Ein Krankenbett im Flur eines Krankenhauses (Foto: dpa/Sebastian Widmann)

Klinikleitung hatte Hinweise auf Unregelmäßigkeiten

Thomas Gerber   02.09.2019 | 19:05 Uhr

Im Fall des Krankenpflegers, der im Verdacht steht auf der Intensivstation der Völklinger SHG-Klinik mindestens fünf Patienten getötet zu haben, sind weitere Einzelheiten bekannt geworden. Demnach lagen der Klinikleitung Anfang 2016 Hinweise auf Unregelmäßigkeiten vor.

Der Pfleger hatte von 1. Januar 2015 bis zum 30. April 2016 auf der Intensivstation der Völklinger SHG-Klinik gearbeitet. Zuvor hatte er nach Angaben der Klinikleitung von 2011 bis Anfang 2014 seine Ausbildung als Krankenpfleger bei der SHG absolviert. Seine Leistungen seien mit "gut" bis "sehr gut" bewertet worden. Nach einer kurzen Beschäftigung an Kliniken in Hessen kehrte er dann Anfang 2015 nach Völklingen zurück. Aus „persönlichen Gründen“ habe er wieder ins Saarland gewollt.

Video [aktueller bericht, 02.09.2019, Länge: 3:02 Min.]
Neue Erkenntnisse zu Mordermittlungen an der Völklinger SHG Klinik

Wegen „illoyalen Verhaltens gegenüber seinem Arbeitgeber“ erfolgte nach etwa einem Jahr seine fristlose Kündigung, die im März 2016 vor dem Arbeitsgericht landete. Die SHG und der heute 27-Jährige einigten sich auf einen Vergleich, der unter anderem die Ausstellung eines Arbeitszeugnisses umfasste. Mit der Note „befriedigend“ im Arbeitszeugnis fand er dann bereist ab 1. Mai 2016 eine neue Stelle an der Homburger Uniklinik. Dort soll es zu Unregelmäßigkeiten bei der Vergabe von Medikamenten gekommen sein. Die Uniklinik beendete das Arbeitsverhältnis nach nur sechs Wochen.

Hinweise von Kollegen

Video [aktueller bericht, 02.09.2019, Länge: 3:58 Min.]
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Im Interview spricht Prof. Franz Lorenz, Leiter der Berufsakademie für Gesundheits- und Sozialwesen im Saarland, unter anderem über Fehlverhalten von Krankenpflegern und mögliche Kontrollmechanismen.

Während seines Jahres auf der Intensivstation in Völklingen hatte es offenbar mehrfach Hinweise von Kollegen und Kolleginnen gegeben. Diese hatten laut SHG sein Verhalten bei Reanimationen als "suspekt" beschrieben. So habe er Patienten plötzlich als reanimationspflichtig gemeldet, deren Gesundheitszustand bis dahin „stabil“ gewesen sei. Er habe dann die Kollegen gebeten, bei dem eingetretenen Notfall zu helfen. Zudem soll er gegenüber einer Angehörigen eines Patienten erklärt haben, dass es auf der Intensivstation Leute gebe, die „zum Pflegen da seien und solche, die den Patienten was antun wollten.“

Zudem stand der Mann auch im Verdacht, die Stationskasse gestohlen zu haben. Im März 2016 wurde dann festgestellt, dass aus dem Medikamentenschrank der Station im Abstand von drei Tagen Herzmittel verschwunden waren. Nach Angaben der SHG handelte es sich dabei um ein Präparat, dessen Wirkstoff jetzt - nach der Exhumierung seiner mutmaßlichen Opfer - von der Gerichtsmedizin nachgewiesen werden konnte. Ein Präparat, das von den Ärzten nicht verordnet worden war, das aber für Mitarbeiter der Station nahezu frei zugänglich war, da es sich nicht um ein Betäubungsmittel handelt.

Fristlose Kündigung

Es kam schließlich zur fristlosen Kündigung und dem Wechsel des Mannes an die Uniklinik in Homburg. Die Klinik bestätigte dem SR, dass der Mann dort insgesamt nur 16 Tage auf der Intensivstation gearbeitet hatte. Dann wurde er fristlos entlassen. Hintergrund der Kündigung sei der Diebstahl von Material im Wert von mehreren Tausend Euro gewesen. Die Gegenstände seien nach der Festnahme des Pflegers in einem anderen Krankenhaus sichergestellt worden.

Kollegengespräch: "Es ist die große Befürchtung, dass es noch mehr Opfer gibt"
Audio [SR 3, Kollegengespräch: Gerd Heger/Thomas Gerber, 02.09.2019, Länge: 03:39 Min.]
Kollegengespräch: "Es ist die große Befürchtung, dass es noch mehr Opfer gibt"

Zudem habe der Verdacht bestanden, dass einer Patientin ohne ärztliche Indikation Schlaf- und Herzmittel verabreicht worden waren. Die Frau sei durch die Gabe eines "sogenannten Gegenmittels, das die Wirkung des Schlafmittels hemmte, stabilisiert" worden. Die verabreichten Mittel habe man nach dem Vorfall im Blut der Patientin nachweisen können. Die aufgrund dieses Vorfalls eingeleiteten internen Ermittlungen seien gegen Unbekannt geführt worden.

Dass es zuvor ein arbeitsgerichtliches Verfahren des Beschuldigten mit seinem vorherigen Arbeitgeber gegeben hatte, war der Uniklink nach eigenen Angaben nicht bekannt. Bei seiner Einstellung habe er ein "sehr gutes Examenszeugnis" vorgelegt. Das Arbeitszeugnis sollte nachgereicht werden, wozu es aber nicht mehr gekommen sei.

Ermittler ließen Leichen exhumieren

Im Juni 2016 war der Pfleger als falscher Narkosearzt aus Homburg im Krankenhaus Saarburg aufgetaucht. Die Ermittler fragten auch bei seinem vorherigen Arbeitsplatz in Völklingen nach. Akten von verstorbenen und reanimierten Patienten wurden sichergestellt. Nachdem die SHG bei internen Untersuchungen zunächst keine auffällige Häufung von Todesfällen oder Reanimationen festgestellt hatte, ließen die Ermittler dennoch die Leichen von sieben Patienten der SHG-Klinik exhumieren und wurden fündig: Spuren ärztlich nicht verordneter Medikamente waren nachweisbar.

Der Beschuldigte selbst schweigt bisher zu den Vorwürfen. Ob die vorhandenen Indizien ausreichen, ihm den Prozess zu machen, ist offen. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wegen fünffachen vollendeten und zweifachen versuchten Mordes dauern an.

Über dieses Thema haben auch die SR-Hörfunknachrichten und die SR3-Rundschau vom 02.09.2019 berichtet.

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