Collage: Coronaviren (links) und Influenzaviren unter dem Elektronenrastermikroskop, technisch eingefärbt (Foto: picture alliance/dpa/NIAID/NIH, unsplash/cdc)

Grippe ausgebremst - Corona aber nicht

Das Interview führte Sandra Schick   14.02.2021 | 08:41 Uhr

Im Herbst hatten noch viele die Befürchtung, dass Corona und saisonale Grippe in diesem Jahr zusammen auftreten und die Krankenhäuser überlasten könnten. Doch das hat sich nicht bestätigt. Warum die Influenzawelle ausgebremst wurde, Corona aber nicht - dazu haben wir mit dem Homburger Virologen Dr. Jürgen Rissland gesprochen.

SR.de: Im Herbst gab es ja noch große Befürchtungen, dass wir es in diesem Winter gleich mit zwei gefährlichen Viren zu tun haben könnten. Der saisonalen Influenza und zusätzlich dem SARS-CoV-2. Mitte Februar steht nun fest: Die Influenza spielt in diesem Winter praktisch keine Rolle. Ist das eine Folge der vielen Hygienemaßnahmen und des Lockdowns?

Dr. Jürgen Rissland: Das ist eigentlich eine Mischung aus zwei verschiedenen Phänomenen. Zum Einen gab es schon auf der Südhalbkugel in deren Winter durch die Hygienemaßnahmen eine geringere Influenza-Aktivität. Und wenn dort unten die Aktivität geringer war, dann "schwappt" auch zu uns weniger auf die Nordhalbkugel hoch. Und natürlich tragen auch die momentanen Regeln mit Abstand, Masken, Lüften und Kontaktreduzierung dazu bei, dass die Influenza derzeit keinen richtigen Nährboden hat.

SR.de: Helfen denn die aktuellen Hygiene- und Kontaktreduzierungsmaßnahmen gegen die Grippe besser als gegen Corona?

Dr. Jürgen Rissland: Das kann man so nicht sagen. Wenn man von einer so niedrigen Ausgangsinfektionslast ausgeht, kriegt das Feuer ja gar nicht erst richtig Luft, wenn Sie so wollen. Normalerweise ist im Herbst die Zeit, in der die Grippesaison ihren Anfang nimmt. Die klassische Infektionskurve und den Höhepunkt hat man dann normalerweise von Januar bis April. Mit den Maßnahmen, die man nach den Herbstferien ergriffen hat, konnten wir die Verbreitung aber schon vorher unterbinden. Durch die Maßnahmen kam die Influenza gar erst nicht zum Zug. Man hat tatsächlich durch die Maßnahmen verhindert, dass es überhaupt losgeht.

SR.de: Wäre es denn grundsätzlich möglich gewesen, das Coronavirus ganz am Anfang, im Frühjahr, so auszubremsen wie wir das jetzt hier mit den Erkältungs- und Grippeviren geschafft haben? So auszubremsen, dass es dann gar nicht hätte Fahrt aufnehmen können?

Dr. Jürgen Rissland: Das ist eine gute Frage, aber nicht eindeutig zu beantworten. SARS-CoV-2 legt ja im Gegensatz zur Grippe und anderen Erkältungsviren keine Sommerpause ein. Insofern weiß ich nicht, ob wir es wirklich komplett hätten verhindern können. Möglicherweise hätten wir das Ausmaß des Anstieges verhindern und das Geschehen einbremsen können. Aber komplett ausbremsen, da bin ich im Zweifel.

SR.de: Nun könnte manch einer ja auch auf die Idee kommen, dass momentan ja gar nicht auf Influenza getestet wird, weil der Fokus nur auf Corona liegt. Ist das wirklich so?

