Coronavirus-Mutante B.1.1.7 (Foto: dpa | Andreas Arnold)

Was wir über die Ausbreitung der Corona-Mutanten wissen

Melina Miller   22.02.2021 | 15:48 Uhr

Die Zahl der Coronainfektionen, die durch eine Mutation des SARS-CoV-2-Erregers verursacht wurden, steigt. Deutschlandweit entfallen bereits knapp ein Viertel aller Infektionen auf eine Mutante. Auch im Saarland werden immer mehr durch Mutanten verursachte Fälle gemeldet - eine zeitliche Einordnung der Entwicklung ist derzeit allerdings nicht möglich.

Trotz Lockdown ist die Sieben-Tage-Inzidenz in Deutschland und im Saarland zuletzt wieder leicht gestiegen. Expertinnen und Experten aus der Wissenschaft und Politik sind sich einig: Grund dafür ist die zunehmende Ausbreitung der Coronavirus-Mutanten.

Im Wesentlichen stehen dabei drei Mutationen des Erregers SARS-CoV-2 im Fokus:

  • die erstmals in Großbritannien festgestellte Variante B.1.1.7
  • die erstmals in Südafrika festgestellte Variante B.1.351
  • die erstmals in Brasilien festgestellte Variante B.1.1.28.P.1 (kurz: P.1)

Rasantes Wachstum

In der letzten Januarwoche entfielen nach Angaben des Robert Koch-Instituts noch rund fünf Prozent der untersuchten Coronafälle in Deutschland auf Mutanten. In der zuletzt veröffentlichten Statistik für die sechste Kalenderwoche (08.-14.02.2021) waren es bereits rund 24 Prozent. Knapp 23 Prozent davon gehen demnach auf die Variante B.1.1.7 zurück.

Im französischen Nachbar-Département des Saarlandes, Moselle, breiten sich derzeit vor allem die Mutanten aus Südafrika und Brasilien aus. Wie die regionale Gesundheitsbehörde ARS am Freitag mitteilte, wurde deren Anteil an allen neuen Coronainfektionen in der Zeit vom 9. bis 15. Februar auf fast 45 Prozent geschätzt. Auch die britische Variante ist demnach mit 21 Prozent bereits weit verbreitet.

Keine zeitliche Auflistung im Saarland

Ein direkter Vergleich dieser Entwicklung mit der Situation im Saarland ist nicht möglich. Das Gesundheitsministerium meldet derzeit nur die Gesamtzahl der durch Mutanten verursachten Coronafälle. Am 9. Februar gab es demach 58 durch Virusvarianten verursachte Coronainfektionen im Saarland. Eine Woche später waren es bereits 145 Fälle. Nochmals eine knappe Woche verzeichnete das Ministerium in Summe 234 Coronafälle durch Mutanten. 82 Prozent davon gehen auf die Variante B.1.1.7 zurück, wie die Zahlen des Ministeriums zeigen. Die erstmals in Brasilien entdeckte Variante B.1.1.28.P.1 wurde demnach im Saarland noch nicht nachgewiesen.

Die durch Mutanten verursachten Infektionen kommen dabei in allen Altersgruppen vor - eine besondere Häufung, wie sie in anderen Ländern beispielsweise bei Schulkindern aufgetreten ist, ist im Saarland bislang nicht zu beobachten. Tendenziell seltener betroffen waren Menschen über 60 Jahre.

Unklar ist allerdings, aus welchem Zeitraum die untersuchten Proben stammen. Trotz mehrfacher Nachfrage des SR konnte das zuständige Ministerium hierzu bisher keine entsprechende Aufgliederung zur Verfügung stellen.

Einfluss auf R-Wert

Erkenntnisse aus anderen europäischen Ländern geben Aufschluss darüber, wie es mit den Mutanten weitergehen könnte. Vor allem die Studienlage in Großbritannien, wo die SARS-CoV2-Variante B.1.1.7 im Dezember 2020 erstmals entdeckt wurde, sei für die Einschätzung der Situation hilfreich, sagte der Chef-Virologe der Berliner Charité, Christian Drosten, im NDR-Podcast. Die wohl wichtigste Erkenntnis: Die Variante ist vermutlich ansteckender als das ursprüngliche Virus. Um wie viel Prozent genau, ist noch nicht eindeutig belegt.

Was gibt der R-Wert an?

Die Reproduktionszahl, bekannt als R-Wert, gibt an, wie viele Menschen eine infizierte Person im Durchschnitt ansteckt. Kritisch wird der Wert dann, wenn er über 1 liegt - denn dann steigen die Fallzahlen wieder und können außer Kontrolle geraten.

Klar ist: Dadurch, dass die Variante B.1.1.7 ansteckender ist, erhöht sich der R-Wert - nach Berechnungen von Londoner Forschern um 0,4 bis 0,7 Punkte. Das heißt, dass die Zahl der Neuinfektionen durch die Mutanten bei gleichbleibenden Lockdown-Maßnahmen steigt.

Der Präsident des Robert Koch-Instituts, Lothar Wieler, hatte dazu vergangene Woche erklärt: "Wir stehen möglicherweise erneut an einem Wendepunkt. Der rückläufige Trend der letzten Wochen setzt sich offenbar nicht mehr fort." Die zunehmende Ausbreitung der Mutanten werde die Bekämpfung der Pandemie noch schwieriger machen, sagte Wieler in einer Pressekonferenz.

Laut Experten eigentlich strengere Maßnahmen zur Eindämmung nötig

Wissenschaftler wie Rolf Apweiler hatten diese Entwicklung bereits vor knapp zwei Wochen vorausgesagt. Apweiler ist Bioinformatiker und gehört zu dem Expertenteam, das die Bundesregierung in Corona-Fragen berät.

Um zu verhindern, dass die Zahl der Neuinfektionen aufgrund der Mutanten unkontrollierbar steigt, seien strenge Maßnahmen nötig, so Apweiler. So hatten zuletzt auch Kanzlerin Angela Merkel und der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans (beide CDU) den verlängerten Lockdown bis 7. März begründet.

Verschärft wurde allerdings nur die Maskenpflicht, die jetzt auch für Beifahrer im Auto gilt. In anderen Bereichen hingegen gab es erste, vorsichtige Lockerungen. So sind seit Montag die Grundschüler im Wechselunterricht. Und für die Kitas ist der Aufruf entfallen, die Kinder möglichst zuhause zu betreuen.

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