Mediziner und Pfleger versorgen einen an Covid-19 erkrankten Patienten in einem Zimmer des besonders geschützten Teils einer Intensivstation. (Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Jens Büttner)

Covid-Patienten repräsentieren Bevölkerungsdurchschnitt

Melina Miller   08.03.2021 | 11:37 Uhr

Seit Beginn der Corona-Pandemie waren im Saarland Menschen aus nahezu allen Bevölkerungsschichten in intensivmedizinischer Behandlung. Anders als die Bild-Zeitung für Gesamtdeutschland berichtet hatte, scheinen Menschen mit Migrationshintergrund im Saarland nicht überproportional betroffen zu sein. Allerdings spielt das Alter eine Rolle, hat eine SR-Stichprobe bei den saarländischen Schwerpunktkliniken für schwere Covid-Verläufe ergeben.

Bestimmte soziodemografische Merkmale - wie eine internationale Geschichte - spielen bei Covid-19-Patientinnen und Patienten auf saarländischen Intensivstationen offenbar eine geringe Rolle. Unterschiede gibt es allerdings je nach Altersgruppe. Das hat eine schwerpunktmäßige Umfrage unter den drei größten Kliniken für schwere Covid-19-Fälle im Saarland, dem Universitätsklinikum in Homburg, dem Winterberg-Klinikum Saarbrücken und der SHG-Klinik in Völklingen, ergeben.

"Die Covid-19-Patienten repräsentieren insgesamt einen unauffälligen Durchschnitt der Bevölkerung, beispielsweise auch bezüglich ihrer wirtschaftlichen Situation und ihrer Berufstätigkeit, soweit das für uns einschätzbar ist", erklärt Dr. Konrad Schwarzkopf, Chefarzt des Zentrums für Intensiv- und Notfallmedizin am Klinikum Saarbrücken. Grundlage für die Einschätzung seien die persönlichen Patientenkontakte seitens der Ärzte.

Debatte um soziodemografische Merkmale

Die Bild-Zeitung hatte dagegen vergangene Woche berichtet, dass eine bestimmte Bevölkerungsgruppe auf den Intensivstationen besonders häufig vertreten sei: Ein "sehr großer Teil" der Patienten seien Menschen mit Migrationshintergrund. Die Zeitung berief sich auf den Chefarzt einer Lungenklinik aus Moers.

Was heißt "Migrationshintergrund"?
Eine Person hat nach der Definition des Statistischen Bundesamtes dann einen Migrationshintergrund, wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren wurde. Im Einzelnen umfasst diese Definition zugewanderte und nicht zugewanderte Ausländerinnen und Ausländer, zugewanderte und nicht zugewanderte Eingebürgerte, (Spät-)Aussiedler sowie die als Deutsche geborene Nachkommen dieser Gruppen. Als alternative Begriffe gelten "Menschen aus Einwandererfamilien", "Einwanderer und ihre Nachkommen" oder "Menschen mit internationaler Geschichte".

Im Saarland scheint sich diese Aussage nicht bestätigen zu lassen: Offiziellen Angaben des Winterberg-Klinikums zufolge haben rund 23 Prozent der 150 bisher dort behandelten Covid-19-Intensivpatienten einen vermuteten Migrationshintergrund. Das entspricht in etwa dem Anteil von Menschen mit internationaler Geschichte an der Gesamtbevölkerung des Saarlandes, wie der Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes für das Jahr 2019 zeigt. "Das ist eine völlig unauffällige Entwicklung", so Chefarzt Konrad Schwarzkopf.

Bei den Patientinnen und Patienten auf der Normalstation des Klinikums sei eine derartige Auswertung aufgrund der größeren Anzahl an Patienten in Behandlung nicht möglich. "Die Verteilung von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund dürfte aber ähnlich aussehen", schätzt Schwarzkopf.

Keine statistische Erfassung

Diese Einschätzung stützt auch das Universitätsklinikum des Saarlandes (UKS). "Es werden selbstverständlich auch Patientinnen und Patienten mit Migrationshintergrund bei uns behandelt, dieser Anteil scheint aber nicht höher als der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund in unserer gesamten Gesellschaft", teilte ein Sprecher des UKS mit.

Die SHG-Klinik in Völklingen äußert sich ähnlich: "Selbstverständlich sind auf der Intensivstation und auch auf der Covid-Normalstation immer wieder Patienten mit offensichtlichem oder vermutbarem Migrationshintergrund." Allein aus der Anzahl der Patienten lokale Rückschlüsse zu ziehen, sei aber zu kurz gegriffen.

Statistisch erfasst werden die Daten zu einer möglichen internationalen Herkunft oder Geschichte in den befragten saarländischen Kliniken nicht. Das betonte zuletzt auch das Intensivbettenregister DIVI.

Alter durchaus relevant

Bezüglich des Merkmals "Alter" lässt sich bei den Covid-Intensivpatienten dagegen durchaus eine besonders betroffene Gruppe ausmachen. So sind 35 Prozent der Patientinnen und Patienten auf der Covid-Intensivstation des Winterberg-Klinikums 81 Jahre alt oder älter. Darauf folgt mit 24 Prozent die Gruppe der 71- bis 80-Jährigen. Nur rund acht Prozent der Covid-19-Intensivpatienten waren demnach jünger als 50 Jahre.

Behandlung unabhängig von Merkmalen

Die soziodemografischen Merkmale der behandelten Intensivpatienten haben sich nach Angaben der befragten Kliniken im Verlauf der Pandemie kaum verändert.

Viel wichtiger sei darüber hinaus der Patient als Mensch, nicht seine Merkmale, betonte ein Sprecher des UKS: "Bei der Behandlung zählt allein der Mensch, unabhängig von Kategorien wie ethnische Herkunft, Geschlecht, Religion, Weltanschauung, Behinderung oder Alter."

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