Eine Frau steht mit einem Maßband vor dem Spiegel. (Foto: Imago/Panthermedia)

Pandemie kann Essstörungen begünstigen

Melina Miller   20.02.2021 | 08:45 Uhr

Unregelmäßige Mahlzeiten, fehlende soziale Kontrolle und viel Zeit alleine zuhause: Das alles sind Faktoren, die eine Essstörung in Zeiten von Lockdown und Pandemie begünstigen können. Auch im Saarland stellen Ärztinnen und Ärzte fest, dass mehr junge Menschen ein gestörtes Essverhalten haben.

Die Corona-Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen sind für viele Menschen eine Herausforderung - der gewohnte Alltag wird auf den Kopf gestellt, soziale Kontakte werden reduziert. Diese Umstände können auch die psychische Gesundheit belasten - und unter Umständen alte Krankheiten wieder hervorrufen oder neue begünstigen.

Eine besonders betroffene Gruppe sind Personen mit Essstörungen wie einer Ess-Brech-Sucht oder Magersucht. Aber auch eine starke Gewichtszunahme durch zu viel Essen in kurzer Zeit, sogenanntes Binge-Eating, kann krankhaft werden.

Kinderarzt: "Die Störungen häufen sich"

Im Saarland gibt es aktuell keine statistische Auswertung, wie viel mehr Patientinnen und Patienten seit der Corona-Pandemie an einer Essstörung erkrankt oder rückfällig geworden sind. Nach Angaben von Prof. Winfried Häuser, Ärztlicher Leiter der Psychosomatik am Klinikum Saarbrücken, berichten allerdings insbesondere Kinder- und Jugendärzte, dass sie diesbezüglich mehr Anfragen erreichen. Der Vorsitzende des saarländischen Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, Werner Meier, bestätigt: "Die Störungen im Essverhalten häufen sich."

Auch die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Uniklinik des Saarlandes stellt einen Trend in diese Richtung fest. Sie sehe vermehrt Kinder und Jugendliche mit Magersucht, aber auch mehr mit deutlicher Fettleibigkeit, sagt die Direktorin der Klinik, Prof. Eva Möhler. Eine systematische Erhebung der Daten gebe es allerdings bisher auch hier nicht.

Häufig junge Menschen betroffen

Betroffen von einer Bulimie oder Magersucht sind laut Möhler vor allem Mädchen und Frauen zwischen zwölf und 20 Jahren. "Das ist die Patientengruppe, die uns momentan verstärkt mit sehr niedrigem Gewicht und Komplikationen zugewiesen wird." Winfried Häuser ergänzt: "Das ist häufig auch die Altersgruppe, die momentan am meisten von Homeschooling, Online-Uni und fehlenden sozialen Kontakten betroffen ist."

Diese veränderte Tagesstruktur sei ein Faktor, der eine Essstörung begünstigen könnte, so Häuser. Wer mehr Zeit zuhause verbringe, könne sich mehr mit dem Thema Essen beschäftigen. Vor allem bei einer Bulimie oder einer sogenannten Binge-Eating-Essstörung kann die ständige Reichweite von Lebensmitteln zuhause dazu führen, dass sich die Symptome verstärken. Laut Kinderarzt Werner Meier zeigt sich letzteres momentan zum Beispiel darin, dass mehr übergewichtige Kinder in seine Praxis kommen.

Soziale Kontrolle fehlt

Ein weiterer Aspekt ist, dass sich durch die aktuelle Situation viele junge Menschen langweilen oder niedergeschlagen fühlen. "Eine Essstörung ist ein Versuch, diese negativen Gefühle auszugleichen", erklärt Häuser. Auch Katja Rieck, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Uniklinik in Homburg sagt: "Ich erlebe viele Jugendliche durchaus besorgt über die aktuelle Situation und die Zukunft. Die aktuelle Unvorhersagbarkeit könnte eventuell das Kontrollbedürfnis über das eigene Essen und Gewicht vergrößern."

Hinzu kommen die fehlenden sozialen Kontakte, erklärt Winfried Häuser: "Sozialkontakte sind eines der wichtigsten therapeutischen Mittel von Erkrankten." Fallen diese weg, wirkt sich das stark auf die Psyche aus. Studien zufolge sind diese Faktoren - tägliche Routinen, Pläne und schöne Aktivitäten - die hilfreichsten Strategien, um Essstörungen zu besiegen.

Studienlage: Symptome verstärkt

Einige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler außerhalb des Saarlandes haben sich bereits empirisch mit dem Phänomen auseinandergesetzt. So zeigt beispielsweise eine Studie der Ludwig Maximilian Universität in München, wie sich der Zustand von ehemaligen Patientinnen mit einer Essstörung durch die Pandemie verändert hat. Dabei wurden Frauen befragt, die bereits einmal aufgrund einer Bulimie oder Magersucht in Behandlung waren. Das Ergebnis: Fast die Hälfte der Bulimie-Patientinnen gab an, dass sich die Symptome ihrer Essstörung durch die Pandemie verschlechtert hätten.

Bei den Frauen, die vor dem Hintergrund einer Magersucht befragt wurden, gaben sogar 70 Prozent an, dass die Gedanken rund um die Themen Gewicht, Figur, Essen und Sport in der Pandemie zugenommen haben. Auch Gefühle wie Traurigkeit, Einsamkeit und innere Unruhe spielten demnach im Lockdown eine größere Rolle als zuvor.

Wichtig: professionelle Hilfe suchen

Gleichzeitig ist der Zugang zu persönlicher Psychotherapie in der Pandemie schwieriger geworden. Auch das spiele eine Rolle, sagt der Arzt Winfried Häuser. Für viele Betroffene sei das direkte Gegenübersitzen für den Therapieerfolg wichtig. Pandemiebedingt können allerdings mittlerweile viele Sprechstunden nur per Videoschalte stattfinden, so Häuser.

Wer bei Angehörigen oder Bekannten ein gestörtes Essverhalten vermutet, sollte laut den Expertinnen und Experten vor allem empathisch reagieren. Vorwürfe würden nicht weiterhelfen. Eva Möhler betont: "Man sollte Verständnis signalisieren, dass die Essstörung vielleicht ein momentan alternativlos erscheinender Lösungsversuch des jungen Menschen sein könnte. Und sich nicht scheuen, professionelle Hilfe zu holen - je früher desto besser."


Wer mit seinem Essverhalten kämpft oder Unterstützung braucht, kann sich unter anderem bei Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) beraten lassen. Dafür gibt es die kostenlose Servicenummer: (0221) 89 20 31. Außerdem gibt es auf der Seite der BZgA gesammelte Informationen zu Hilfsangeboten.

Wer Sorgen oder Ängste hat und mit Fachleuten sprechen möchte, kann sich auch an die kostenlose Telefonseelsorge wenden. Diese ist rund um die Uhr unter den Nummern 0800 / 111 0 111, 0800 / 111 0 222 oder 116 123 oder per Mail und Chat erreichbar.

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