11. September 2001 New York (Foto: Reinhard Karger)

"Der Einsturz des Südturms - ein existenzieller Schock"

Das Interview führte Maximilian Friedrich   10.09.2021 | 08:29 Uhr

Reinhard Karger war vor 20 Jahren am 11. September 2001 bei den Anschlägen auf das World Trade Center vor Ort. Mit seiner Kamera dokumentierte er das Geschehen aus seiner Perspektive.

Die Anschläge vom 11. September 2001 gelten als Zäsur der jüngeren Geschichte. Mit vier entführten Verkehrsflugzeugen versetzten Terroristen die ganze Welt in Furcht und Schrecken. Mehr als 3000 Tote und etwa doppelt so viele Verletzte forderten die Anschläge.

Reinhard Karger fotografierte den Einsturz

Am Tag der Anschläge war Reinhard Karger vom DFKI in Saarbrücken in New York vor Ort. Mit dem Fotoapparat dokumentierte er die Ereignisse.


SR.de: Herr Karger, Sie haben ihren Bruder auf seinem Segelboot besucht. Wie haben Sie von den Anschlägen mitbekommen?

Reinhard Karger: Wir lagen an dem Tag in der "Liberty Landing Marina" vor Anker. Das ist auf der anderen Seite des Hudson Rivers, direkt gegenüber von Manhattan. Der Morgen an sich war entzückend, geheimnisvoll und wunderbar - ein Spätsommertag mit blauem Himmel. Es war ein Tag, an dem man sagen würde, da passieren tolle Sachen.

Nach dem Frühstück war ich unter Deck, habe gelesen und auf einen Anruf gewartet. Als der dann kam, bin ich wieder nach draußen gegangen und habe gesehen, dass die Türme des World Trade Centers beide qualmen. Warum, das konnte ich mir erst mal nicht erklären. Ich habe auch die Flugzeuge nicht gehört. Das ist eben New York, da ist es überall laut.

Video [aktueller bericht, 10.09.2021, Länge: 3:46 Min.]
Saarlandmuseum erinnert an Anschläge vom 11. September

SR.de: An welchem Punkt war dann für Sie klar, dass es sich um einen Anschlag handelt?

Reinhard Karger: Unseren Fernseher hatten wir zu dem Zeitpunkt nicht angeschlossen und Smartphones gab es noch nicht. Deshalb habe ich mich bei den Leuten auf den anderen Booten umgehört. Da hieß es erst mal, dass zwei Sportflugzeuge in die Türme geflogen sind.

Dann habe ich aber einen Anruf von zu Hause bekommen, und mein Vater hat mir erzählt, dass es zwei größere Flugzeuge waren. Irgendwann stand dann fest, das ist ein Anschlag. Dann wurde auch die Marina von Sicherheitspersonal abgeriegelt und es waren viele Krankenwagen unterwegs.

Reinhard Karger  (Foto: Christian Krinninger)
Reinhard Karger hat die Anschläge in Manhatten miterlebt

SR.de: Welche Eindrücke sind von diesem Tag geblieben?

Reinhard Karger: Morgens bin ich noch als Tourist aufgestanden und habe ein Bild von dieser magischen Stimmung gemacht, aber danach war ich mit dem ersten Foto Dokumentator. Ich habe alles mit meiner Kamera festgehalten. Das lief automatisch. Ich habe nicht einmal gemerkt, dass ich Filme gewechselt habe.

Das sah, wie gesagt, erst mal nach einer Brandkatastrophe aus, doch dann kollabierte dieser Südturm. Das war dann ein existenzieller Schock für mich. Als der Tower zusammenbrach, es war das böseste Geräusch, was ich in meinem Leben gehört habe.

Die Stimmung war unglaublich aggressiv.

SR.de: Die Anschläge wurden zu einer Zäsur für die ganze Welt. War das direkt absehbar?

Reinhard Karger: Am Wochenende nach dem Anschlag war ich mit meinem Bruder am Meer. Die Fahrt dorthin war erschreckend. Es waren überall Fahnen. An allen Autos - überall. Es lag wahnsinnig viel Aggression in der Luft. Es war auch irgendwie klar: Das gibt Krieg. Das wird so sein.


Noch am Tag der Anschläge kündigte US-Präsident George W. Bush an, die Schuldigen zur Verantwortung zu ziehen. Die Operation "Enduring Freedom" begann. Am 7. Oktober 2001 rückten die USA in Afghanistan ein. Die Welt änderte sich.

Ausstellung an der Saar-Uni

Dieser Entwicklung widmet sich zurzeit eine Ausstellung an in der Unversitätsbibliothek des Saarlandes. Unter dem Titel "9/11 - vom Ereignis zum Gedächtnis" beleuchtet sie die Zeit nach den Anschlägen.

Neben Fotografien von Reinhard Karger bekommen Besucherinnen und Besucher Eindrücke von den gesellschaftlichen und globalen Folgen, sowie von dem globalen Medienereignis, zu dem die Anschläge wurden. Die Ausstellung ist bis zum 14. September zu sehen (Mo–Fr 10.00 bis 21.00 Uhr).

Weitere Bilder und Erinnerungen von Reinhard Karger sind auf seiner Website zu finden.

9/11: Die Anschläge hautnah vor der Linse
Audio [SR 3, Nadja Dominik, 09.09.2021, Länge: 03:15 Min.]
9/11: Die Anschläge hautnah vor der Linse

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