Ein leerer Hörsaal (Foto: unsplash/Nathan Dumlao)

Professoren wollen zurück zur Präsenzlehre

Kristin Luckhardt   14.06.2020 | 08:39 Uhr

Die Hochschulen sollen schrittweise zur Präsenzlehre zurückkehren. Das fordert ein offener Brief. Zu den mehr als 2000 Unterzeichnern gehören auch die Rechtswissenschaftler Thomas Giegerich und Tiziana Chiusi von der Universität des Saarlandes. Sie sagen: Präsenzlehre sei unentbehrlich.

Über alles werde gesprochen und für alles gebe es Konzepte - für die Öffnung der Schulen, der Gastronomie, der Kirchen, der Bundesliga. Nur über die Hochschulen werde nicht geredet, beklagt Tiziana Chiusi. Die Juraprofessorin sagte SR.de, dass nicht über eine Öffnung der Hochschulen gesprochen werde, beängstige sie. Deswegen habe sie den Offenen Brief zur Präsenzlehre unterschrieben.

Die Dekanin der Rechtswissenschaft an der Saar-Uni betont, sie stelle die Coronaregeln nicht in Frage. Vielmehr müsse es jetzt einen Perspektivwechsel geben. Statt Verbote in den Vordergrund zu stellen, müsse die Frage im Mittelpunkt stehen, was möglich sei.

Vieles ist möglich

Vieles könne organisiert werden. So fänden an der Saarbrücker Rechtswissenschaft schon seit dem 4. Mai Tutorien und kleine Arbeitsgemeinschaften mit wenigen Teilnehmern statt - unter Einhaltung der Abstands- und Hygienebestimmungen.

Auch Klausuren mit rund 200 Leuten seien bereits möglich gewesen - verteilt auf sechs Hörsäle, mit fest zugewiesenen Ein- und Ausgängen, markierten Sitzplätzen usw. Auch Bibliotheken seien teilweise geöffnet - mit streng gedeckelten Besucherzahlen.

Großer Organisationsaufwand

Das Betreten und Verlassen von Räumen habe die Rechtswissenschaft so geregelt, dass sich die Studierenden nicht zu nahe kommen. Um die Einhaltung der Coronaregeln sicherzustellen, seien zudem Plexiglasscheiben und Markierungen angebracht und die Zahl der Stühle in den Räumen reduziert worden.

Der Organisationsaufwand sei riesig. Aber nicht zu groß, findet die Juraprofessorin, denn derzeit sei die Uni praktisch "tot".

Direkter Austausch wichtig

Alles, was die Universität ausmache, fehle. Besonders wichtig sei zum Beispiel die Atmosphäre in den Veranstaltungen. Nur, wenn sie den Studierenden im Hörsaal in die Augen sehen könne, merke sie, ob sie zu schnell oder zu langsam spreche.

Unentbehrlich seien auch Diskussionen und Fragen, die sich im direkten Austausch entwickelten. Das sieht auch Chiusis Kollege Thomas Giegerich so. Es gehöre dazu, so Giegerich, dass in Seminaren Studierende ein Referat hielten und sich darüber eine Diskussion entwickele und man voneinander lerne.

"Brutalste Form des Frontalunterrichts"

Giegerich sagte SR.de, Onlinelehre sei "die brutalste Form des Frontalunterrichts". Er schätze dagegen den unmittelbaren Austausch mit den Studierenden in Präsenzveranstaltungen sehr. Nur noch "Konserven" zu produzieren, wäre "mit meinem Berufsbild nicht vereinbar", erklärt Giegerich.

Dass große Veranstaltungen wie Vorlesungen bald wieder stattfinden können, damit rechnen die Professoren nicht. Giegerich sagte, er erkenne die Gefahren von Massenveranstaltungen. Der normale Vorlesungsbetrieb dürfe erst wieder starten, wenn es vertretbar sei. In Jura-Vorlesungen säßen bis zu 200 Menschen. Das sei nicht mit der Schule vergleichbar.

Online-Semester im Sommer

Juraprofessorin Chiusi verweist auf die aktuell geltende Rechtsverordnung zur Coronapandemie. Diese erlaube Präsenzlehre. In Paragraph 7 der Verordnung vom 29. Mai heißt es: "Der Hochschulbetrieb (...) einschließlich des Studien-, Lehr- und Prüfungsbetriebs in Präsenzform" sei "unter der Maßgabe der Einhaltung von Hygienemaßnahmen (...) und der Berücksichtigung der Pandemiepläne der jeweiligen Hochschule gestattet". Online-Angebote seien "zu berücksichtigen".

Das Wissenschaftsministerium geht dagegen davon aus, dass das Sommersemester "überwiegend online stattfinden wird". Das Ministerium teilte SR.de mit, Präsenzveranstaltungen könnten stattfinden, "sofern keine Alternative angeboten werden" könne. Ob eine Rückkehr zur Präsenzlehre im Wintersemester ab dem 2.11. möglich sei, hänge vom Infektionsgeschehen ab.

Online-Lehre immer nur "Plan B"

In der Corona-Krise habe die Online-Lehre bisher gut funktioniert und sei wichtig gewesen, resümiert Tiziana Chiusi. Nur Dank digitaler Angebote habe die Saar-Uni überhaupt weiterarbeiten können. Und dabei habe die Uni "Unglaubliches" geleistet. Von heute auf morgen seien die notwendigen technischen Möglichkeiten geschaffen worden. Und das wird nach ihrer Einschätzung nicht alles wieder verschwinden.

Auch wenn die Online-Lehre immer "Plan B" bleiben werde, habe die Coronakrise doch einen Prozess angestoßen, so Chiusi. Sie geht davon auss, dass es auch nach der Krise mehr Online-Materialien oder mehr Online-Chats geben wird als bisher. Als Unterstützung der Präsenzlehre werde sich die Online-Lehre sicher etablieren.

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