Mit der wissenschaftlichen Arbeit beschäftigt. (Foto: NDR / Screenshot "Fake Science)

Uni erhöht Druck im Kampf gegen dubiose Verlage

Caroline Uhl   30.07.2019 | 13:00 Uhr

Die Saarbrücker Uni hat ihre Anstrengungen im Kampf gegen unseriöse Wissenschaftszeitschriften verstärkt. Vor einem Jahr hatten Recherchen des SR offengelegt, dass auch die Namen saarländischer Forscher in pseudowissenschaftlichen Online-Zeitschriften auftauchen. Ein Jahr später hat der SR noch einmal nachgeprüft.

Video [aktueller bericht, 30.07.2019, ab 15:18 Min.]
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Getarnt als seriöse Zeitschriftenverlage für Forscher unterwandern sogenannte "Raubverlage" den Wissenschaftsbetrieb. Sie werben um Forscher und bieten ihnen an, ihre wissenschaftlichen Texte für geringe Gebühr in frei zugänglichen Online-Journalen zu veröffentlichen. Sie halten dabei aber oft grundlegende Regeln der wissenschaftlichen Qualitätssicherung nicht ein. So gibt es häufig keine Kontrolle von Artikeln durch Experten. Seriöse Wissenschaft steht so gleichrangig neben unseriöser Pseudo-Wissenschaft.

Ein Jahr nach "Fake Science"
Audio [SR 3, Carolin Uhl, 30.07.2019, Länge: 03:10 Min.]
Ein Jahr nach "Fake Science"

Recherchen von ARD und Süddeutscher Zeitung hatten im vergangenen Jahr gezeigt, dass sich eine ganze Branche gebildet hat. Sie umfasst sowohl Verleger pseudowissenschaftlicher Zeitschriften als auch Anbieter von unseriösen angeblichen Wissenschaftskonferenzen. Deutschlandweit tauchten laut den Recherchen die Namen von über 5000 Wissenschaftlern in den Autorenzeilen solcher Journale oder auf den Teilnehmerlisten von Fake-Konferenzen auf. Weltweit waren mehrere hunderttausend Forscher verwickelt. Recherchen des SR hatten vor einem Jahr ergeben, dass auch die Namen von 80 Wissenschaftlern der Saar-Uni in unseriösen Online-Zeitschriften oder in Unterlagen zu Fake-Konferenzen auftauchten.

Mehr Anfragen zum Thema

Universitätspräsident Manfred Schmitt sprach damals zwar von „Einzelfällen“. Dennoch erhöhte die Hochschule in den zurückliegenden Monaten ihre Anstrengungen, um Wissenschaftler von zwielichtigen Verlegern fernzuhalten. Und auch unter den Wissenschaftlern selbst ist die Sensibilität für das Thema Raubverleger offenbar gestiegen. "Es ist tatsächlich so, dass sich die Anfragen gehäuft haben", sagt der Publikationsberater der Universitäts- und Landesbibliothek, Dr. Ulrich Herb. Auch auf Info-Veranstaltungen zum Publizieren in frei zugänglichen Online-Journale nehme das Thema heute größeren Raum ein als früher.

Die Saar-Uni hat mittlerweile zudem einen Fonds eingerichtet. Für Veröffentlichungen in seriösen frei zugänglichen Online-Journalen gewährt die Uni ihren Wissenschaftlern – mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft – nun Zuschüsse bei der anfallenden Publikationsgebühr. "Dadurch bekommen wir mit, wo die Leute open access publizieren und können korrigierend eingreifen", beschreibt Herb. Seit Start des Fonds vor einigen Monaten habe es aber noch keinen kritischen Fall gegeben. Zudem sollen die Wissenschaftler ab kommendem Monat zentral melden, wo sie Fachartikel veröffentlichen. Die Uni will so eine eigene Bibliografie aufbauen und mehr Überblick bekommen, wo die eigenen Wissenschaftler überhaupt ihre Artikel veröffentlichen.

Darüber hinaus gab es Schreiben und Info-Veranstaltungen, um Beschäftigte und Studenten verstärkt für die Problematik der unseriösen Verlage zu sensibilisieren. Schon im vergangenen September hatte sich außerdem der Wissenschaftsausschuss des Landtags mit dem Thema befasst.

Die Anstrengungen zeigen offenbar erste Erfolge. Eine neuerliche Recherche des SR ergab nun: In den zurückliegenden zwölf Monaten tauchen nur noch in einem Fall Wissenschaftler der Saar-Uni in einer Zeitschrift eines dubiosen Verlags auf.

Aus der eigenen Liste streichen

Deutschlandweit hatte es laut einer Umfrage des NDR seit dem vergangenen Sommer Info-Veranstaltungen und Zusatzberatungen an den Hochschulen zum Thema gegeben. Die Universität Hannover empfahl betroffenen Wissenschaftlern den Angaben zufolge zudem, in zwielichtigen Journalen veröffentlichte Texte aus ihren Publikationslisten zu entfernen. Andere Hochschulen wollten in Einzelfällen prüfen, ob gar wissenschaftliches Fehlverhalten betroffener Mitarbeiter vorlag.

Hohe Strafe für Branchenriese

Der indische Branchenriese Omics hat unterdessen in den USA eine bittere gerichtliche Niederlage eingesteckt. Omics gilt als ein Schwergewicht unter den scheinwissenschaftlichen Verlagen; auch bei mehr als der Hälfte der saarländischen Fälle handelte es sich um Veröffentlichungen in einer Omics-Zeitschrift oder um Verbindungen zu Omics-Konferenzen.

Ein Bundesgericht im US-Staat Nevada verurteilte den Konzern im April zu einer Strafe von rund 50 Millionen US-Dollar (45 Millionen Euro) und sprach zudem ein weitgehendes Tätigkeitsverbot in den USA aus. Der Anwalt des Konzerns kündigte damals gegenüber dem NDR an, in Berufung zu gehen.

Über dieses Thema haben auch die SR-Hörfunknachrichten am 30.07.2019 berichtet.


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