Alexander Gerst bei einem Außeneinsatz an der Raumstation ISS (Foto: ESA/Nasa)

Das bringt die Raumfahrt für unseren Alltag

Frederic Graus   30.10.2021 | 10:27 Uhr

Wie würde unser Leben ohne Raumfahrt aussehen? Sie ist zum Beispiel dafür verantwortlich, dass Lebensmittel zu uns kommen und wir Kenntnisse über den Klimawandel gewinnen. Im SR-Interview erklärt Professor Stefanos Fasoulas vom Institut für Raumfahrtsysteme in Stuttgart, wie wichtig das Wissen aus dem Weltraum für unseren Alltag ist.

Der Countdown läuft: Schon bald startet Astronaut Matthias Maurer als erster Saarländer seine Reise ins All zur Internationalen Raumstation ISS. Dort wird jeder Tag des Oberthalers durchgetaktet sein. Denn innerhalb eines halben Jahres wird der Materialwissenschaftler zahlreiche wichtige Experimente im Weltraum durchführen, die auch für unser Leben auf der Erde von Bedeutung sind.

Ohne Raumfahrt keine moderne Gesellschaft

Doch warum ist die Forschung im All für unseren Alltag so wichtig? "Aus unserer Wissens-, Informations- und Kommunikationsgesellschaft ist die Raumfahrt nicht mehr wegzudenken", erklärt Professor Stefanos Fasoulas vom Institut für Raumfahrtsysteme der Universität Stuttgart. Seit 2014 leitet der gebürtige Grieche das Institut. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören neuartige Technologien im Weltraum.

Frederic Graus im Interview mit Prof. Dr. Stefanos Fasoulas, Institut für Raumfahrtsysteme Stuttgart
Audio [SR.de, (c) SR, 27.10.2021, Länge: 04:40 Min.]
Frederic Graus im Interview mit Prof. Dr. Stefanos Fasoulas, Institut für Raumfahrtsysteme Stuttgart
Welchen Nutzen hat die Raumfahrt? Im SR-Interview erläutert Prof. Dr. Stefanos Fasoulas die Bedeutung für unseren Alltag.

Als wichtiges Beispiel für die Bedeutung der Raumfahrt für unseren Alltag nennt Fasoulas satellitengestützte Kommunikation. Die kommt etwa bei der Navigation von Autos und Flugzeugen zum Einsatz und garantiert so zum Beispiel den Transport von Lebensmitteln. Ebenso laufen die Datenübertragungen fürs Internet und das Fernsehenprogramm über Satelliten, die Tausende Kilometer über uns die Erde umkreisen.

Das Wissen aus dem All – auch für Wettervorhersagen unverzichtbar. "Was man am Tag anziehen möchte, die Planung für den Urlaub – das basiert auf Satellitendaten", so Fasoulas. "Ohne Raumfahrt wüssten wir womöglich nichts vom Klima-Problem, denn sehr viele Daten hierzu stammen aus Satellitenanwendungen."

Mit den Mitteln der Raumfahrt könne die Menschheit den Klimawandel dokumentieren und letztlich auch bekämpfen. So verschaffen Satelliten zum Beispiel einen Überblick über die Verschmutzung der Weltmeere, die illegale Rodung von Regenwäldern und über Waldbrände.

Satellitenaufnahmen geben einen Überblick über illegale Rodungen (Foto: IMAGO / Fotoarena)
Satellitenaufnahmen geben einen Überblick über illegale Rodungen

Vom All auf die Erde

"Für Probleme im Weltraum werden Lösungen erarbeiten, die dann auch auf der Erde eingesetzt und weiterentwickelt werden", erklärt Fasoulas. So gehen technische Errungenschaften in der Medizintechnik wie die Computertomographie auf Experimente im All zurück. Auch kratzfeste Brillengläser und Akku-Werkzeuge basieren auf Lösungen für Probleme, die sich einst im All ergaben.

Die Technik für umweltfreundliche Solarzellen wurde durch die Raumfahrt ebenfalls entscheidend weiterentwickelt. Mit Vanguard 1 startete 1958 erstmals ein mit Solarzellen ausgestatteter Satellit in den Weltraum. Seitdem werden mithilfe der Erkenntnisse aus dem All Wirkungsgrade von Solarzellen stetig verbessert.

Im All wird auch die Wirksamkeit von Solarzellen erforscht (Foto: IMAGO / Shotshop)
Im All wird auch die Wirksamkeit von Solarzellen erforscht

Vorteile der Forschung im All

Einige Experimente und Beobachtungen lassen sich im Weltraum besser durchführen als auf der Erde. Laut Stefanos Fasoulas spielen hier grundsätzlich mehrere Faktoren eine Rolle. Zum einen ist sowohl eine ungestörte Sicht auf die Oberfläche unseres Heimatplaneten als auch in die Weiten des Universums möglich.

Zum anderen herrschen Gegebenheiten für Experimente vor, die auf der Erde nicht oder nur schwer nachzuahmen sind: "Ein Vakuum mit unendlich großer Saug-Kapazität, andere Strahlungseinflüsse und – am Wichtigsten – keine Gravitation. Durch die werden alle Experimente auf der Erde gestört."

Die ISS – ein riesiges Versuchslabor im All (Foto: NASA / ESA)
Die ISS – ein riesiges Versuchslabor im All

Es gibt auch Kritik

2019 wurden für die nächsten Projekte der europäischen Weltraumagentur ESA 14,4 Milliarden Euro von den insgesamt 22 Mitgliedsländern bereitgestellt. Deutschland beteiligt sich mit 3,3 Milliarden Euro am ESA-Programm und ist damit stärkster Beitragszahler.

Die Kosten für die Raumfahrt sorgen auch immer wieder für Kritik. Fasoulas sagt dazu: "Das muss man relativieren. Der deutsche Anteil an der globalen Raumfahrt ist sehr klein. Und wir müssen uns fragen, was uns zum Beispiel die Erkenntnis wert ist, was mit dem Klima passiert."

Neben dem wissenschaftlichen Fortschritt sei aber wichtig, dass Raumfahrt Menschen weltweit fasziniere. "Nicht umsonst sind die Top-Hollywood-Blockbuster Science-Fiction-Filme". Fasoulas geht es um die "großen Fragen" der Menschheit. Denn über allem stehe die Suche nach außerirdischem Leben. "Nur mit Mitteln der Raumfahrt können wir darauf eine Antwort finden. Es ist nicht vorstellbar, welche Auswirkungen das für das Selbstverständnis des Menschen hätte."


Der Maurer-Countdown

Das Saarland fiebert dem Flug von Astronaut Matthias Maurer zur Internationalen Raumstation ISS entgegen! Auf dieser Sonderseite haben wir alles Wissenswerte rund um den Flug zusammengestellt.

Ein Saarländer im All
Rund um den Weltraumflug von Matthias Maurer
Matthias Maurer ist der erste Saarländer, der zur ISS und damit ins Weltall fliegt. Doch was erforscht Maurer auf der ISS überhaupt? Welche Deutschen waren schon vor ihm im All? Und wie wird man überhaupt Astronaut? Alles Wissenswerte zur Weltraummission.

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