Schulkinder steigen in das Auto ihrer Eltern (Foto: picture alliance / Ralf Hirschberger/dpa-Zentralbild/dpa)

Elterntaxis: Nicht nur für den Verkehr ein Problem

Christian Leistenschneider   24.09.2018 | 11:30 Uhr

Nicht nur an Tagen, an denen die Busfahrer streiken, herrscht vor vielen Schulen Verkehrschaos. Weil immer mehr Eltern ihre Kinder mit dem Auto zur Schule fahren, statt sie zu Fuß laufen zu lassen, kommt es dort immer wieder zu kritischen Situationen. Auch für die Entwicklung der Kinder können die "Elterntaxis“ ein Problem sein.

Wie sehr die Ballung der Fahrzeuge den Schulalltag belastet, weiß Pascal Paul. Er unterrichtet als Klassenlehrer einer fünften Klasse an der Gemeinschaftsschule in St. Wendel. "Vor unserer Schule sieht es morgens aus wie an einem Bahnhof – überall Autos, die kurz vorfahren, anhalten und wenden. Dabei entstehen viele unübersichtliche und gefährliche Situationen." Da die Schule in einer Sackgasse liegt, gebe es zudem einen langen Rückstau – und die Lehrerparkplätze seien oft belegt durch die Kurzparker.

Mangelnde Bewegung schadet der Lernleistung

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Besonders kritisch sieht der Sportlehrer, dass die Kinder durch den Chauffeur-Service noch mehr sitzen als ohnehin schon. "Studien weisen immer wieder auf den Zusammenhang von Bewegung und Lernleistung hin. Wir versuchen da im Unterricht auch viel zu machen. Aber die Bewegung vor Schulbeginn fehlt einfach." Das trage auch Unruhe in die Klassen hinein. "Wenn die Kinder zusammen zur Schule laufen, können sie sich auch schon mal austauschen – dann muss das nicht im Unterricht nachgeholt werden."

Dass die Rundumbetreuung für die Entwicklung der Kinder durchaus problematisch sein kann, zeige sich etwa an Wandertagen. Da beobachtet Paul immer wieder, dass Kinder ohne Orientierung einfach auf die Straße laufen. "Viele wissen gar nicht, dass es Zebrastreifen oder Fußgängerampeln gibt beziehungsweise wie man sie benutzt."

Den Eltern macht Paul keinen Vorwurf. "Die meisten wollen nur das Beste für ihre Kinder. Viele wissen gar nicht, dass sie ihnen damit eine Bequemlichkeitshaltung vermitteln." Erschreckend findet Paul, dass immer mehr Kinder eine negative Einstellung zum Laufen entwickeln. "Wenn wir mit der Klasse zu Fuß zur Schwimmhalle gehen, beschweren sich viele. Und dann kommen sie nur sehr langsam voran und sind schon auf kurzen Strecken schnell erschöpft."

Eigenständigkeit fördert das Selbstbewusstsein

Dabei ist es für die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder wichtig, ohne Daueraufsicht zur Schule zu gelangen, sagt Claudia Neumann vom Deutschen Kinderhilfswerk. "Eltern stärken das Selbstbewusstsein ihrer Kinder, wenn sie diese eigenständig und mit anderen Kindern zur Schule laufen oder mit dem Roller oder Rad fahren lassen. Kinder, die alleine oder mit Freunden zur Schule gehen, lernen, auf sich und auf andere aufzupassen."

Doch nicht alle Kinder können zu Fuß zur Schule. Für manche ist der Weg schlicht zu weit. Eigentlich könnten sie mit dem Bus kommen – wegen hoher Ticketpreise entscheiden sich viele Eltern aber für das eigene Auto. So wie Stefan Kreis. "Für uns spielen die Kosten eine große Rolle. 60 bis 70 Euro pro Kind sind aus meiner Sicht schon ein stolzer Betrag", sagt der Vater von vier Kindern. Deshalb wünscht er sich niedrigere Preise für Busfahrkarten und eine besser Abstimmung der Fahrzeiten an die Stundenpläne der Kinder.

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