Prof. Dr. Philipp Lepper im Gespräch (Foto: Felix Schneider (SR))

„Wie eine Naturkatastrophe in Zeitlupe“

Armgard Müller-Adams und Felix Schneider   07.07.2020 | 10:30 Uhr

Die erste Welle der Corona-Pandemie ist abgeebbt. An der Uniklinik Homburg werden derzeit keine akut Infizierten mehr stationär behandelt. Intensivmediziner Philipp Lepper zeigt vor Ort, wie er das Coronavirus erlebt.

„Das ist ja so wie eine Naturkatastrophe, die gewissermaßen in Zeitlupe abläuft“, sagt Professor Philipp Lepper, Oberarzt auf der Intensivstation der Homburger Uniklinik (UKS). „Das ist jetzt nicht so, dass jetzt der Tsunami kommt, und dann spült einen die Welle am Strand weg.“ Noch vor ein paar Wochen verlief an der Uniklinik die Frontlinie zwischen Mensch und Virus.

Wie Intensivmediziner Corona erleben
Video [SR Fernsehen, (c) SR, 07.07.2020, Länge: 07:16 Min.]
Wie Intensivmediziner Corona erleben

Wenig Betrieb nach der ersten Welle

Auf der Intensivstation herrscht sehr wenig Betrieb. Akute Corona-Infizierte sind zu diesem Zeitpunkt keine mehr in der Klinik. Um Betten freizuhalten, wurden lange so gut wie keine anderen Patienten aufgenommen, nur absolut notwendige Operationen angesetzt.

Im Aufzug sind Masken trotzdem noch Pflicht. „Mir hat es phasenweise Angst gemacht, das muss ich ganz ehrlich sagen“, beschreibt Philipp Lepper die Situation während der ersten Welle. Ob er sich ein anderes Vorgehen gewünscht hätte? „Ich glaube, so wie es gemacht wurde, war es schon gut.“

Ruhiger Mut

Auf einem Gang liegen Schwerstkranke, wenn auch gerade keine Corona-Patienten. Ein paar Markierungen sind stumme Zeugen der ersten Welle. Es herrscht eine besondere Stimmung: ruhiger Mut. Den braucht man auch, wenn man die ECMO bedienen will, ein Gerät zur extrakorporalen Membranoxygenierung, also zur Sicherstellung der Atemfunktion. „Das ist die Maschine, die so viel diskutiert wurde und die so oft in der Presse gewesen ist“, sagt Lepper.

Im Oxygenator, dem Herzstück der Maschine, findet der Austausch der Gase statt. „Blut wird aus dem Patienten herausgenommen und läuft dann über den Schlauch in den Oxygenator rein“, erklärt Lepper. Dort wird dem Blut das Kohlendioxid entzogen, Sauerstoff kommt rein. Anschließend wird das Blut in den Körper des Patienten zurückgeleitet. „Wir hatten vergleichsweise viele Patienten an dieser Maschine“, sagt Lepper. „Das liegt daran, dass wir auf der Station an diese Technologie glauben. Wir glauben, dass es dem Patienten wirklich einen Überlebensvorteil bietet, und wir denken auch, dass wir so viel Erfahrung haben, dass wir auch für Covid-Patienten das Verfahren sicher anwenden können.“

Dem Patienten Zeit kaufen

Zur Heilung trägt die ECMO-Behandlung nicht direkt bei. Es sorgt nur dafür, dass der Sauerstoffgehalt im Körper noch genug bleibt. „Letztlich hat Intensivmedizin viel damit zu tun, dass man dem Patienten auch Zeit kauft“, sagt Lepper. „Dass der Körper wieder heilen kann und dass das Immunsystem auf den Erreger reagieren kann, das dauert ja ein bisschen.“

Die ECMO wird auch bei anderen Lungenkrankheiten eingesetzt. Es reinigt das Blut und ersetzt so die Lungenfunktion. Aber ohne erfahrenes medizinisches Personal hilft auch die ECMO nicht. Es sind Menschen, die in dieser lebensbedrohlichen Lage dafür sorgen, dass die Maschinen ihre Wirkung entfalten können – Hilfe in der größten Not. Definitiv nichts für schwache Nerven.

„Von den Patienten beispielsweise, die wir aus Frankreich übernommen haben, ist bei uns keiner gestorben“, erklärt Lepper. „Wir haben alle von hier wegverlegen können, wenngleich drei an der ECMO waren, man würde sagen: schwer erkrankt. Das ist wie 30 Tage Marathon laufen, das ist eigentlich brutal, was dem Körper abverlangt wird, auch was die Intensivmedizin dem Körper abverlangt. Man kann so ungefähr davon ausgehen, dass man für drei, vier Wochen Intensivstation ein halbes bis ein Jahr Rehabilitation braucht, bis man wieder einigermaßen auf dem Level ist, das man vorher hatte.“

„Wir sind häufig sehr machtlos“

Das Konzept der Uniklinik scheint aufgegangen zu sein. Jedenfalls haben sich hier – anders als andernorts – keine Mitarbeiter angesteckt. Ein Hauptgrund dafür sei, betont Philipp Lepper, dass sie immer genügend Schutzausrüstungen hatten. „Wir haben jetzt hier gesagt, wir tragen Schutzbrille, Visier und FFP3-Maske“, sagt er. „Wenn nichts passiert, dann kann man sagen: Hat man gar nicht gebraucht. Aber man würde ja auch nicht unbedingt die Feuerwehr abschaffen, nur weil es schon zehn Jahre nicht mehr gebrannt hat.“

Philipp Lepper würde in seinem Job gerne mehr für die Patienten tun. „Wir können oft auch nicht so helfen, wie wir uns das erhoffen würden. Wir sind auch häufig sehr, sehr machtlos.“ Das, so der Oberarzt, müsse man aber akzeptieren. Trotz medizinischen Fortschritts sei nicht alles möglich. „Man muss sich immer wieder erden, auf dem Boden bleiben und sich immer wieder sagen: Wir sind nur Handwerker, die das Handwerk, das wir ausführen, möglichst gut machen, mehr aber auch nicht. Wir sind keine Künstler und schon längst keine Halbgötter. Wir alle haben ein Ziel, und das ist, den Patienten bestmöglich zu versorgen.“ Solide, handwerklich gute Intensivmedizin – das ist Leppers Ziel.

„Nur“ ein Virus

Corona sei im Endeffekt „nur“ eine Infektionserkrankung, sagt Lepper. Auch das neue Virus müsse sich an alle Regeln halten, wie andere Erkrankungen auch. „Es ist jetzt nichts mysteriös Neues.“

Auf der Intensivstation ist Lebensgefahr allgegenwärtig – mit und ohne Corona. Hier arbeiten Menschen, die sich jeden Tag aufs Neue an die Seite derer begeben, die im Kampf um das eigene Leben stehen. Dabei scheint ihr ruhiger Mut ihre schärfste Waffe zu sein.

Artikel mit anderen teilen


Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja