Ein Mann läßt sich gegen die Grippe impfen. (Foto: picture alliance/Sven Hoppe/dpa)

Sollen Apotheker gegen die Grippe impfen dürfen?

Melina Miller   06.10.2020 | 15:37 Uhr

Seit Dienstag können im Saarland erstmals Grippeimpfungen in Apotheken durchgeführt werden. Die Apothekerkammer erhofft sich damit eine Steigerung der Impfquote. Ärzteverbände zeigen sich derweil besorgt.

Ab sofort können sich Versicherte der AOK in 40 Apotheken im Saarland gegen Grippe impfen lassen. Mit dem Modellprojekt der AOK wolle man den Zugang zur Impfung niederschwelliger gestalten, sagte Carsten Wohlfeil, Geschäftsführer der Apothekerkammer des Saarlandes. So würden beispielsweise lange Wartezeiten für einen Termin beim Hausarzt wegfallen.

Video [aktueller bericht, 06.10.2020, Länge: 3:27 Min.]
Grippeimpfung in der Apotheke

Grippeimpfung sinnvoll

Grippeimpfung in der Apotheke - ein AOK-Projekt
Audio [SR 3, Steffani Balle, 06.10.2020, Länge: 02:41 Min.]
Grippeimpfung in der Apotheke - ein AOK-Projekt

Gerade in der Coronazeit sollte eine Grippewelle verhindert werden, um Krankenhäuser zu entlasten. Bislang sind deutschlandweit laut AOK nur rund 35 Prozent der Risikopatienten ab 60 Jahren gegen Grippe geimpft, obwohl Ärzte dies empfehlen. Der von der Weltgesundheitsorganisation WHO angestrebte Wert von 75 Prozent sei noch in weiter Ferne, so Wohlfeil.

Mit dem Modellvorhaben soll diese Quote gesteigert werden. Das Projekt ist laut AOK über einen Zeitraum von drei Jahren geplant. Teilnehmen können öffentliche Apotheken.

9-Stunden-Fortbildung

Für das Impfen werden die Apotheker nach Angaben der Apothekerkammer in einer Fortbildung geschult, die aus drei Stunden Theorie und sechs Stunden praktischer Übung bestehe. Insgesamt 55 Apotheker im Saarland hätten die erste Theorieschulung abgeschlossen, so Wohlfeil. Die Impfung werde nur in Apotheken angeboten, die die theoretische und praktische Fortbildung vollständig durchlaufen hätten und dem Modellprojekt beigetreten seien.

Wie viele zusätzliche Impfungen im Rahmen des Modellprojektes der AOK durchgeführt würden, sei noch unklar, sagte Wohlfeil. Obwohl das Angebot in der Apotheke erst einmal nur für Versicherte der AOK Rheinland-Pfalz/Saarland gelte, habe es aber bereits eine große Nachfrage gegeben.

Hygienekonzept nötig

In den teilnehmenden Apotheken selbst müsse dann entsprechend bundeseinheitlicher Vorgaben ein extra Behandlungszimmer eingerichtet werden, sagt Wohlfeil. Er halte es für "sehr realistisch", dass die Apotheker dies auch umsetzen könnten. Das Modell habe beispielsweise in Frankreich einen großen Erfolg verzeichnen können.

Kritik seitens der Ärzteverbände

Der Saarländische Hausärzteverband äußert sich dagegen auf SR-Anfrage besorgt über eine Impfung in der Apotheke: "Eine Impfung ist eine komplexe ärztliche Handlung." So müsse beispielsweise die Impfnotwendigkeit und die Impffähigkeit des Patienten festgestellt werden. Außerdem müsse die Möglichkeit bestehen, Folgen der Impfung und mögliche Schäden zu behandeln. "Diese Grundvoraussetzungen sind nur in Arztpraxen gegeben", schreibt der Ärzteverband.

Auch die Kassenärztliche Vereinigung (KV) des Saarlandes weist darauf hin, dass die Durchführung einer Impfung umfassende medizinische Kenntnis darüber erfordert, wann ein Mensch geimpft werden darf und wann nicht. Komplikationen seien zwar eher selten, könnten aber in nicht unerheblichem Ausmaß auftreten. Zu einer Einschätzung, inwieweit die Schulungen und Einrichtungen der Apotheker diesen Voraussetzungen genügen, sieht sich die KV momentan nicht in der Lage.

Über dieses Thema haben auch die SR-Hörfunknachrichten vom 06.10.2020 berichtet.

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