Zwei Personen sitzen nebeneinander in einer Bahn und nutzen ihre Handys. (Foto: picture alliance / empics | Kirsty O'Connor)

Sexuelle Belästigung per "AirDrop" in Bus und Bahn

Martina Kind   30.08.2022 | 06:26 Uhr

Viele junge Frauen bekommen im Internet ungefragt Fotos von männlichen Geschlechtsteilen zugeschickt. Das ist schlimm genug. Noch schlimmer ist es, wenn plötzlich Intimfotos von Fremden, die sich in direkter Nähe befinden, auf dem eigenen iPhone landen. Dafür wird die Apple-Funktion "AirDrop" inzwischen gezielt genutzt. Was man dagegen tun kann.

Im Internet unaufgefordert obszöne Fotos von Männern geschickt zu bekommen, das gehört für viele junge Frauen zur traurigen Realität. Es gibt keine offiziellen Zahlen darüber, wie viele Nutzerinnen von dieser spezifischen Form der sexuellen Belästigung betroffen sind. Dass es ein Online-Angebot gibt, mit dessen Hilfe Empfängerinnen solcher Aufnahmen Strafanzeige erstatten können, sagt allerdings einiges über die Verbreitung dieses Phänomens, das sich auch "Cyberflashing" nennt, aus.

Vermehrt gehen Absender derartiger Fotos noch einen Schritt weiter, indem sie fremde Mädchen und Frauen nicht aus vermeintlich sicherer Distanz belästigen, sondern ganz bewusst aus direkter Nähe.

Ein beliebtes Tool dafür ist die Apple-Funktion "AirDrop". Sie ermöglicht es, Dateien wie Fotos und Videos von einem iPhone drahtlos auf ein anderes zu übertragen. Dafür braucht es keine Handynummer, bei beiden iPhones müssen lediglich WLAN und Bluetooth eingeschaltet sein. Und: Die Personen dürfen mit ihren Smartphones nicht weiter als maximal neun Meter voneinander entfernt sein.

Belästigung in Bus oder Bahn

Immer häufiger berichten junge Frauen vor allem in den sozialen Netzwerken davon, wiederholt "AirDrop"-Anfragen von Unbekannten zu erhalten, wenn sie sich an öffentlichen Orten aufhalten, bevorzugt in Bussen oder der Bahn. Auf dem iPhone ploppt dann die Meldung auf: "XY möchte ein Foto teilen". "XY" muss dabei nicht der richtige Name des Absenders sein.

Wer die Anfrage annimmt, bekommt in der Folge das Foto eines erigierten Glieds oder eine ähnlich intime Aufnahme zu sehen. Zu dem Schock, diese expliziten Dateien überhaupt völlig aus dem Nichts erhalten zu haben, kommt kurz darauf die Erkenntnis hinzu, dass sich der Absender in unmittelbarer Nähe befinden muss. Das ist eine beängstigende und bedrohliche Situation.

Anzeige bei der Polizei erstatten

Für den Landespolizeisprecher Stephan Laßotta ist damit ein Straftatbestand nach Paragraf 184 StGB erfüllt: "Wer einen pornografischen Inhalt an einen anderen gelangen lässt, ohne von diesem hierzu aufgefordert zu sein, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft." Betroffenen rät er denn auch dazu, Anzeige zu erstatten.

Wer dabei glaubt, eine Identifzierung des Täters sei so gut wie ausgeschlossen, irrt. "Bei der Übertragung der Datei werden digitale Spuren hinterlassen, anhand derer sich der Absender durchaus ermitteln lässt", so Laßotta. Zudem könnten die Überwachungskameras in den öffentlichen Verkehrsmitteln helfen.

Ratsam sei es, die Anzeige persönlich bei der Polizei zu stellen und nicht beispielsweise über die Online-Wache. "Wir müssen in jedem Fall das Handy der betroffenen Person auswerten." Bisher sei es im Saarland zwar noch zu keiner Anzeige in diesem Zusammenhang gekommen. "Das bedeutet aber nicht, dass es dieses Phänomen im Saarland nicht gibt."

Gezielte Machtdemonstration

Was treibt die Täter überhaupt dazu an? Diese Frage sei nicht so einfach zu beantworten, sagt der Cyberkriminologe Thomas-Gabriel Rüdiger, der zum Thema Kriminalität im Netz forscht. "Kommt es auf die sichtbare Reaktion der Menschen an, dann kann es sich um eine digitale Form von Exhibitionismus handeln."

Oftmals gehe es aber um gezielte Grenzüberschreitung und Machtdemonstration, vor allem in Fällen, in denen die Täter bewusst "AirDrop"-Empfänger auswählen, deren Namen auf eine weibliche Identität hindeuten.

Weil die Funktion mittlerweile verstärkt in Schulen missbraucht werde, könne aber auch der "pubertäre Streich" eines Jugendlichen dahinterstehen, "der das einfach lustig findet und sich nichts weiter dabei denkt". Tatsächlich gerieten immer mehr Kinder und Jugendliche wegen der Verbreitung von Kinderpornografie ins Visier der Ermittler, wie auch eine Studie der bayerischen Polizei zeigt.

Vorsicht bei kinderpornografischen Inhalten

Vorsicht ist laut Rüdiger in jedem Fall geboten, wenn über die "AirDrop"-Funktion plötzlich kinder- oder jugendpornografische Inhalte auf dem eigenen Smartphone landen. Denn dann könnten Betroffene schnell selbst im Zentrum der Ermittlungen stehen.

"Fertigen Sie in keinem Fall impulsiv Screenshots an, die Sie Anderen zeigen oder Ihren Kontakten schicken wollen, um ihnen mitzuteilen, was gerade geschehen ist", warnt Rüdiger. Vielmehr sollten Betroffene sofort die Polizei verständigen. Verdächtig mache sich auch, wer die Inhalte auf seinem Smartphone gespeichert lasse – etwa, weil er vergisst sie zu löschen – und erst sehr viel später damit zur Polizei geht. "Wer einen kinderpornografischen Inhalt besitzt, kann sich eines Verbrechens strafbar machen, was eine Mindestfreiheitsstrafe von einem Jahr bedeutet."

Im umgekehrten Fall – also wenn Erwachsene pornografische Inhalte per "AirDrop" an ein Kind schicken – muss die Polizei wegen sexuellen Missbrauchs ermitteln.

Schutz vor "Cyberflashing"

Es gibt eine so einfache wie effektive Methode, sich vor "Cyberflashing" per "AirDrop" zu schützen – und zwar, indem iPhone-Nutzerinnen und -Nutzer diese Funktion entweder nur ihren eigenen Kontakten zugänglich machen oder sie ganz deaktivieren. Das geht über die Einstellungen: Dort müssen Nutzerinnen und Nutzer auf "Allgemein" und dann auf "AirDrop" klicken.

"AirDrop"-Einstellungen auf einem iPhone (Zum Vergrößern anklicken)

Rüdiger rät zudem, nach Software-Updates zu überprüfen, ob sich die Einstellungen nicht automatisch geändert haben. "Ist die Funktion deaktiviert, ist man in jedem Fall auf der sicheren Seite."

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