Eine Stele gegen das Vergessen erinnert an die Opfer der Aids-Krankheit (Foto: picture alliance/dpa | Fabian Sommer)

„Diskriminierung gehört für HIV-Positive noch immer zum Alltag“

Katja Hackmann   01.12.2022 | 09:48 Uhr

Am 1. Dezember ist der internationale Welt-Aids-Tag. Die rote Schleife als Symbol soll Solidarität mit HIV-positiven Menschen zeigen, die auch heute in Deutschland noch mit Diskriminierung zu kämpfen haben. Die Aidshilfe Saar bietet seit mehr als 30 Jahren Unterstützung für Menschen mit HIV im Saarland.

Seit mehr als 30 Jahren findet der Welt-Aids-Tag am 1. Dezember statt. Weltweit leben 38 Millionen Menschen mit HIV, davon 90.000 in Deutschland und 910 im Saarland. 15 Menschen haben sich laut Robert-Koch-Institut (RKI) im vergangenen Jahr im Saarland mit dem HI-Virus infiziert.

Video [aktueller bericht, 01.12.2022, Länge: 3:26 Min.]
HIV-Positive immer noch von gesellschaftlicher Stigmatisierung betroffen

Die Zahl der Neuansteckungen ist damit im Vergleich zum Vorjahr unverändert. Eine zentrale Anlaufstelle für Erkrankte ist die Aidshilfe Saar in Saarbrücken, die seit 1985 Beratungs- und Unterstützungsangebote für Menschen mit HIV anbietet.

Welt-Aids-Tag soll Thema sichtbar machen

Trotz der deutlich verbesserten medizinischen Versorgung erfahren viele HIV-positive Menschen noch immer Vorurteile und Diskriminierung im Alltag. Deshalb sei der 1. Dezember als internationaler Welt-Aids-Tag wichtig, sagt Frank Kreutzer, Geschäftsführer der Aidshilfe Saar.

„Der 1. Dezember soll das HI-Virus noch einmal in die Öffentlichkeit bringen und auch darauf hinweisen, welche Probleme Menschen mit HIV auch heute noch haben. Wir haben auf der einen Seite gute Fortschritte im Bereich der HIV-Infektion gemacht. Eine Infektion ist heute gut behandelbar, wenn wir sie früh genug entdecken. Auf der anderen Seite sind HIV-positive Menschen nach wie vor stark von Diskriminierung und Ausgrenzung betroffen.“

Diskriminierung betrifft alle Lebensbereiche

Diese Diskriminierungserfahrungen betreffen alle Lebensbereiche von HIV-positiven Menschen, erzählt Frank Kreutzer.

„Das beginnt im privaten Bereich, wenn ein Teil des Freundeskreises wegbricht, sobald man seine HIV-Erkrankung öffentlich macht. Es geht weiter in jedem anderen gesellschaftlichen Bereich – sobald Menschen ihre HIV-Erkrankung öffentlich machen, müssen sie mit negativen Reaktionen rechnen". Das kann sogar im medizinischen Bereich sein, erzählt Kreutzer.

"Ein HIV-Erkrankter, der einen Zahnarzttermin hat und seine Erkrankung mitteilt, wird dann zum Beispiel gebeten, am Ende der Sprechstunde zu kommen, weil dann bestimmte Hygienemaßnahmen ergriffen werden müssten - die gibt es aber einfach nicht“, so Kreutzer weiter.

Auch Diskriminierung im medizinischen Bereich

Diese Erfahrungen aus der Beratungsstelle decken sich auch mit einer Online-Befragung des Forschungsprojekts „positive Stimmen 2.0“ vom der Deutschen Aidshilfe und dem Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft aus dem Jahr 2020. 935 HIV-positive Menschen deutschlandweit nahmen teil, und mehr als die Hälfte von ihnen gab an, Diskriminierung zu erleben. Jede zweite befragte Person hat Diskriminierung im Gesundheitswesen erfahren und auch jeder Zweite sagt, dass sein Leben durch Vorurteile beeinträchtigt wird.

„Menschen werden sexuell zurückgewiesen, obwohl wir heute wissen, dass HIV unter einer Therapie nicht mehr übertragbar ist. Therapie heißt heute, dass die Menschen eine Tablette am Tag schlucken und dann nicht mehr ansteckend sind. Das wissen aber nur circa 20 Prozent“, sagt Kreutzer.

Der Geschäftsführer der Aidshilfe Saar erklärt, dass die Gefahr nicht darin besteht, Sex mit einer Person zu haben, die HIV hat und es weiß. Diese Personen nehmen ihre Medikamente und sind damit unter der Nachweisgrenze, wodurch das Virus nicht mehr übertragbar ist. „Das Risiko ist eher, man hat Sex mit einer Person, die HIV hat und es nicht weiß. Wir gehen davon aus: Im Saarland gibt es circa 75 Personen, die nichts von ihrer Erkrankung wissen, bundesweit sind es ca. 8600.“

Die Diskriminierung von HIV-positiven Menschen ist weiterhin Alltag für viele Betroffene. Um Vorurteile weiter abzubauen, helfen nur Informationen über das Virus, sagt Kreutzer.

