Der Angeklagte (r) sitzt neben seinem Verteidiger Walter Teusch im Saal des Landgerichts Saarbrücken. (Foto: picture alliance/dpa | Birgit Reichert)

Ermittler sagt in Cybertrading-Prozess aus

Caronline Uhl   04.05.2022 | 14:56 Uhr

Im Saarbrücker Prozess um millionenfachen Betrug mit gezinkten Online-Finanzportalen hat am Mittwoch ein erster Ermittler ausgesagt. Er beschrieb Aufbau und Infrastruktur der internationalen Bande und gab Einblicke in die Arbeit der Polizei.

Angeklagt in dem Prozess vor dem Saarbrücker Landgericht ist der 29-Jährige Azem S., der im Kosovo ein Callcenter mit mehr als 430 Mitarbeitern betrieben haben soll. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm gewerbsmäßigen Bandenbetrug vor. Er soll Teil eines internationalen Netzwerks sein, das mit fünf gezinkten Onlinetrading-Plattformen Anleger um ihr Geld gebracht haben soll.

Erster Zeuge in dem Prozess war am Mittwoch ein Beamter, der bei der Saarbrücker Polizei einer der Ermittler zu dem Netzwerk war. Seinen Ausführungen zufolge wurden die Saarbrücker Behörden erstmals Ende 2017 auf eine Plattform aufmerksam, über die Anleger Geld verloren hatten – drei saarländische Betroffene hatten Strafanzeige erstattet.

Als Anleger getarnt

Wie er in seiner mehr als vier Stunden dauernden Aussage erläuterte, nahmen fortan die Ermittlungen ihren Lauf. Es wurden Hintermänner und Firmengeflechte enttarnt. Und auch selbst machte sich der Ermittler ein Bild vom Vorgehen der Bande.

Er habe sich selbst als interessierter Anleger getarnt und einen kleineren dreistelligen Betrag investiert, berichtete er am Mittwoch in seiner Befragung. So habe der Ermittler quasi inkognito Kontakt zu Callcenter-Agenten bekommen.

Die hätten ihn zu weiteren Einzahlungen bringen wollen, die allgemeinen Risiken von Finanzwetten aber verschwiegen. Stattdessen die Stimmung „aufgeheizt“, wie er beschrieb. Beispielsweise habe es geheißen, dass gerade andere Kunden dabei seien, gutes Geld zu verdienen.

Callcenter im Kosovo

Solche Motivationsreden folgten laut dem Ermittler nur einem einzigen Ziel: Kunden zum Einzahlen zu bringen. Das gehe aus Schulungsunterlagen hervor, die die Beamten 2019 bei einer Razzia in einem Callcenter in Tschechien gefunden hatten.

Azem S. soll ein vergleichbares Callcenter im Kosovo betrieben haben. Die Callcenter in Tschechien und im Kosovo hätten sich die Kunden untereinander aufgeteilt.

Uwe L. als Kopf der Bande

Während der Angeklagte ansonsten am zweiten Verhandlungstag kaum Thema der Vernehmung war, ging es häufig um den eigentlichen Hauptverdächtigen in diesem Fall, Uwe L. Er war 2020 in Untersuchungshaft verstorben.

L. war laut dem Ermittler der Kopf hinter der ganzen Bande. Er habe etwa alle fünf Plattformen, um die es in dem Gerichtsprozess geht, besessen, Anweisungen erteilt und sich immer wieder ausgesuchte Daten und Ergebnisse vorlegen lassen.

Prozess wird kommende Woche fortgesetzt

Wie am Mittwoch in dem Prozess allerdings ebenfalls bekannt wurde, hatte der Hauptverdächtige selbst zu Lebzeiten über seinen Anwalt die Inhaberschaft der Plattformen bestritten. In der kommenden Woche wird der Prozess fortgesetzt. Dann könnten weitere Ermittler gehört werden.

Über dieses Thema haben auch die SR-Hörfunknachrichten am 04.05.2022 berichtet.

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