Vater mit zwei Töchtern beim Homeschooling (Foto: picture alliance /dpa | Guido Kirchner)

Droht die Rückkehr des Homeschooling?

Sandra Schick   14.10.2022 | 06:21 Uhr

Zu Beginn der Coronapandemie saßen Eltern mit ihren Kindern zuhause im Homeschooling. Auch jetzt sind schon wieder die ersten Klassen im Heimunterricht. Doch Corona ist nicht das einzige Problem: Es gibt einfach insgesamt zu viele Ausfälle von Lehrern und zu wenig Ersatz. Ein Fallbeispiel.

Eva I. sitzt mit ihrem siebenjährigen Sohn zuhause und übt Deutsch: Texte lesen und Fragen dazu beantworten. Ein mühsames Unterfangen. "Eigentlich hätte er diese Woche seine erste richtige Klassenarbeit geschrieben, aber sie musste verschoben werden", berichtet die Mutter. Denn die Vertretungslehrerin, die für den erkrankten Klassenlehrer eingesprungen ist, wurde ebenfalls krank.

Ihr Sohn besucht die zweite Klasse der Grundschule Bübingen Güdingen. Und die ist seit Mitte der Woche im Homeschooling. Nicht wegen Corona - sondern weil an der Schule zu viele Lehrer gleichzeitig ausgefallen sind: Langzeitkrankenscheine, Schwangere und kurzfristig erkrankte Lehrer summierten sich immer mehr. Echter Unterricht war bei so vielen Ausfällen nicht mehr möglich.

Betreuungsangebot hilft nur bedingt weiter

Eine Betreuung vor Ort für berufstätige Eltern ist zwar gewährleistet, aber: "Es ist auch kein echter Mehrwert, wenn das Kind morgens in die Betreuung geht", findet Eva. "Dann muss es ja trotzdem am Nachmittag den ganzen Schulstoff zuhause mit den Eltern nacharbeiten."

Für betroffene Eltern, Kinder und Lehrkräfte ist die aktuelle Situation eine große Belastung, findet auch die Elternsprecherin der Schule, Anne Lahoda. "Der fehlende Unterricht muss zuhause aufgefangen werden. Gerade für Kinder, denen der Unterrichtsstoff nicht so leicht fällt oder deren Eltern nicht so gut helfen können, ist das eine wirkliche Katastrophe. So geht es nicht weiter, viele Eltern sind am Ende ihrer Kräfte."

"Ein saarlandweites Problem"

Dabei ist die Grundschule Bübingen Güdingen "definitiv kein Einzelfall" sagt Stefan Kreis, Sprecher der Gesamtlandeselternvertretung Grundschulen: "Die aktuelle Situation, dass Klassen ins Homeschooling geschickt werden, weil zu viele Lehrer gleichzeitig ausfallen, ist ein saarlandweites Problem." Solche Meldungen erreichten ihn aus verschiedenen Ecken des Saarlandes. Auch der saarländische Lehrerinnen- und Lehrerverband (SLLV) bestätigt das im Gespräch mit dem SR.

Das Bildungsministerium spricht aktuell von "einer einstelligen Zahl von Grundschulklassen", die sich "für kurze Zeiträume" im Homeschooling befinden. Bevor diese Maßnahme ergriffen werde, würden immer erst alle anderen schulorganisatorischen Möglichkeiten ausgeschöpft.

"Verlässlichkeit von Schule nicht mehr gegeben"

Zusätzlich zum Homeschooling werden derzeit "an Schulen Lehrer abgezogen und dorthin geschickt, wo es besonders brennt", so SLLV-Sprecherin Michaela Günther. "Die Lage wird sich wahrscheinlich zuspitzen in den kommenden Monaten und es werden in der nächsten Zeit wohl noch mehr Klassen ins Lernen von zuhause geschickt werden."

Das eigentlich dahinter stehende Problem - der Lehrermangel - schlage nun wieder mit voller Wucht durch, sagt Elternvertreter Stefan Kreis: "Wir haben einfach zu wenige Lehrer. Das ist die größte Baustelle. Es braucht mehr Lehrer insgesamt im System – und nicht nur auf dem Papier", fordert Kreis. "Momentan ist jedenfalls die Verlässlichkeit von Schule gar nicht mehr gegeben."

"Acht Vertretungslehrer in einem Schuljahr"

Eva I. kann dieser Aussage nur zustimmen. Denn sie hat noch ein weiteres Schulkind, das ihr momentan große Sorgen bereitet. Der ältere Bruder ihres Sohnes bekommt schon seit Jahren den Lehrermangel zu spüren. "Im Prinzip wurde mein älterer Sohn von Anfang an nicht richtig beschult."

Die zweifache Mutter berichtet von Lehrerausfällen am laufenden Band. "Das Kind hatte quasi seit der ersten Klasse einen Vertretungslehrer nach dem anderen. In einem einzigen Schuljahr hatte die Klasse acht Lehrer hintereinander." Kontinuierliches Lernen und der Aufbau einer richtigen Klassengemeinschaft sei so nie richtig möglich gewesen.

"Was mich ärgert: Es wird immer behauptet, der Unterricht sei nicht gefährdet. Aber das ist in der Realität eben nicht der Fall."

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