Aidshilfe Saar war am Anfang vor allem Sterbehilfe

Auch die Aidshilfe Saar trägt seit 1985 seinen Teil dazu bei, wobei das Aufgabenfeld der Beratungsstelle am Anfang ein anderes war: „Als die Aidshilfe anfing, ging es um Sterbebegleitung. Die Medizin konnte damals nicht helfen, deshalb wurden Menschen mit einer Diagnose sofort in Rente geschickt.

Es ging also vor allem darum, die letzten Lebensjahre noch halbwegs gut zu verbringen und eine gute Sterbebegleitung zu machen. Das hat sich geändert, weil das HIV heute gut behandelbar ist – es geht vor allem darum, Menschen dabei zu unterstützen, ein Leben lang mit HIV Leben zu können“, sagt Kreutzer.

Heute ist ein weiterer Schwerpunkt der Aidshilfe Saar neben der Sozialberatung, den Selbsthilfeangeboten und anderen Aktivitäten auch die HIV-Prävention. „Fast ein Drittel der Menschen entdecken ihre HIV-Infektion erst, wenn das Immunsystem schon fortgeschritten geschwächt ist.

Deshalb macht es Sinn, wenn Menschen ein Risiko haben, einen Test zu machen. Je früher wir HIV feststellen, desto besser können wir es behandeln. Wird eine Infektion in den ersten Jahren entdeckt, stehen die Chancen gut, dass HIV-positive Menschen eine normale Lebenserwartung haben“.

Geschäftsführer der Aidshilfe Saar wünscht sich mehr Solidarität

Für die Zukunft wünscht sich der Geschäftsführer der Aidshilfe Saar vor allem eines: Solidarität: „Besonders heute am Weltaids-Tag kann man ein Zeichen gegen Diskriminierung setzen, indem man zum Beispiel die rote Schleife trägt. Wir würden uns natürlich wünschen, dass Menschen mit HIV offen über ihre Infektion sprechen könnten wie Menschen mit anderen Erkrankungen. Versteckt zu leben kostet viel Energie.

Aktionen zum Welt-Aidstag im Saarland und kostenlose Testangebote

Anlässlich des Welt-Aids-Tages ist die Aidshilfe Saar zwischen 12.00 und 18.00 Uhr mit Mobilen Teams in der Fußgängerzone in Saarbrücken unterwegs und verteilt Informationsmaterial und Kondome.

Wer sich kostenlos und anonym auf das HI-Virus testen lassen möchte, kann das unter anderem bei der Aidshilfe Saar und in saarländischen Gesundheitsämtern tun – nicht nur am Welt-Aids Tag.

Drei Fakten zu HIV

  • HIV ist heute gut behandelbar.
  • HIV ist unter Behandlung nicht übertragbar, insbesondere im Alltag gibt es keine Übertragungsmöglichkeiten.
  • HIV-positive Menschen können Sex haben, ohne ihren Geschlechtspartner anzustecken, wenn sie Medikamente nehmen.

Hilfreiche Adressen und Projekte

  • Aidshilfe Saar e.V., Nauwieserstr. 19, 66111 Saarbrücken, Telefon: 0681 - 3 11 12, Beratung: 0681 - 19 4 11
  • Projekt "Gudd druff!", c/o Aidshilfe Saar e.V., Nauwieserstr. 19, 66111 Saarbrücken, Telefon: 0681 - 3 11 12
  • Projekt "BISS", c/o Aidshilfe Saar e.V., Nauwieserstr. 19, 66111 Saarbrücken, Telefon: 0681 - 390 43 61
  • HIV-/STI-Beratungsstellen der saarländischen Gesundheitsämter
  • HIV-Ambulanz des Universitätsklinikums Homburg, Telefon: 06841 - 16 15900
  • PrEP-Ärzte im Saarland (Ärzte, die HIV-Präexpositionsprophylaxe verschreiben, ein Vorsorgemedikament, um sich vor einer HIV-Ansteckung zu schützen)
  • Im Falle eines HIV-Risikos gibt es die Möglichkeit der Postexpositionsprophylaxe, kurz: PEP. Diese Vorsorgemedikamente ("Nach-Risiko-Vorsorge") sollten innerhalb von 24 Stunden nach dem HIV-Risiko genommen werden. Die PEP kann über die HIV-Schwerpunktpraxen zu den jeweiligen Öffnungszeiten verordnet werden. Außerhalb deren Öffnungszeiten kann eine Verordnung im Saarland ausschließlich sichergestellt werden über die Notfallambulanz des Klinikums Saarbrücken und die Internistische Notaufnahme des Universitätsklinikums des Saarlandes.

Über dieses Thema haben auch die SR-Hörfunknachrichten am 01.12.2022 berichtet.

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