Spielzeug, im Hintergrund ein Kleinkind (Foto: picture alliance/Rolf Vennenbernd/dpa)

Die großen Sorgen der Eltern mit Kita-Kindern

Das Interview führte Sandra Schick   21.05.2020 | 11:12 Uhr

Vor über zwei Monaten wurden die Kitas wegen der Corona-Pandemie geschlossen. Trotz Notbetreuung wird ein Großteil der Kinder weiter zuhause von den Eltern betreut. Die Sprecherin des Landeselternausschusses, Julie-Andrée Trésoret, berichtet im Gespräch mit SR.de von Problemen mit der Notbetreuung und den großen Sorgen der Eltern.

SR.de: Wie ist momentan denn die Stimmung bei den Eltern - nach über zwei Monaten ohne Kita?

Julie-Andrée Trésoret: Vielen Eltern macht vor allem die Unsicherheit zu schaffen, wie lange dieser Zustand noch anhalten soll. Dazu haben wir bei vielen ein großes Problem der Überforderung. Einerseits muss die Kinderbetreuung sichergestellt werden, und andererseits muss man der Arbeit nachgehen. Nach zwei Monaten ist oft jedweder Urlaub den man hatte, aufgebraucht. Auch unentgeltliche Freistellungen, die manche Arbeitgeber angeboten haben, können nicht ewig dauern. Da haben viele Betroffene Bedenken, dass sich der Arbeitgeber irgendwann fragt: "Brauche ich den Arbeitnehmer überhaupt, wenn es so lange Zeit auch ohne ihn ging?" Das ist ein Problem, das meist die Mütter haben. Viele bangen, dass bei der nächsten Einsparungsrunde ihre Stelle weggespart wird.

Für viele Eltern ist es jetzt auch ein großes finanzielles Problem. Über die Situation von Selbstständigen braucht man gar nicht erst zu reden. Da fehlen oft komplett die Einnahmen. Man darf nicht vergessen: Wir reden ja hier von Eltern mit Kindern im Kindergartenalter. Das lässt sich zuhause gar nicht so bewerkstelligen, dass man normal arbeitet und gleichzeitig die Kinder betreut.

SR.de: Wie geht es denn den Eltern mit der aktuellen Notbetreuung? Läuft das für die Eltern zufriedenstellend?

Julie-Andrée Trésoret: Auch die Notbetreuung ist ja trotzdem noch eine große Einschränkung für viele Eltern. Es ist schwierig, die doch sehr eingeschränkten Betreuungszeiten mit den eigenen Arbeitszeiten unter einen Hut zu bringen. Für viele Eltern ist das arbeitsplatztechnisch einfach nicht darstellbar. Da fehlt auch oft das Verständnis, wenn in der Notbetreuung die zehn Kinder, die aufgenommen werden dürfen, teilweise nur zu ganz eingeschränkten Zeiten betreut werden können.

Unsicherheit herrscht zum Beispiel auch, weil nicht ganz klar ist, ob die Vorschulkinder bei dieser Zahl von zehn Kindern pro Gruppe schon mitgerechnet sind oder nicht. Das ist von Seiten des Ministeriums offenbar nicht ganz klar an die Kita-Träger kommuniziert worden. Da gibt es teilweise in den Kitas ganz unterschiedliche Vorgehensweisen.

Zudem können die Kitas - und das wird mir teilweise von Kita-Leitern berichtet - die Notbetreuung personell kaum darstellen.

SR.de: Nun kommt die Notbetreuung ja nur weniger als der Hälfte der Kinder und Eltern zugute. Was ist denn mit dem Rest?

Julie-Andrée Trésoret: Für diese Eltern ist es ganz schwer. Wir haben Eltern, die trotz erweiterter Notbetreuung keinen Platz für ihre Kinder bekommen haben. Zum Beispiel weil schlichtweg die Maximalzahl erreicht ist, gerade weil auch die Vorschulkinder bevorzugt werden ode man anfangs auf einen Platz verzichtet hat, jedoch zwischenzeitlich auf einen Platz angewiesen wäre. Diese Eltern sind teilweise wirklich verzweifelt, gerade wenn sie noch Arbeitgeber haben, deren Geduld dann womöglich auch am Ende ist.

Ärgerlich ist auch, dass das Prozedere nicht einheitlich ist, wie die Plätze in der Notbetreuung vergeben werden: Wenn mehr Platzberechtigte da sind als Plätze zur Verfügung stehen - nach welchen Kriterien wird entschieden, wer einen Platz bekommt, und wer nicht? Das wird ganz unterschiedlich gehandhabt. Es gibt einen Landkreis, in dem wird das nach Losverfahren entschieden. Und das ist natürlich besonders bitter für die Eltern.

