Ein Reklamheft "Faust" von Goethe (Foto: picture alliance/dpa | Nicolas Armer)

Der Weg zum Abitur führt nur über "Faust"

Sandra Schick   04.09.2022 | 09:14 Uhr

Im Saarland kommt kein Abiturient an Goethes "Faust" vorbei. Das Drama ist seit Langem Pflichtlektüre - im Gegensatz zu den meisten anderen Bundesländern, wo der Literaturklassiker nur noch freiwillig auf dem Lehrplan steht. Der Philologenverband fordert, an dem Werk festzuhalten. Die Themen darin seien aktueller denn je.

Goethes Faust ist das wohl berühmteste Drama der deutschen Literaturgeschichte. Doch in der Schule und im Theater verliert es inzwischen möglicherweise langsam an Bedeutung.

In vielen Bundesländern ist das Werk heute keine Pflichtlektüre mehr an den Gymnasien, wie eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur unter den Kultusministerien der Länder ergeben hat. Nur im Saarland, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen müssen Schülerinnen und Schüler auf dem Weg zum Abitur das Werk noch gelesen haben.

Philologen wollen an Faust festhalten

Im Saarland steht Faust I seit vielen Jahrzehnten verbindlich im Lehrplan der Oberstufe. Und der Philologenverband plädiert dafür, dass das auch so bleibt: "Der Faust ist mit den darin verarbeiteten Themen eines der aktuellsten Werke der deutschen Literatur", sagt der Sprecher des saarländischen Philologenverbandes Marcus Hahn.

Der Faust sei aktuell, "weil er das Verhältnis von Gut und Böse und die Bedeutung der Religion für einen aufgeklärten Menschen in einer zunehmend säkularisierten Welt diskutiert", so Hahn. Außerdem gehe es "um die Frage nach dem richtigen Umgang mit Liebe und Sexualität und der daraus resultierenden Verantwortung." Das sei "ein stets aktuelles Thema."

Vernünftige Begründungen für Streichung fehlen

Für die Lehrer ist Faust auch deshalb ein dankbares Werk, weil es sehr viele Verarbeitungen in literarischen Texten, Hörspielen, Filmen und Theateraufführungen gibt. Deshalb sei der Faust "gut zum Lernen über verschiedene Medien hinweg geeignet", berichtet Hahn. Er biete "eine besonders schülergerechte und dankbare Lern- und Unterrichtschance."

In der Vergangenheit hätten immer mal wieder Bildungsminister den Faust als verbindlichen Inhalt aus den Lehrplänen ihrer Bundesländer gestrichen. Zuletzt in Bayern, wo das Werk ab dem Schuljahr 2024/25 nicht mehr gelesen werden muss. "Vernünftige und fachlich fundierte Begründungen konnten dabei nie geliefert werden", so Hahn.

Weniger Theateraufführungen von "Faust"

Nicht nur an Schulen, sondern auch an den deutschen Theatern scheint der Faust aktuell an Bedeutung zu verlieren. Der Deutsche Bühnenverein registriert ein geringeres Interesse an dem Werk. Nur zwei Neuinszenierungen des großen Dramas sind laut Bühnenverein in der kommenden Spielzeit an deutschen Bühnen geplant.

"Das ist auffällig wenig", sagt eine Sprecherin des Vereins in Köln der Deutschen Presse-Agentur. Schon in der Spielzeit 2020/21 war der "Faust I" den Angaben zufolge "erstmals seit vielen Jahren nicht mehr an erster Stelle als meistinszeniertes Drama".

Theaterintendant betont Bedeutung

Der Intendant des Saarländischen Staatstheaters Bodo Busse betont im Gespräch mit dem SR die Bedeutung von Faust. "Die Geschichte um den Teufelspakt von Doktor Faustus für ewige Jugend,  Liebe, Sexualität, Macht, Wissen und Wohlstand ist ein europäischer Mythos, der immer neu gedeutet wurde", so Busse.

Es würden theologie- und wissenschaftskritische Fragen ebenso aufgeworfen wie eine Analyse der kapitalistischen Ökonomie vorgenommen. In Teil Zwei würde zudem die Gender-Frage und sexuelle Identität diskutiert.

"Allein die Diskussion, ob Faust noch in die Lehrpläne von Schulen oder auf die Spielpläne von Theatern gehört, zeigt doch, wie sehr wir auch in unseren Institutionen darauf achten müssen, nicht in eine einseitige Kultur- und Bildungskrise zu geraten, die grundsätzlich alle überlieferten Narrative durchstreicht, ohne wirklich Ersatz zu bieten", so Busse.

Zuletzt 2019 im Programm

Am Staatstheater wurde Faust zuletzt 2019 als Oper von Charles Gounod gezeigt. Die aktuelle Diskussion bringt den Intendanten zudem auf eine Idee, nämlich: "Uns gerade erst Recht über einen modernen Goethe-Faust Gedanken zu machen."

Denn: "Auch die Frage, ob Goethes Faust noch sinnvoll ist, ist letztlich eine „faustische“ Frage", sagt Busse.

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