Studien in pseudowissenschaftlichen Journalen sollen die Wirksamkeit des Krebsmittels belegen. (Foto: NDR/"Fake Science")

Trügerische Geschäfte mit umstrittenen Mittelchen

Caroline Uhl / Niklas Resch   20.07.2018 | 12:23 Uhr

Hersteller umstrittener Medikamente nutzen pseudowissenschaftliche Journale für fragwürdiges Marketing. Recherchen von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" zeigen, wie schnell und einfach sich alle möglichen Mittelchen in scheinwissenschaftlichen Journalen als wirksam darstellen lassen. Für den Laien ist das kaum zu entlarven.

Die trügerische Hoffnung der Miriam Pielhau
Audio [SR 3, (c) Peter Hornung, 20.07.2018, Länge: 02:34 Min.]
Die trügerische Hoffnung der Miriam Pielhau

Es ist ein perfides Geschäft mit der Gesundheit: Präparate versprechen Heilung gegen schlimme Krankheiten, beworben mit Untersuchungen, die in angeblichen Fachjournalen veröffentlicht werden. So geschah es bei einem umstrittenen Mittel, das Krebs heilen sollte. Es wurde mit einer Reihe von Studien beworben und an Schwerkranke verkauft. Das ergaben Recherchen von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung".

Diese Studien entsprachen den Recherchen zufolge aber nicht den wissenschaftlichen Standards. Offenbar wurden sie nicht durch andere, erfahrene Krebsspezialisten geprüft. Ein Verlag, der die Untersuchungen veröffentlichte, fand sich dennoch, allerdings kein seriöser, sondern ein sogenannter scheinwissenschaftlicher Verlag.

Das Geschäftsmodell dieser Unternehmen: Sie verlegen unzählige angebliche Wissenschaftsjournale im Internet und werben bei Wissenschaftlern aggressiv darum, dass diese gegen Zahlung dort Fachartikel veröffentlichen. Allerdings halten die Verlage versprochene Standards nicht ein. Die Verlage öffnen auch Scharlatanen Tür und Tor, um Blödsinn als wirkungsvolles Präparat zu verkaufen. Der medizinische Laie kann das kaum erkennen.

Unwissend ins Desaster

Fake Science: Medikamentenproblematik
Audio [SR 3, (c) SR Caroline Uhl, 20.07.2018, Länge: 01:22 Min.]
Fake Science: Medikamentenproblematik

Umso wichtiger sei es, dass Ärzte Studien lesen und einordnen könnten, sagt der Dekan der medizinischen Fakultät der Saar-Uni, Michael Menger. Im Medizin-Studium gehe es neben der praktischen Ausbildung eben auch darum, "Studien zu lesen und zu beurteilen", beschreibt Menger. Denn: "Wenn ich nur auf Google gehe und irgendetwas suche, dann ist das Risiko riesengroß, dass ich irgendwo lande, was wissenschaftlich überhaupt nicht belegt ist. Wenn ich mich dann danach richte in meiner Behandlung oder in meinem Verhalten, dann ist natürlich ein Risiko da, dass das in einem Desaster endet", warnt der Dekan.

Selbst für studierte Mediziner steckt der Teufel oft im Detail. Ein Beispiel: In einer Untersuchung zu einem neuen Krebsmedikament heißt es, das Präparat führe zu einem besseren Überleben. "Dann wird aber vielleicht nicht mitgeteilt: Wie lange ist das signifikante Überleben? Sind das zwei Monate, drei Monate? Und wie ist die Lebensqualität?", beschreibt Norbert Graf, Krebsforscher am Uniklinikum Homburg. "Das ist etwas, was wir in unseren Vorlesungen den Studenten auch sagen, dass sie das kritisch anschauen müssen, wie diese Studien gemacht sind", erläutert der Professor für Kinderonkologie.

Nonsens als Wissenschaft

Exakt auf solche Dinge schauen auch die Experten, die im Auftrag seriöser Verlage Studien streng prüfen. Ihr Wort beeinflusst auch, ob ein Wissenschaftsjournal eine Studie veröffentlicht oder nicht. Es ist genau dieser Prozess, den pseudowissenschaftliche Verlage zwar vorgaukeln, aber nicht einhalten.

Umso bedenklicher ist es vor diesem Hintergrund allerdings, dass ausgerechnet die Medizin besonders anfällig für jene Verlage zu sein scheint: Über die Hälfte der Wissenschaftler der Universität des Saarlandes, die als Autoren in pseudowissenschaftlichen Journalen auftauchen, kommen vom Universitätsklinikum. Dabei untergräbt, wer diese Verlage nutzt, die Glaubwürdigkeit seiner eigenen Zunft.

Reporter des SZ-Magazins zeigen, wie einfach es ist: Sie reichten bei einem scheinwissenschaftlichen Verlag eine frei erfundene Studie ein. Das Thema: Bienenharz heilt Krebs. Der Verlag nahm den Text an – und machte die Lüge zur Wissenschaft.

Über dieses Thema wurde auch in der Sendung Guten Morgen auf SR 3 Saarlandwelle vom 20.07.2018 berichtet.

Artikel mit anderen teilen