SR.de: Nun gibt es immer mehr Lockerungen. Fitnessstudios und Gastronomie sind wieder offen. Die Bundesliga spielt wieder. Haben die Eltern trotzdem weiter Verständnis dafür, dass die Kitas weiter nur im Notbetrieb sind?

Julie-Andrée Trésoret: Ich glaube, es ist eher so, dass die Eltern das Gefühl haben, dass die Belange der Kleinsten bei all den Lockerungen ein bisschen vergessen werden. Grundsätzlich besteht nach wie vor ein großes Verständnis für die allgemeinen Einschränkungen. Aber man wundert sich halt über die Umsetzung. Die Eltern befürchten, dass durch die Wiedereröffnung von Fitnessstudios, Spielplätzen und anderen Einrichtungen das Gesamtinfektionsrisiko steigen wird. Die Auswirkungen werden dann letztendlich auch in den Kitas ankommen. Da befürchten viele Eltern, dass dann die zweite Welle der Kitaschließungen kommt. Viele Eltern haben Angst, dass die aktuelle Lösung, auf die man schon so lange warten musste, plötzlich wieder wegfallen könnte, wenn wieder neue Coronafälle auftauchen sollten.

SR.de: Nun ist von der Landesregierung die nächste Phase in den Kitas, der "eingeschränkte Regelbetrieb", für Anfang Juni vorgesehen. Sind die Eltern darüber erleichtert?

Julie-Andrée Trésoret: Ich denke, da sind die Eltern zwiegespalten. Sicherlich wünschen sich gerade die Eltern, die keinen Platz in der Notbetreuung haben, dass es schnellstmöglich wieder einen Betrieb für alle Kinder gibt. Aber es gibt eben auch Eltern, die sich Sorgen machen, dass in den Kitas personell nicht sichergestellt werden kann, dass in einem solchen Regelbetrieb auch die Hygienemaßnahmen umgesetzt werden können. Genau das ist auch das Problem, das mir die Kitaleitungen zurückmelden. Die momentane Art und Weise der Betreuung mit den Gruppengrößen und der Aufteilung der Erzieher ist mit mehr Kindern personell kaum darstellbar.

Ein Schritt, mit dem man den Eltern auch zusätzlich helfen könnte, wäre, wenn man ernsthaft darüber nachdenken würde, die Sommerferien in den Kitas zu streichen. Gerade weil viele Eltern ihren Urlaub jetzt schon durch die letzten Monate aufgebraucht haben. Da sind zwei oder drei zusätzliche Wochen Kita-Schließung in den Sommerferien für viele nicht mehr machbar.

SR.de: Jetzt haben wir viel von den Eltern gesprochen. Wie geht es denn den Kindern nach diesen zwei Monaten mit so starken Einschränkungen?

Julie-Andrée Trésoret: Ich kann ihnen von meinen beiden eigenen Kindern und von den Eindrücken aus dem Umfeld berichten, dass die Kinder sich unglaublich gefreut haben, sobald sie wieder Teil der Notbetreuung wurden und wieder in ihre Kita gehen durften. Gerade den kleinen Kindern kann man schwer vermitteln, warum sie ihre Freunde nicht sehen können. Noch dazu sind die Kinder in ihrem sozialen Umfeld viel stärker eingeschränkt als die Erwachsenen.

Große Nachteile haben natürlich die Vorschulkinder. Der ganze Übergang von Vorschule zu Grundschule, der ja normalerweise intensiv begleitet wird, findet ja momentan nicht statt. Das fängt an bei der besonderen Förderung im Kindergarten, geht weiter bei den Einschulungsuntersuchungen, ob das Kinder überhaupt schultauglich ist und endet bei den Kennenlerntagen in den Schulen - all das findet ja momentan nicht statt. Es ist auch unklar, wie der Klassenbetrieb nach den Ferien überhaupt aussehen wird. Für diese Kinder wird der Schulstart schwerer als sonst.

SR.de: Wenn Sie sich etwas wünschen könnten für die Eltern und Kindergartenkinder im Land - was wäre das?

Wir hoffen natürlich, dass die Coronazahlen weiterhin rückläufig bleiben, und wir alle keine zweite Welle erleben müssen. Abgesehen davon wünschen wir uns natürlich schon, seitens der Landesregierung, dass den Trägern stringente Konzepte an die Hand gegeben werden, die auch in der Praxis umgesetzt werden können. Damit auch wirklich für alle Kinder an allen Kita-Standorten möglichst gleiche Bedingungen herrschen und es nicht vom Zufall abhängt, wie der weitere Kita- und Bildungsweg der Kinder für die nächsten Monate ist.

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