Ein Mann sitzt vor einem Mikroskop. (Foto: NDR/"Fake Science")

Falsche Fachjournale: Medizin besonders anfällig

Caroline Uhl / Niklas Resch   20.07.2018 | 06:30 Uhr

Über 40 Mediziner des Universitätsklinikums Homburg tauchen in dubiosen Online-Zeitschriften scheinwissenschaftlicher Verlage auf. Die Medizin ist damit so anfällig für die Machenschaften dieser windigen Verlage wie keine andere Fachrichtung an der Universität des Saarlandes. Das könnte am hohen Publikationsdruck in der Medizin liegen – und auch am Geld.

Sascha Meyer ärgert sich bis heute. Der Professor für Kinderheilkunde ist einer von über 40 Medizinern vom Uniklinikum Homburg, deren Namen in Journalen scheinwissenschaftlicher Verleger auftauchen. Das ergaben Recherchen von ARD und Süddeutscher Zeitung, an denen sich der SR beteiligt hat. Diese Verlage geben vor, seriöse Online-Fachzeitschriften herauszugeben, in denen Forscher die Ergebnisse ihrer Arbeit veröffentlichen sollen. Doch in Wirklichkeit halten die betreffenden Verlage die Qualitätskriterien wissenschaftlichen Publizierens nicht ein und veröffentlichen gegen Zahlung ungeprüft alles.

"Bringt mir gar nichts"

Medizin-Professor Sascha Meyer (Foto: SR)
Medizin-Professor Sascha Meyer

Meyer hatte 2012 und 2014 gemeinsam mit Kollegen zwei Texte bei einem solchen Verlag veröffentlicht. Eigentlich dachte er damals, die Online-Zeitschrift sei eine interessante Alternative zu den gängigen fachwissenschaftlichen Journalen. Aber er lag falsch. In für Mediziner wichtigen Publikationsdatenbanken sind seine Arbeiten nicht zu finden, obwohl der Verlag das in Aussicht gestellt hatte. Stattdessen verlangte das Unternehmen von Meyer viel Geld, damit der Artikel überhaupt erscheint. Zumindest das konnte der Kinderarzt abwenden – er verweigerte die Zahlung einfach.

Fake Science: Sonderfall Medizin
Audio [SR 3, Caroline Uhl, 20.07.2018, Länge: 02:31 Min.]
Fake Science: Sonderfall Medizin

Aber seine Texte sind für die Wissenschaft quasi verloren, wie Meyer im Nachhinein zugeben muss. "Es bringt gar nichts, es ist kontraproduktiv in solchen Journals aufzutauchen. Sie sind nicht gelistet, die Medical-Community erfährt davon nie etwas", sagt er. Und auch, um Forschungsgelder zu beantragen, seien Publikationen in scheinwissenschaftlichen Verlagen unbrauchbar. Denn die Geldgeber achteten schon darauf, dass ein Wissenschaftler seine Artikel in bekannten Fachzeitschriften unterbringe.

Anziehung auf Mediziner

Und trotzdem scheinen pseudowissenschaftliche Verlage speziell auf Mediziner eine besondere Anziehungskraft auszuüben. Über die Hälfte der 80 Saar-Wissenschaftler, deren Namen nach SR-Recherchen im Zusammenhang mit Publikationen in scheinwissenschaftlichen Verlagen auftauchen, kommen vom Uniklinikum Homburg.

Selbst der Dekan der medizinischen Fakultät, Michael Menger, kann nur Vermutungen aufstellen, woran das liegen könnte. Die Medizin sei ein umworbener, schneller Markt, viel schneller als beispielsweise der philosophische Bereich, sagt Menger. Und: In der Medizin steckt viel Geld, etwa von Drittmittelgebern. "In der Medizin, das will ich nicht verhehlen, ist der Umsatz an Geld in der Forschung natürlich sehr, sehr hoch", ergänzt der Dekan.

Mehr Geld für gute Journale

Dabei hat das Universitätsklinikum in Homburg eigentlich schon einen Mechanismus eingebaut, der Publikationen in schlechten oder scheinwissenschaftlichen Zeitschriften unattraktiv machen soll – die sogenannte "Leistungsorientierte Mittelvergabe": Wer in renommierten Zeitschriften veröffentlicht, erhält mehr Geld von der Fakultät, wer in schlechteren Journals veröffentlicht, weniger. Für Texte in pseudowissenschaftlichen Verlagen gibt es gar kein Geld. Aber, die Recherchen haben gezeigt: Ganz abschalten lässt sich der Missbrauch dadurch auch nicht.

Die Leitung der gesamten Universität des Saarlandes hat bereits angekündigt, ihre Mitarbeiter künftig mehr zu informieren und mehr zu sensibilisieren für die Problematik dieser dubiosen Verleger. Jede Publikation in einem solchen Verlag sei eine zu viel – egal ob in der Medizin oder in anderen Fachbereichen.

Kinderarzt Meyer hat seine Lektion gelernt. "Die Konsequenz für mich ist eindeutig: Ich weiß jetzt, dass es dieses Phänomen gibt, diese Publikationsorgane, und ich werde auf jeden Fall in diesen nicht mehr publizieren." Und auch allen Kollegen rät der Medizin-Professor, es genauso zu tun.

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