Eine Pflegekraft begleitet die Bewohnerin eines Altenheims mit Rollator beim Gang durch den Flur (Foto: picture alliance/dpa | Oliver Berg)

Kündigungswelle von Pflegekräften befürchtet

Kristin Luckhardt   14.03.2021 | 08:41 Uhr

Die Corona-Pandemie hat nach Ansicht der Gewerkschaft Verdi den Pflegenotstand weiter verschärft. Verdi befürchtet, dass im Saarland nach der Pandemie viele Beschäftigte aus dem Pflegeberuf ausscheiden werden.

RKI-Lagebericht

Bis zum 10. März haben sich nach Angaben des Robert-Koch-Instituts bundesweit mehr als 130.000 Menschen aus Gesundheitsberufen mit dem Coronavirus angesteckt. Mehr als 3500 wurden im Krankenhaus behandelt, 229 sind gestorben.

Die Pflegekräfte im Saarland seien wütend und tief enttäuscht, fasst Verdi-Gewerkschaftssekretär Michael Quetting die Stimmung zusammen. Die schwierige Situation in der Pflege werde zwar von der Politik beschrieben.

Es würden aber keine Maßnahmen getroffen, um die Situation tatsächlich zu verbessern. Es gebe also kein Erkenntnisproblem. Deswegen hätten die Pflegenden kein Vertrauen mehr in die Politik.

"Wenn Corona vorbei ist, gehen wir"

Die Frustration sitze tief. Das zeige ein Blick in die sozialen Medien. Die Grundstimmung könne so beschrieben werden: "Wenn Corona vorbei ist, gehen wir." Schon vor der Pandemie seien viele Beschäftigte aus Pflegeberufen ganz "geflohen" oder hätten in Teilzeit gewechselt. Die Corona-Pandemie habe diese Tendenz verstärkt.

Vorgekommen "wie in Tschernobyl"

Zu Beginn der Pandemie seien sich viele Pflegende vorgekommen "wie in Tschernobyl", so Quetting. Nicht einmal für das medizinische Personal sei genug Schutzkleidung vorhanden gewesen. Derzeit arbeiteten die Pflegenden im Saarland mit FFP2-Masken ohne Prüfzertifikat.

In der Corona-Pandemie seien zudem Pflegepersonaluntergrenzen ausgesetzt, Arbeitsschichten auf zwölf Stunden ausgedehnt und Pflegekräfte spontan innerhalb der Häuser anderen Stationen zugewiesen worden. Dadurch seien auch Teams auseinandergerissen worden, was die Stimmung weiter verschlechtert habe. Dagegen seien weder materielle noch andere Anreize geschaffen worden.

Verdi prangert Verstöße an

Vor dem Gesundheitsausschuss im Landtag hatte Quetting am vergangenen Mittwoch zudem Verstöße gegen Arbeitsschutzgesetze angeprangert. Quetting erklärte, im Saarland halte sich zum Beispiel kein Krankenhaus an die Tragezeitbegrenzung für FFP2-Masken.

In großen Teilen des Gesundheitswesens würden Schutzrechte "mit Füßen getreten". Das Landesamt für Umwelt- und Arbeitsschutz müsse seine Kontrollen in der Branche verstärken und "endlich Strafen und Bußgelder verhängen".

Dabei gebe es viel Fachkräftepotenzial, betont Quetting und verweist auf eine Studie der Bremer Arbeitnehmerkammer.

Viele Fachkräfte können sich Rückkehr vorstellen

Die Kammer hatte unter dem Titel "Ich pflege wieder, wenn.." ausgebildete Pflegekräfte gefragt, ob sie sich vorstellen könnten, in den Pflegeberuf zurückzukehren. 87,5 Prozent bejahten diese Frage. Fast drei von vier befragten Teilzeitkräften waren grundsätzlich zu einer Stundenerhöhung bereit. Allerdings müssten sich dafür die Rahmenbedingungen grundsätzlich ändern.

Die Kammer fasst zusammen, Bedingung für eine Rückkehr bzw. Stundenerhöhung sei

"den eigenen Ansprüchen entsprechend und unter Anerkennung ihrer Fachlichkeit pflegen zu können, dabei von Vorgesetzten wertgeschätzt zu werden, betrieblich mitbestimmen zu können, das Privatleben nicht immer wieder ungeplant der Arbeit unterordnen zu müssen, psychisch gesund zu bleiben und dabei der Verantwortung angemessen bezahlt zu werden".

Unterdessen dauert es immer länger, offene Stellen in den Pflegeberufen zu besetzen. Das geht aus Daten hervor, die die Regionaldirektion für Arbeit Rheinland-Pfalz-Saarland dem SR genannt hat. Demnach war eine Stelle in der Altenpflege im Jahresdurchschnitt 2020 im Saarland 174 Tage lange als offen gemeldet.

Das waren 44 Tage mehr als 2019. Bei der Gesundheits- und Krankenpflege stieg die "Vakanzzeit" um sieben Tage auf 149. Damit ist die Situation im Saarland allerdings besser als im Bund.

Bundesweit betrug die Vakanzzeit in der Altenpflege im vergangenen Jahr 188 Tage, in der Gesundheits- und Krankenpflege 173 Tage.

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