Dr. Jürgen Rissland: Das ist natürlich Quatsch. Wir testen selbstverständlich momentan in erster Linie auf SARS-CoV-2. Aber wenn jemand zu uns in die Uniklinik mit respiratorischen Symptomen kommt und ist negativ auf Corona, dann schaut man natürlich nach den anderen Viren. In unserem Respiratorischen Virusbarometer* sehen Sie, dass wir in diesem Jahr durchaus auch andere Viren nachgewiesen haben. Aber in den letzten Wochen kann man erkennen, dass wir hauptsächlich SARS-CoV-2 feststellen und die anderen Viren eine ganz untergeordnete Rolle spielen.

Wenn das so eindeutig ist und man schon so viele positive Ergebnisse auf SARS-CoV-2 hat, dann braucht man natürlich weniger die anderen Tests einzusetzen. Denn das sind ja nur ergänzende diagnostische Maßnahmen. Denn wir gehen nicht davon aus, dass jemand beides hat, also SARS-CoV-2 und noch eine andere respiratorische Infektion. Das wäre tatsächlich sehr sehr ungewöhnlich. Es kann schon mal sein, dass jemand mehrere Infektionen nacheinander durchmacht. Gerade bei Kindern ist das manchmal so. Aber wir wollen mit den Tests ja herausfinden, welcher Erreger die aktuellen Beschwerden des Patienten verursacht.

SR.de: Also werden neben SARS-CoV-2 im Moment kaum noch andere Viren festgestellt?

Dr. Jürgen Rissland: Genau. Selbst zum Höhepunkt der Influenzawelle vor drei Jahren, hatten wir immer noch 50 Prozent andere Erreger. Wenn Sie jetzt schauen, liegen wir bei fast 100 Prozent SARS-CoV-2. D.h. es wird derzeit nicht nur die Influenza zurückgedrängt, sondern auch die Verbreitung aller anderen respiratorischen Erreger wird deutlich eingeschränkt. Das ist schon beeindruckend. Allerdings wäre es auch überraschend, wenn das nicht so wäre. Wenn wir alle anderen Viren in gleichem Maß feststellen würden, wäre das ein Anzeichen, dass die Menschen die auferlegten Maßnahmen zur Kontaktreduzierung und Hygiene kaum befolgen.

SR.de: Kann man eigentlich schon etwas dazu sagen, wie sich langfristig das Verhältnis von SARS-CoV-2 zur saisonalen Influenza entwickeln könnte? Hätte es das Potenzial die Grippe zu verdrängen?

Dr. Jürgen Rissland: Verdrängen glaube ich auf keinen Fall. Es gibt zwei Überlegungen in diesem Zusammenhang. Eine Möglichkeit ist, dass SARS-CoV-2 an Virulenz und damit an Aggressivität verliert. Das ist mit anderen Mitgliedern aus der Familie der Coronaviren auch schon passiert. Es könnte eine Art Abschwächungseffekt geben.

Auf der anderen Seite muss man wissen, dass SARS-CoV-2 auch weiter mutieren wird. Man kann also nicht genau sagen, ob es vielleicht immer wieder ein Aufflackern geben wird. Oder ob man vielleicht jährlich impfen muss, wie bei der Influenza. Dort haben wir ja permanent Mutationsaktivität. Das wird man sicherlich in den ersten Jahren bei SARS-CoV-2 beobachten müssen.

Aber man muss wissen, dass die Mutationsaktivität von SARS-CoV-2 geringer ist, als die der Influenza. Insofern besteht schon Hoffnung, dass auch die natürliche Entwicklung unserer Immunität - sei es durch durchgemachte Infektionen oder Impfungen - dazu beiträgt, dass das SARS-CoV-2 an Bedeutung verliert und zu einem relativ simplen Erkältungsvirus mutiert.

SR.de: Aber die normale Influenza wird uns auch weiter erhalten bleiben?

Dr. Jürgen Rissland: Davon muss man ausgehen!


*Das "Respiratorische Virusbarometer" der Uniklinik Homburg dokumentiert die Testergebnisse von ambulanten und stationären Patienten im Bereich der respiratorischen Viren.

Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja