Bildmontage: Saarlandkarte vor einer Laborangestellten mit Teströhrchen in der Hand (Foto: picture alliance/Eibner-Pressefoto | Weber/Eibner-Pressefoto)

Coronazahlen in Saar-Kommunen leicht gestiegen

Melina Miller   20.07.2021 | 16:22 Uhr

Etwas mehr als die Hälfte der saarländischen Kommunen hat in der vergangenen Woche neue Coronafälle gemeldet. Die Inzidenzen steigen also, wenn auch leicht. Prof. Sören Becker erklärt, warum dieser Wert nicht mehr als alleinige Entscheidungsgrundlage dienen sollte - aber dennoch wichtig bleibt.

Die Zahl der Coronaneuinfektionen im Saarland ist leicht angestiegen. Insgesamt 98 neue Fälle wurden den Gesundheitsämtern in der vergangenen Woche gemeldet. Grundsätzlich bewegen sich die Inzidenzen aber noch auf einem relativ niedrigen Niveau, wie eine SR-Datenanalyse zeigt.

Die meisten Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner verzeichnete in der vergangenen Woche Schwalbach mit einem Wert von rund 64. Darauf folgen mit Mettlach und Schmelz zwei weitere Kommunen mit Inzidenzen über 50. In allen drei Gemeinden wohnen weniger als 18.000 Menschen - das heißt, bereits wenige neue Fälle haben einen relativ großen Einfluss auf den Sieben-Tage-Wert.

In insgesamt rund 48 Prozent der Saar-Kommunen liegt die Inzidenz aktuell bei 0.

Corona-Check: Coronazahlen in Saar-Kommunen leicht gestiegen
Video [SR.de, Felix Schneider, 20.07.2021, Länge: 00:55 Min.]
Corona-Check: Coronazahlen in Saar-Kommunen leicht gestiegen

Inzidenz als Entscheidungsgrundlage?

Inwieweit die Inzidenzen überhaupt noch als Entscheidungsgrundlage dienen sollten, wird aktuell stark diskutiert. So kündigte Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) Anfang Juli an, nach dem Sommer weniger auf die Inzidenz und stattdessen auf die Lage in den Krankenhäusern achten zu wollen - und dementsprechend Maßnahmen zu ergreifen.

Prof. Sören Becker, Leiter des Landeskompetenzzentrums für Infektionsepidemiologie, hält das grundsätzlich für den richtigen Weg. "Wir müssen die Inzidenzwerte heute anders bewerten als das etwa vor einem halben Jahr der Fall war. Die Inzidenz ist nicht mehr der alleinige sinnvolle Markerwert in der Pandemie." Außerdem bedeute eine höhere Inzidenz nicht mehr automatisch eine höhere Krankenhausbelastung, so Becker. Das liege unter anderem daran, dass die Risikogruppen weitgehend durchgeimpft seien.

Das zeigt auch ein Blick auf die aktuellen Zahlen: Bis auf wenige Ausnahmen an einzelnen Tagen sank die Zahl der Coronapatienten in saarländischen Krankenhäusern seit etwa Mitte Mai stetig. Am Stichtag der Kalenderwoche 28, am 18. Juli, waren im Saarland noch 18 Menschen in stationärer und fünf in intensivmedizinischer Betreuung. Außerdem gab es in der vergangenen Woche einen weiteren Todesfall in Zusammenhang mit einer Coronainfektion.

Inzidenz als Voranzeige

Grundsätzlich erwartet Becker, dass die Inzidenz ein wichtiger Wert bleibt, um abzusehen, wie sich das Infektionsgeschehen entwickelt. "Anhand der Inzidenz sehen wir, ob die Infektionen zunehmen, sinken und wie schnell sie das tun. Aktuell sehen wir zum Beispiel, dass sich im Saarland vor allem junge Menschen infizieren."

