Ein Weihnachtsstern hängt an einem Ast vor einem grauen Himmel. (Foto: dpa/picture alliance/Peter Steffen)

Einsame Weihnachten: Allein in Gesellschaft

Leonie Rottmann   21.12.2018 | 08:30 Uhr

Weihnachten ist für viele Menschen die schönste Zeit des Jahres. Es geht um Liebe, Familie und Zusammensein. Doch für manche bedeutet die Weihnachtszeit vor allem eines: Einsamkeit. Wer niemanden mehr hat, wird besonders an diesen Tagen daran erinnert. Auch Sophie würde die Feiertage am liebsten überspringen, um nicht alleine zu sein – alleine mit ihren Gedanken.

"Die Weihnachtsfeiertage gehören für mich zu den schlimmsten Tagen des Jahres", erzählt Sophie (Name von der Redaktion geändert). Ihre Mutter ist vor zehn Jahren gestorben, den Kontakt zu ihrem Vater und dem Rest der Familie hat sie zwei Jahre später abgebrochen, nachdem ihr Vater alkoholabhängig und ihr gegenüber gewalttätig geworden war. Seitdem ist sie auf sich gestellt. Das merkt die Studentin ganz deutlich an Weihnachten: "Wenn alle meine Freunde bei ihren Familien sind und die gemeinsame Zeit genießen, wird mir erst richtig bewusst, wie alleine ich bin."

Freunde ersetzen keine Familie

Um sich von der Einsamkeit abzulenken, hat Sophie die Feiertage in den ersten Jahren nach dem Kontaktabbruch mit Freunden und deren Familien verbracht. Richtig willkommen hat sie sich dort aber nie gefühlt. "Sie haben es nie gesagt, aber ich gehörte dort einfach nicht hin", erklärt die 26-Jährige. "Sie wollten mir mit der Einladung einen Gefallen tun, aber vor allem wollten sie nicht mit dem Gedanken leben, dass ich Weihnachten alleine zu Hause verbringe."

Diese Bedenken seien nachvollziehbar, sagt Philipp Ruland, Psychotherapeut aus Saarbrücken. Der Mensch handle auf jeden Fall in gewissem Maße auch so, dass das eigene Leid gelindert werde. Wie stark dieses Handeln im Einzelfall ausgeprägt ist, sei allerdings sehr individuell.  

Sophie macht ihren Freunden aber deswegen keinen Vorwurf. Sie selbst könnte die Vorstellung auch nicht ertragen, dass jemand an solchen Tagen einsam ist. Trotzdem hat sie sich im vergangenen Jahr dazu entschieden, nicht mehr zu den Familienfeiern zu gehen. Sie fühlte sich unwohl und fehl am Platz. Außerdem wollte sie sich niemandem aufdrängen.

Gedankenkreise in der Stille

Die ersten Weihnachten ganz alleine waren für Sophie fast nicht auszuhalten: "Alleine in meiner Wohnung war ich auch alleine mit meinen Gedanken." Und die Gedanken kreisten ununterbrochen in ihrem Kopf. Vor allem Fragen nach dem Sinn und den Gründen schossen ihr durch den Kopf. Sie fragte sich, warum sie keine heile Familie hat, ob ihre Familie sich auch Gedanken über sie machen würde und wie schön die Feiertage sein könnten.

Heiligabend-Angebote im Saarland 

  • Saarbrücken: E-Werk, 14.00 – 19.00 Uhr, ohne Anmeldung
  • Neunkirchen: Pfarrheim Herz Jesu, ab 15.00 Uhr, ohne Anmeldung
  • Fraulautern: Vereinshaus Fraulautern, 14.30 – 19.00 Uhr, ohne Anmeldung   
  • Bexbach: Gemeindezentrum St. Martin, 18.30 Uhr
  • St. Ingbert: Caritas-Zentrum, Kaiserstraße 63, 15.00 Uhr
  • Homburg: Café Frauenzimmer von 17.00 – 21.00 Uhr für Frauen, Anmeldung gewünscht
  • Merzig: Am Ev. Kirchengemeinde, Am Gaswerk 7, 18 bis 22 Uhr

Mit diesen Gedanken ist Sophie nicht alleine: "Wenn Menschen, besonders in der Kindheit, von ihrer Familie schwer misshandelt wurden, haben sie meistens im tiefsten Inneren eine Sehnsucht nach einer heilen Familie", erzählt Philipp Ruland. Sie würden sich nach der Nähe zu den Bezugspersonen sehnen. "Generell tun Einsamkeit und mangelnde soziale Bindungen aber keinem Menschen gut."

Sophie hat zuerst stundenlang ihre Wand angestarrt und dann Inhalte in Sozialen Medien konsumiert. Das hat sie aber noch mehr runtergezogen, weil viele ihrer Freunde Bilder von sich vor dem Weihnachtsbaum gepostet haben – glücklich und mit ihren Familien.  

Am Ende hat sie dann einen Film geguckt und versucht, früh schlafen zu gehen. Die anderen beiden Feiertage sind ähnlich verlaufen. "Das schlimmste war, dass ich mir vorher keinen Plan für die Tage überlegt hatte. Ich hatte einfach viel zu viel Zeit, mich mit meinen Gedanken zu beschäftigen."

Struktur in die Leere bringen

Sophie hat Angst vor den kommenden Weihnachtstagen, aber sie hat sich in diesem Jahr Strategien überlegt, wie sie sich weniger einsam fühlt. Struktur in den Tag bringen, um sich vor der inneren Leere zu schützen - das rät auch Psychotherapeut Ruland. Sophie fährt an Heiligabend zum Beispiel vormittags in die Stadt, um sich etwas Schönes zu kaufen. Sie möchte sich selbst ein kleines Geschenk machen. Der Psychotherapeut findet die Idee gut: "Selbstfürsorge hilft immer und kann vor allem an solchen Tagen guttun." Abends geht Sophie zum Gottesdienst in die Kirche. Das hat sie früher auch immer gemacht und mit diesem Ritual möchte die Studentin wieder anfangen.   

Am ersten Weihnachtstag trifft sie sich mit Freunden zum Brunch – aber ohne deren Familie. Und am zweiten Weihnachtstag möchte sie für die Uni lernen. In diesem Jahr blickt sie daher zumindest etwas optimistischer auf die Weihnachtszeit: "Traurig und einsam werde ich mit Sicherheit trotzdem sein, aber in diesem Jahr bin ich darauf vorbereitet."       

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