Lehrer und Schüler im Homeschooling (Foto: picture alliance/dpa | Rolf Vennenbernd)

Gravierende Unterschiede beim Fernunterricht an Schulen

Sandra Schick   17.01.2021 | 12:21 Uhr

Auch im zweiten Lockdown muss der Großteil der Schülerinnen und Schüler von zuhause lernen. Doch das läuft je nach Schule und Lehrkraft extrem unterschiedlich ab: Die einen bearbeiten hauptsächlich Hausaufgaben, andere haben täglich Videostream-Unterricht. Schon jetzt ist klar: Langfristig schafft das riesige Bildungslücken und verstärkt bestehende Unterschiede.

Leon* besucht die 9. Klasse an einem Gymnasium in Völklingen. Während der ganzen Corona-Pandemie hatte er noch nie eine Videokonferenz mit seinen Lehrern. Der Unterricht besteht darin, dass er Arbeitsaufträge per Email geschickt bekommt. Neulich wollte eine Lehrerin eine Videokonferenz starten, aber der Unterricht scheiterte letztlich an der Technik.

Melina* besucht die 10. Klasse einer Gemeinschaftsschule in Saarlouis. Im Lockdown zuhause hat sie viel zu tun. Täglich findet Unterricht per Videokonferenz statt. Zu den Hausaufgaben gibt es regelmäßiges Feedback.

Paul* besucht die 6. Klasse eines Gymnasiums in Saarbrücken. Nur bei seinem Mathelehrer gibt es regelmäßig Unterricht per Videokonferenz. Alle anderen Lehrer verteilen nur Arbeitsaufträge. Die Lösungen werden häufig nicht gesichtet.

Drei Beispiele, die zeigen, wie extrem unterschiedlich der Fernunterricht im zweiten großen Corona-Lockdown im Saarland abläuft.

„Viele Lehrer hinken hinterher“

Bernhard Strube, der Sprecher der Landeselterninitiative für Bildung e.V. bestätigt dem SR: „Das Bild ist extrem unterschiedlich bei Schulen und Lehrkräften." Wie der Fernunterricht ablaufe sei abhängig von Schulen und Lehrern, teilweise auch von Einzelpersonen. Und er spart auch nicht mit Kritik: Die technischen Möglichkeiten seien inzwischen weit gereift und man sehe viel Engagement. „Allerdings hinken die Fähigkeiten vieler in der Lehrerschaft hinterher. Bei manchen fehlt es auch an der Bereitschaft, sich mit den eigenen Lehrmaterialien umzustellen.“ Viele Mängel des Schulwesens würden im Corona-Stresstest noch deutlicher als sonst zutage treten, gerade veraltete Methoden von Unterricht und Lernen.

Auch über die Frage, welche Technik und welche Plattform für den Fernunterricht genutzt werden soll, war im Saarland immer wieder gestritten worden.

„Politik hat verschlafen“

Katja Oltmanns, stellvertretende Vorsitzende der Gesamtlandeselternvertretung sieht noch umfassendere Probleme. „Man hat es seitens der Politik verschlafen, rechtzeitig die Vorrausetzungen für guten Online-Unterricht zu schaffen. Das fängt bei der Ausbildung der Lehrer und Ausstattung der Schulen an und endet beim Netzausbau.“

Der aktuelle Online-Unterricht sei „ein absolutes Problem in Sachen Bildungsgerechtigkeit.“ Weil nicht alle Schüler gleichermaßen erreicht werden, würden sich „riesige Bildungslücken auftun“. „Im Prinzip haben wir ein komplettes Jahr ohne permanente Beschulung.“

Welche Folgen das für die aktuelle Schülergeneration haben wird, könne man nur schwer abschätzen, sagt auch Bernhard Strube. „Es gibt Befürchtungen, dass viele Kinder abgehängt werden, weil es von der Kompetenz des Elternhauses abhängt, die Defizite des Systems auszugleichen.“