Schulen mit großem Risiko

Experten rechnen damit, dass sich diese Entwicklung auch weiterhin fortsetzen wird - insbesondere dann, wenn die Schülerinnen und Schüler nach den Ferien wieder in den Präsenzunterricht zurückkehren. Laut dem aktuellen Covid-Bericht der Technischen Universität Berlin ist diese Altersgruppe dann besonders gefährdet - vor allem, weil sie noch weitgehend ungeimpft ist. Es sei mit einem exponentiellen Anstieg der Infektionen zu rechnen, der dann auch die Erwachsenen betreffen würde, teilte das Forschungsteam der TU mit.

Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, schlägt das Forschungsteam eine Kombination aus verschiedenen Maßnahmen vor - darunter etwa mechanische Lüftungsgeräte für alle Klassenzimmer, regelmäßige PCR-Pooltests, Schnelltests und die Maskenpflicht im Unterricht als Rückfallebene. So könnten Schulschließungen oder Wechselunterricht verhindert werden. Zwei Schnelltests pro Woche seien nicht ausreichend.

Auf Letzteres setzt das saarländische Gesundheitsministerium. Es hat angekündigt, die Testpflicht an Schulen nach den Sommerferien erst einmal beizubehalten. Ob diese Maßnahme über einen längeren Zeitraum hinweg sinnvoll sei, müsse man dann im September entscheiden, sagt Sören Becker. Und auch in anderen Bereichen bleibe das Testen wichtig: "Das betrifft zum Beispiel auch Menschen, die von Auslandsreisen zurückkommen und natürlich all diejenigen, die noch nicht geimpft sind."

Exponentielles Wachstum?

Dass die Inzidenz insgesamt wieder steigt, sowohl im Saarland als auch in Gesamtdeutschland, findet Becker besorgniserregend: "Wir sehen einen kontinuierlichen Anstieg der Inzidenz, wenn auch noch auf geringem Niveau. Wenn sich das so fortsetzt, kommen wir wieder in einen Bereich, in dem wir uns Sorgen machen müssen."

Ähnlich sehen das auch die Forscherinnen und Forscher der TU Berlin. Auf den ersten Blick erscheine der Anstieg zwar langsam, tatsächlich steige die Zahl der Neuinfektionen aber exponentiell. Setze sich diese Entwicklung fort, drohen bereits Ende August und im September wieder Inzidenzen über 100. Neben der Rückkehr an die Schulen sei dafür ein weiterer Faktor maßgeblich verantwortlich: dass sich Freizeitaktivitäten bei schlechterem Wetter wieder in die Innenräume verlagern.

Einfluss von Reisen von Varianten abhängig

Reisen in der Urlaubszeit beeinflussen laut dem Modell vor allem dann das Infektionsgeschehen, wenn bis dahin noch nicht verbreitete Virusvarianten nach Deutschland getragen werden. Diese würden dann erst im Nachhinein entdeckt. Bei vergleichbaren Inzidenzen und denselben zirkulierenden Virusvarianten treiben Reisen die Neuinfektionen erst einmal nicht hoch, wie es in dem Bericht heißt.

Diese Entwicklung müsse man genau beobachten, betont Becker. Entscheidend sei, wie sich die Lage auch bei höheren Inzidenzen auf die Krankenhausbelegung übersetzen lasse. "Und das hängt maßgeblich von dem Impftempo ab - diese Quote können wir beeinflussen." Darauf hat am Dienstag auch der Saarbrücker Forscher Thorsten Lehr erneut aufmerksam gemacht.


INZIDENZWERT RICHTIG EINORDNEN

In unserer interaktiven Karte haben wir uns bei der Berechnung der Inzidenz an der Berechnungsweise des RKI für die Landkreise und für internationale Vergleiche orientiert. Die Fallzahlen werden dabei auf einen Wert pro 100.000 Einwohner umgerechnet und sind somit untereinander vergleichbar.

Die meisten Gemeinden im Saarland haben zwischen 10.000 und 20.000 Einwohner - der Inzidenzwert ist dort also rund fünf bis zehnmal höher als die tatsächlichen Infektionszahlen. Deshalb geben wir in der interaktiven Karte neben der Inzidenz immer auch die absoluten Fallzahlen an.

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