben oft radikal.

Seine Sepsis hat Marc Dubreuil aus St. Wendel nur knapp überlebt. Vor elf Jahren vereiterten nach einem nicht erkannten Rippenbruch zwei Drittel seiner Lunge. Die Krankheitserreger gelangten durch die Entzündung im Körper in den Blutkreislauf. Das Immunsystem lief Amok, mehrere Organe versagten. Innerhalb von drei Wochen folgten fünf Lungenoperationen. Dubreuil wurde sieben Monate ins künstliche Koma versetzt. Die Ärzte kämpften um sein Leben, seine Überlebenschancen lagen bei etwa acht Prozent. Er hatte zwei Herzstillstände und wurde reanimiert. Insgesamt verbrachte er 14 Wochen auf der Intensivstation. Es folgten drei Monate Reha.

Video [aktueller bericht, 18.11.2019, Länge: 4:47 Min.]
Sepsis-Überlebender gründet Selbsthilfegruppe

Überschießende Reaktion des Immunsystems

Eine Sepsis wird durch eine Infektion mit Krankheitserregern ausgelöst. Dabei handelt es sich meist um Bakterien. Es können aber auch Viren, Pilze oder Parasiten der Auslöser sein. Menschen mit einem geschwächten Immunsystem haben ein erhöhtes Risiko für eine Sepsis. Wenn das Immunsystem die Infektion nicht mehr begrenzen kann, kommt es zu einer überschießenden Abwehrreaktion des Körpers. Es können Symptome wie Schüttelfrost, Fieber, plötzliche Verwirrung, Herzrasen oder eine schwere Atmung auftreten.

In der Folge der Sepsis können Organe versagen. Dr. Martin Bier, Chefarzt der Anästhesie und Intensivmedizin im Marienkrankenhaus St. Wendel, betont, dass die Sepsis deshalb so gefährlich ist, weil die Symptome so unspezifisch sind und deshalb oft spät erkannt werden. Der Erfolg einer Sepsis-Therapie sei aber eindeutig an den Zeitfaktor gebunden. Je früher eine Sepsis therapiert werde, desto größer seien die Erfolgsaussichten. Schnelligkeit entscheidet oft über Leben und Tod.

Fälle wie der von Dubreuil kommen im Saarland immer häufiger vor. Im Jahr 2017 wurden im Land 2556 Sepsis-Fälle registriert, das sind 1200 Fälle mehr als noch im Jahr 2008. Als einen Grund für den Anstieg nennt das saarländische Gesundheitsministerium unter anderem die demografische Entwicklung. Zudem werde die Anfälligkeit für eine Sepsis durch Begleiterkrankungen wie Krebs, Leberzirrhosen, Diabetes, HIV oder durch gesundheitsschädliches Verhalten wie Alkoholkonsum und Bewegungsmangel erhöht. Auch würden mittlerweile mehr Blutvergiftungen durch die Ärzte erkannt und diagnostiziert.

Die Erkrankung war ein harter Einschnitt in Dubreuils Leben. Der 49-Jährige arbeitete früher als Küchenchef. Er war unter anderem auf einem Kreuzfahrtschiff als Koch tätig. Als Folge der Sepsis musste er jedoch seinen ehemaligen Traumberuf aufgeben. Er ließ sich danach zum Kaufmann umschulen, musste den Job aber nach einem halben Jahr aufgeben. Die Konzentrationsschwierigkeiten waren zu groß. Außerdem trugen die Nerven in seinen Beinen Schäden davon. Daher bekommt Dubreuil einmal in der Woche eine Lymphdrainage.

Auch Dubreuils Stoffwechsel geriet durch die Sepsis durcheinander. Zeitweise wog er 190 Kilogramm. Sport und eine Magenverkleinerung halfen ihm, Gewicht zu reduzieren. Er trainiert auch, um sich eines Tages seinen großen Traum zu erfüllen. Als er aus dem künstlichen Koma damals erwachte, nahm er sich vor, eines Tages den Jakobsweg zu wandern.

Sepsis-Selbsthilfe für Betroffene

Seit 2009 engagiert sich Marc Dubreuil in der deutschen Sepsis-Hilfe, um anderen Betroffenen Mut zu machen. Als Leiter der Regionalgruppe West will er Patienten Informationen geben und über die Sepsis aufklären.  Die deutsche Sepsis-Hilfe e.V. ist die weltweit erste Organisation für an Sepsis erkrankte Menschen sowie deren Angehörige oder Hinterbliebene. 2007 wurde sie aus dem Kreis einer Betroffeneninitiative gegründet. Sie hat heute rund 300 Mitglieder.

Unter der Sepsis-Hotline 0700-73774700 beantworten von 8.00 bis 21.00 Uhr täglich (am Wochenende von 9.00 bis 21.00 Uhr) ehrenamtliche Vereinsmitglieder Fragen von Betroffenen für Betroffene. Auch Ärzte wie Dr. Martin Bier, Chefarzt der Anästhesie und Intensivmedizin im Marienkrankenhaus St. Wendel, fordern mehr Aufklärung über die Sepsis. Bier sagt, das medizinische Fachpersonal, die Pflegenden und insbesondere die Ärzte müssten entsprechend weiterqualifiziert werden. Es müsste auch bessere Reha-Angebote für Sepsis-Patienten geben, um ihnen den Alltag nach einer Sepsis zu erleichtern.

Über dieses Thema hat auch der "aktuelle bericht" im SR Fernsehen am 18.11.2019 berichtet.

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