Symbolbild Digitalisierung (Foto: pixabay/rawpixel)

"Wir hängen an der digitalen Nabelschnur"

Das Interview führte Kasia Hummel   14.03.2019 | 06:30 Uhr

Wecker aus, Handy an: Kaum wach werden zuerst WhatsApp, Instagram, Facebook und die Nachrichtenseiten gecheckt. Technischer Fortschritt kann auch mit digitalem Stress einhergehen. Wie die richtige Balance gelingt, erklärt Dr. Daniela Otto von der Universität Augsburg. Ein Weg: der Digital Detox.


SR.de: Frau Dr. Otto, was bedeutet Digital Detox?

Daniela Otto: Ganz simpel übersetzt ist es die digitale Entgiftung. Es heißt, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass digitaler Stress belastend ist, nicht gut tut und dass er gesundheitliche Auswirkungen hat. Es geht darum, aus diesem Bewusstsein heraus, eine Haltung oder einen Lebensstil zu entwickeln, mit dem man achtsam mit den digitalen Medien umgeht sowie sich Auszeiten nimmt und damit mehr Ruhe in den Alltag bringt.

SR.de: Wodurch wird digitaler Stress verursacht?

Dr. Daniela Otto, Uni Augsburg (Foto: Daniela Otto)
Dr. Daniela Otto, Uni Augsburg

Otto: Vor allem durch Überforderung, die dadurch entsteht, dass wir so „zugeballert“ werden. Oft geht es dabei um Multitasking, das immer wieder moniert wird. Dass wir also nicht nur einen Screen haben, sondern zwei. Dass wir alles gleichzeitig machen und dass wir die Fähigkeit verlieren, uns auf eine Tätigkeit ununterbrochen zu konzentrieren. Dieses Rausgerissen werden ist ganz problematisch. 

SR.de: Für wen kann ein Digital Detox sinnvoll sein?

Otto: Sinnvoll ist es prinzipiell für jeden, aber vor allem für diejenigen, die merken, dass ihnen das alles nicht gut tut. Anzeichen sind, wenn das Laptop-Aufklappen oder auch das Einschalten des Handys mit einem bestimmten Impuls einhergeht. Wer dann zum Beispiel denkt „Oh Gott, mein Herz schlägt schneller oder irgendwas passiert mit mir, was mich stresst“, dem würde ich auf jeden Fall einen Digital Detox empfehlen.

SR.de: Wie sinnvoll ist solch eine digitale Entgiftung?

Otto: Total sinnvoll und ganz wichtig. Ich glaube, es ist eine der wichtigsten Sachen für die moderne Gesellschaft, weil die Digitalisierung wahnsinnig schnell gekommen ist und wir immer noch nicht gelernt haben, damit umzugehen. Klingt vielleicht ein bisschen blöd, aber die Entwicklung ist so rasant und wir hinken immer noch ein bisschen hinterher.

SR.de: Oft werden die Sehnsucht nach Vernetzung sowie die Gier nach Informationen als Gründe dafür genannt, dass wir so oft online sind. Was steckt dahinter?

Otto: Die Sehnsucht nach Vernetzung ist uns Menschen ganz ureigen, sie ist in uns angelegt. Ich finde die Metapher von der Nabelschnur ganz gut. Wir hängen heute an einer digitalen Nabelschnur. Wir sehnen uns nach der Bindung. Im Zuge der Moderne sind wir aus den klassischen Netzwerken rausgefallen, die uns Halt gegeben haben: Familienstrukturen sind auf einmal unsicherer geworden. Es gibt die Glaubensgemeinschaften nicht mehr so. Die Sehnsucht nach Vernetzung als die Sehnsucht nach einer Verbundenheit, die wir verloren haben.

Die Gier nach Informationen ist sicherlich eine mediale Konditionierung. Früher war es normal, dass ein Brief einen Tag gedauert hat. Heute werden wir nervös, wenn der Andere nicht sofort zu tippen anfängt, weil wir so konditioniert sind.

SR.de: Angenommen, ich verzichte auf soziale Medien: Was kann ich tun, um mich nicht in ein soziales Abseits zu begeben?

Otto: Digital Detox sagt ja erstmal nicht, dass man komplett darauf verzichten muss, sondern es geht eigentlich mehr um eine Balance. Ziel ist es, wieder eine Harmonie herzustellen, weil die bei vielen Leuten einfach gekippt ist. Sobald ich mir bewusst werde, dass ich zu viel Zeit mit sozialen Medien verbringe, passiert eher das Gegenteil. Nämlich, dass ich mich wieder viel bewusster ins soziale Leben und vor allem ins analoge soziale Leben begeben kann.

Was einen dabei innerlich total unterstützt, ist, wenn man die Entscheidung seinem Umfeld mitteilt. Zu erklären, dass man mal nicht erreichbar ist, nimmt einem den Druck. Man sollte sich aber auch gut vorbereiten. Ich muss mich darauf einlassen, mir selbst und meinen Problemen wieder in Stille zu begegnen.

SR.de: Wenn ich entschieden habe, mich auf eine digitale Entgiftung einzulassen. Was könnten erste Schritte sein?

Otto: Es gibt ganz viele kleine Stellschrauben, an denen man drehen kann. Erstmal ist es total wichtig, dass man sich selbst oder das eigene Mediennutzungsverhalten beobachtet und herausfindet, wo eigentlich die eigenen Stressfaktoren sind. Ich bin ein Fan von ganz kleinen Schritten, die sich realistisch umsetzen und in den Alltag integrieren lassen. Eine Möglichkeit ist es zum Beispiel, das Handy nicht gleich nach dem Aufstehen einzuschalten, sondern erst, wenn man das Haus verlässt. Man kann ohne Handy in die Mittagspause gehen oder es vor dem Schlafen schon viel früher ausschalten. Man kann aber auch mal die E-Mail-Funktion ausschalten, wenn man konzentriert arbeiten möchte.

Zudem sollte man erstmal total entrümpeln. Man hat so viel auf dem Handy, was man überhaupt nicht benötigt. Man könnte sich die Frage stellen: Brauche ich jeden Newsletter und jede Push-Meldung?

SR.de: Was kann ich ganz konkret tun, wenn jemand in meinem Umfeld ständig am Handy hängt?

Otto: Das ist ein Riesenpunkt, gerade auch in Beziehungen. Das Handy ist hier oft der Dritte im Bunde. Es ist in Partnerschaften total wichtig, dass man durch das Ausschalten auch intime Räume schafft, also dass da auch niemand eindringt. Ich empfehle, den Partner oder auch Freunde einfach mal darauf anzusprechen. Es ist allerdings wichtig, dass man das nicht so oberlehrerhaft oder anklagend tut, sondern sanft darauf aufmerksam macht. Auch der Vorschlag, etwas gemeinsam zu unternehmen und das Handy gemeinsam wegzulassen, kann sinnvoll sein. Digital Detox ist sowieso viel besser, wenn man ihn gemeinsam macht.

SR.de: Vielen Dank für das Gespräch.