Bernhard Käfer, Frank Hassel, Stefan Busch und Günter Felten (Foto: SR)

Erinnerungen an das Ende der Steinkohle an der Saar

Sarah Sassou   28.06.2022 | 08:30 Uhr

Das kennen einige noch: An den Bushaltestellen in saarländischen Dörfern hielten mehrmals am Tag Busse, die gar nicht auf dem offiziellen Fahrplan standen. Das waren die Grubenbusse, die die Männer zu ihren Schichten in den Bergwerken brachten. Doch diese Zeiten sind vorbei. Das letzte Bergwerk in Ensdorf stellte seinen Betrieb am 30. Juni 2012 ein. Stefan Busch aus Wiesbach bei Eppelborn holte damals das letzte Stück Steinkohle aus der Grube.

Stefan Busch steht in der Maschinenhalle der Grube Ensdorf. Durch die offene Hallentür schaut er nach draußen auf den Förderturm. Das große Rad ist mittlerweile abgebaut. Auch der Korb, der die Bergleute bis zu fast 900 Meter in die Tiefe gebracht hat, ist weg.

Emotionaler Abschied

Weil er 2012 der letzte Partiemann, also der letzte Vorarbeiter, im aktiven Dienst war, durfte Stefan Busch das letzte Stück Steinkohle nach oben bringen, das in der Grube gefördert wurde. In einem festlichen Akt mit tausenden Zuschauern hatte er die Aufgabe, stellvertretend für alle saarländischen Bergleute Abschied von der Kohle zu nehmen.

Busch erinnert sich genau daran, als er oben stand. „Man sieht es ja auch auf den Bildern, wie emotional das Ganze war. Da habe ich persönlich erst wahrgenommen: So, jetzt ist Schluss. Ich habe da oben gestanden und runtergeschaut. Da war der Kloß im Hals… ich wollte eigentlich noch mehr sagen, doch das ging gar nicht. Als ich den Leuten ins Gesicht geschaut habe, habe ich: So, jetzt ist Schluss, jetzt ist wirklich Schluss!“

Maschinenhalle - Fördermaschine (Foto: SR / Sassou Sarah)
Maschinenhalle - Fördermaschine

Im Publikum waren auch sein damals zehnjähriger Sohn und seine Frau. Erst kürzlich hätten sie die Filmaufnahmen zuhause noch mal angeschaut.

„Da musste ich von der Couch aufstehen und in die Küche gehen. Ich hab gedacht, das gibt es doch gar nicht“, gibt Busch zu, wie sehr ihn das Ereignis immer noch aufwühlt.

Medizinische Versorgung schwierig

1981 fängt Busch mit der Lehre zum Bergmann an – wie die meisten aus seiner Klasse. „Von 21 Jungs sind 19 auf die Grube“, erzählt er.

Das Bergwerk in Göttelborn ist seine Grube, bis es 2000 geschlossen wird. Denn der Abbau lohnt sich nicht mehr für die Betreiber.

Busch wird ins Bergwerk Ensdorf versetzt. Dort lernt er Günter Felten kennen. Damals verbindet sie die schwere und oftmals gefährliche Arbeit unter Tage.

Doch es kommt auch mal zu Unfällen und dann dauert es ewig, den Kameraden medizinisch zu versorgen. „Wir sind mit dem Zug anderthalb Stunden bis zu unserem Arbeitsplatz unter Tage gefahren. Wenn dann was war, musste der Arzt erstmal aus der Klinik zur Grube kommen, sich umziehen, dann mit dem Zug bis zum Unfallort fahren. Bis der da war oder bis man den Verletzten am Schacht hatte…oh Jesses! Aber zum Glück kam das nicht so oft vor.“

Einmal Bergmann, immer Bergmann

Deswegen war es unabdingbar, dass alle aufeinander aufpassten. Wurde einer leichtsinnig bei der Arbeit, riefen ihn die anderen zur Räson. Fehler vermeiden, um Unfälle zu vermeiden, heil wieder rauskommen – das war das Wichtigste.

Einer hilft dem anderen unter Tage, aber auch oben. Das gemeinsame Bier nach getaner Arbeit, sich über alles austauschen, was einen bewegt, die Freundschaft auch im Privaten, das alles habe es ausgemacht. Günter Felten nickt dazu.

Er ging schon 2008 in Rente, mit 49. Der Ensdorfer wohnt direkt neben der Grube und ist auch Vorsitzender des Berg- und Hüttenarbeitervereins, der sich um die Maschinenhalle kümmert.

Einmal Bergmann, immer Bergmann, da sind sich die Männer einig. „An meinem letzten Tag haben die Kameraden unter Tage alles geschmückt, mit Luftballons und so. Und als ich dann nachher raus bin, war ich nur froh, dass ich heil rausgekommen bin, dass mir nie was passiert ist“, erinnert er sich an seinen letzten Arbeitstag.

"Land & Leute": Das Saarland ohne Kohle
Audio [SR 3, Sarah Sassou, 26.06.2022, Länge: 25:50 Min.]
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Ruhestand mit Bedauern

Vier Jahre später, als dann der gesamte Steinkohlenbergbau zu Ende geht, kommt auch Felten zu den Feierlichkeiten. „Ganz locker bin ich da hin. Ich hatte meinen letzten Tag ja schon hinter mir“, erzählt er.

„Aber als dann der Stefan die Kohle da rausgeholt hat und wir alle in Tracht da standen, da ist einem schon das Pipi in die Augen gekommen. Das hätte ich nie gedacht, weil ich vorher so locker war.“

Bei den Bergleuten, jungen wie alten, kommen an dem Tag Emotionen hoch, weil ihnen nun klar wird: Das, an dem unser Herz hängt, der Steinkohlenbergbau, wird es nicht mehr geben.

„Ich wäre gern noch ein bisschen auf die Grube schaffen gegangen“, sagt Günter Felten heute. Stefan Busch nickt. Er war noch bis 2017 bei der Grubenwehr in Ensdorf.

Dann ging auch er in den Ruhestand, mit Bedauern. „Für mich persönlich war es der Job, den ich immer haben wollte. Egal, wie schwer es war, egal wie gefährlich es war. Es hat für mich persönlich immer Spaß gemacht. Es war mein Job gewesen.“

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