Foto: Elisa Maria Teichmann/SR

"Menschen wie Sie und ich"

Elisa Teichmann   26.01.2019 | 09:17 Uhr

Das Drogenhilfezentrum in der Brauerstraße in Saarbrücken besteht seit 1992. Zusammen mit den Konsumenten erarbeitet es einen eigenverantwortlichen, risikoarmen Umgang mit Drogen. Ein Besuch bei einem im Saarland einmaligen Angebot.

Der schwarze Klingelknopf ist vom vielen Drücken ganz locker. Nur ein winziges Schild daneben weist darauf hin, was sich hinter dem schweren Eisengitter befindet, von dem die hellgelbe Farbe schon leicht abgeblättert ist. „DrogenHilfeZentrum“ steht da, für all jene, die nicht Bescheid wissen. Ein Mann rüttelt am Gitter, er ruft etwas auf Russisch und wirkt ganz klein vor dem hellgelben Bau, der sich vor ihm erstreckt und an ein altes Fabrikgebäude erinnert. Schließlich surrt es, das Tor gibt dem Griff des Mannes nach und er tritt in den ausladenden, grau betonierten Hof. Man raucht und unterhält sich leise in der Kälte, die aufgebrachte Rede des Mannes vom Tor durchschneidet die Luft.

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„Wir haben dir doch aufgemacht, es ist alles in Ordnung“, sagt Sozialpädagogin Eva Wache und eilt zu dem Mann, beruhigt ihn. Sie ist Fachbereichsleiterin des Drogenhilfezentrums Saarbrücken. Seit 1997 arbeitet sie im Haus. „Die Drogensucht ist nur ein Teil der Persönlichkeit unserer Klienten – man tendiert als Außenstehender dazu, das zu vergessen." Deswegen musste sich das DHZ vor allem in den Neunzigern und frühen Zweitausendern behaupten: Eine Bürgerinitiative war gegen den Erhalt des Zentrums, man beschwerte sich über zunehmenden Drogenkonsum auf offener Straße, Prostitution und gebrauchte Spritzen dort, wo Kinder spielten.

Akzeptanzorientierte Drogenhilfe

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Geschäftsführer Peter Becker stellte sich Mitte der Zweitausender Jahre gegen diese Entwicklung. Zusammen mit seinen Kollegen setzte er sich für den Erhalt des Zentrums ein, die Initiative SUD, „Sauberes Umfeld DHZ“, wurde ins Leben gerufen. „Uns war klar: Man muss die Menschen und deren Sorgen ernst nehmen – das haben wir damals getan.“ Seitdem hat sich einiges geändert. Eine Regionalisierungsreform sorgte ab 2006 dafür, dass nur noch Personen mit saarländischem Wohnsitz Zugang zum Zentrum hatten. „In den 90er Jahren gab es eine viel größere, offene Heroinszene. Wir hatten viele Nutzer aus der Großregion, das Zentrum war überlaufen“. Heutzutage kommen etwa 120 Nutzer pro Tag, 2004 waren es noch mehr als doppelt so viele. Außerdem werden verschiedene Kulturprojekte angeboten, im Wechsel wird einmal pro Woche gemalt und musiziert.

Zu den Räumen der Leitung haben die Klienten keinen Zugang. Im Büro von Geschäftsführer Peter Becker steht noch ein kleiner Adventskranz auf dem Tisch, ein gerahmtes Foto der Golden Gate Bridge hängt an der Wand. „Die Leute, die hier her kommen, sind wie Sie und ich. Oftmals werde ich von Außenstehenden gefragt: ‚Wie kann denn einer so tief fallen?‘ Im Leben gehen ständig Türen auf und Türen zu – vieles entscheidet sich in Sekundenbruchteilen und lässt sich nicht einfach in Schubladen stecken.“ Peter Becker und Eva Wache appellieren besonders an das Verständnis derjenigen, die nicht betroffen sind – ihre Einrichtung verstehen die beiden als „akzeptanzorientierte Drogenhilfe“.