Homeschooling im Saarland
Video [SR.de, (c) SR, 15.01.2021, Länge: 02:32 Min.]
Homeschooling im Saarland

„Präsenzunterricht die einzige Alternative“

Das Frustrierende daran: „Es gibt im Prinzip keine schnelle Lösung für das Problem“, sagt Oltmanns resigniert. Die aktuellen Erfahrungen zeigten aber, wie wichtig der Präsenzunterricht in den Schulen sei. „Wir waren ja immer – und haben dafür auch viel Kritik einstecken müssen – Befürworter des Präsenzunterrichts.“ Und das sei man nach wie vor. Aus eben dem Grund, dass der Fernunterricht so unterschiedlich ablaufe und die ohnehin schon bestehenden Unterschiede langfristig weiter verschärfe.

Über die Frage des Präsenzunterrichts in Zeiten mit hohen Corona-Fallzahlen war zuletzt im Saarland immer wieder heftig gestritten worden.

Unterricht per Livestream an Grundschule

In Güdingen und Bübingen wollten sich die Eltern und Lehrer der dortigen Grundschule nicht mit dem problembehafteten Fernunterricht abfinden. Im ersten Lockdown gab es dort ein Kind, das über Monate von zuhause beschult werden musste. „Wir haben uns dann für einen Livestream-Unterricht stark gemacht“, berichtet Anne Lahoda, stellvertretende Elternsprecherin der Schule.

Zunächst trafen sie dabei auf große Widerstände: „Der Schulleitung wurde unser Anliegen zunächst aufrgund datenschutzrechtlicher Bedenken untersagt. Das Ministerium selbst gab dann glücklicherweise sein Okay“, erzählt Lahoda. Die engagierten Eltern und Lehrer legten sich ins Zeug. „Wir haben uns von einer Lehrerin aus Rheinland-Pfalz beraten lassen, haben privat Tablets gesammelt, damit alle Kinder versorgt waren. Auch Eltern, die Probleme mit der Technik hatten, wurden unterstützt.“

Auch die Kleinsten kommen mit dem Stream klar

Kurz vor dem zweiten Lockdown konnte dann ein echter Hybridunterricht stattfinden: Ein Teil der 2. Klasse wurde lokal in der Schule unterrichtet, während der andere Teil der Kinder zuhause den Unterricht verfolgte. Aktuell haben alle Kinder der Klasse von zuhause aus täglich Unterricht per Video-Livestream. Und das klappt wirklich gut, berichtet Lahoda: „Die Lernkurve der Kinder ist erstaunlich. Sie machen wirklich sehr gut mit und sind disziplinierter in der Videokonferenz als viele Erwachsene.“ Sie sei froh, dass immer mehr Klassen an der Schule nachziehen würden. „Schüler und Eltern sind begeistert.“

Ein Beispiel, das im sprichwörtlichen Sinn Schule machen könnte und sollte – findet Lahoda. „Ich würde mir wünschen, dass man auch andere Schulen und Lehrer motiviert und Zielvorgaben macht, dass solche technischen Möglichkeiten genutzt werden sollten.“

Grüne fordern Leitlinien für Distanzunterricht

Die saarländischen Grünen haben das Bildungsministerium aufgefordert, schnellstmöglich mit Leitlinien zum Distanzunterricht zu entwickeln. Dies sei im vergangenen Jahr versäumt worden, erklärte Generalsekretärin Barbara Meyer-Gluche. Das Bildungsministerium sei daher dringend gefordert, den Schulen Handlungsempfehlungen für den Distanzunterricht zu geben, die eine einheitliche Tagesstruktur beinhalten - mit Zeiten für Videokonferenzen, selbstständiges Arbeiten und Feedbackrunden. Darüber hinaus müsse man Kinder gezielter dabei unterstützen, bereits entstandene Bildungslücken wieder aufzuholen.

* Die Namen der Kinder wurden zu ihrem Schutz geändert. Die richtigen Namen sind der Redaktion bekannt.

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