"Ich konnte einfach nicht mehr"

Norman* setzt sich an den Besprechungstisch im Büro des Chefs, eine Ausnahme für die Presse, er lehnt sich im Stuhl zurück, lächelt nervös. Der 40-Jährige kennt das DHZ seit den frühen 90er Jahren. „Ich komme seit 25 Jahren her und hatte noch nie Hausverbot“, sagt er und grinst schelmisch. Der gelernte Dreher und studierte Sonderpädagoge musste in seiner frühen Teenagerzeit mit ansehen, wie der Vater die Mutter misshandelte. "Ich konnte einfach nicht mehr. Ich hatte ältere Freunde und die haben mir den ersten Schuss gesetzt. Am Anfang konnte ich nicht mal hinsehen. Später konnte ich mir die Nadel dann selbst anlegen.“

 (Foto: Elisa Maria Teichmann/SR)

Seit seinem 16. Lebensjahr war Norman heroinabhängig. Mehrere Entgiftungen hat er durchgemacht, hatte substituiert, war clean, fiel zurück in die Sucht. Heute ist er zwar weg vom Heroin, dafür nimmt er Kokain. Seine Leidensgeschichte will Norman in einem Buch verarbeiten und über Drogen aufklären. „Ich finde das DHZ vor allem gut, weil man hier einen sauberen Konsumraum hat und seine Spritzen ordentlich entsorgen und tauschen kann – so landen sie nicht da, wo sie nicht hingehören.“ Das DHZ sei für ihn immer ein sicherer Rückzugsort gewesen.

 (Foto: Elisa Maria Teichmann/SR)

Für die Betreuung von Klienten wie Norman sind fünf Sozialarbeiter, drei Krankenpfleger, drei Ärzte und 25 Hilfskräfte im Einsatz. Im sogenannten Kontaktladen gibt es fünf Mal die Woche warme Verpflegung, Duschen und Toiletten sowie Waschmaschinen und einen Internetplatz. Gebrauchte Spritzen können gegen neue getauscht werden – damit soll vor allem das Infektionsrisiko minimiert werden. Zwei Mal im Monat bieten Ärzte ehrenamtlich Sprechstunden an. Bei den Geschäftsräumen im Obergeschoss befindet sich auch eine Kleiderkammer voll gespendeter Kleidung. „Wir haben so viele Frauenkleider, aber wir bräuchten dringend Bekleidung und Schuhe für Männer“, sagt Wache. Die Geschlechterverteilung im intravenösen Drogengebrauch sei seit jeher 80 Prozent Männer zu 20 Prozent Frauen. „Frauen neigen zu verdeckten, gesellschaftskonformeren Süchten“.

Bessere Verzahnung der Angebote

Deswegen sei die Hilfe bei schwangeren Drogenabhängigen eine besondere Herausforderung. Eva Wache hat in ihren 22 Jahren Berufserfahrung im DHZ schon viele schwierige Fälle erlebt: „Das Problem ist, dass das Kindeswohl uns rechtlich erst ab der Geburt angeht – vorher können wir der Frau unsere Hilfe nicht aufdrängen oder sie zum Handeln zwingen“. Becker und Wache arbeiten deswegen in Arbeitsgruppen für eine bessere Verzahnung von Trägern, um große Problemthemen wie Sucht und Familie besser in den Griff zu kriegen. „Wichtig ist ein abgestimmter Ausstieg: Nur wenn Entgiftung, Therapie und betreutes Wohnen direkt ineinander übergehen, kann man von einem langfristigen und erfolgreichen Drogenausstieg ausgehen“, so der Geschäftsführer.

2020 soll das DHZ erweitert werden. Der Drogenbeauftragte der Landesregierung, Stephan Kolling, will vor allem Substitutionsangebote erweitern. Das sagte er bei der Vorstellung einer Studie des Instituts für Therapieforschung München zum Thema Hilfsangebote für schwerstabhängige Drogenkonsumenten: „Eine Arbeitsgruppe ist bereits eingerichtet. Wir wollen das Angebot erweitern und ein Konzept entwickeln, was mehrere Angebote unter einem Dach vereint. Besonders die Betreuung von Kindern süchtiger Eltern, Frauen und älteren Drogenabhängigen soll verbessert werden.“

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In den Hof des DHZ fährt ein Krankenwagen ein. „Das kommt ungefähr ein Mal pro Woche vor“, sagt Becker. Der Kontaktladen ist jetzt gesperrt, drinnen sind die Notfallhelfer beschäftigt. Im Hof steht ein Denkmal für die Drogentoten aus dem letzten Jahr: Ein Pflänzchen für jedes Opfer, auf einem kleinen Kärtchen stehen Alter und Name. Das Eisengitter ist geöffnet. Draußen fließt zäh der Feierabendverkehr die Brauerstraße hinunter.

*Name von der Redaktion geändert

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