Das Atemsystem der Lunge (Symbolbild) (Foto: picture alliance / Zoonar | magicmine)

Warum die Volkskrankheit COPD vergleichsweise unbekannt ist

Sandra Schick   19.06.2022 | 12:30 Uhr

Die Lungenerkrankung COPD zählt weltweit zu den drei häufigsten Todesursachen nach der koronaren Herzerkrankung und dem Schlaganfall. Auch im Saarland hat sich die Zahl der Todesfälle in den letzten 20 Jahren verdoppelt. Warum die eigentliche Volkskrankheit vergleichsweise unbekannt ist, erzählt Pneumologe Prof. Robert Bals im Interview.

Die Chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD) zählt weltweit zu den häufigsten Todesursachen, direkt hinter der koronaren Herzerkrankung und dem Schlaganfall. Auch in Deutschland sterben heute deutlich mehr Menschen an COPD als noch vor 20 Jahren. Im Jahr 2020 hat das das Statistische Bundesamt 29.443 Todesfälle durch COPD verzeichnet. Im Jahr 2000 waren es noch 17.851 gewesen.

Im Saarland hat sich die Zahl der Todesfälle durch COPD innerhalb der letzten 20 Jahre ebenfalls fast verdoppelt. Und: Der Anteil von Frauen ist stark gestiegen.

Obwohl COPD als eine Volkskrankheit bezeichnet wird, ist sie doch vergleichsweise wenig bekannt. Sie bekommt in der Öffentlichkeit weniger Aufmerksamkeit als etwa Schlaganfall oder Diabetes, sagt auch Professor Robert Bals, der an der Uniklinik in Homburg COPD behandelt und erforscht. Woran das liegen könnte und welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt, erklärt er im Interview.


SR.de: Dass COPD zu den häufigsten Todesursachen weltweit zählt, hat etwas überrascht. Über Schlaganfall und Herzinfarkte hört und liest man deutlich häufiger. Betreiben Sie doch mal ein wenig Aufklärung. Was ist COPD genau?

Prof. Robert Bals: Ja, das ist erstaunlich, denn die COPD ist eine der häufigsten Erkrankungen im Bereich der Lunge und auch generell. Es ist die Krankheit, die im Volksmund "Raucherlunge" genannt wird. Bei uns ist die COPD zu 95 Prozent durchs Rauchen verursacht. In Ländern der Dritten Welt, wo beispielsweise in Innenräumen Feuer abgebrannt wird, ist das ebenfalls eine Ursache.

Prof. Dr. Robert Bals Direktor der Inneren Medizin am Universitätsklinikum des Saarlandes (UKS) (Foto: Koop/UKS)
Prof. Dr. Robert Bals Direktor der Inneren Medizin am Universitätsklinikum des Saarlandes (UKS)

COPD ist einfach ausgedrückt die Folge, wenn man über längere Zeit toxische Substanzen der Lunge zuführt. Dabei kommt es zu einer chronischen Entzündung der Atemwege. Also eine chronische Bronchitis mit Schleimbildung. Eine weitere Komponente ist dann ein Lungenemphysem, dabei bilden sich die Lungenbläschen zurück. Es kommt dann zu Luftnot.

SR.de: Kann man die Krankheit behandeln oder aufhalten?

Prof. Robert Bals: Die COPD ist eine strukturelle Krankheit, bei der sich die Struktur der Lunge verändert, bis sie irgendwann nicht mehr funktioniert. Und das kann man eben nicht zurückdrehen. Man kann keine Regeneration der Lunge anstoßen. Aktuelle Therapien führen nicht zur Heilung, können aber die Lebensqualität und die Beschwerden verbessern.

Das Allerwichtigste ist die Rauchentwöhnung. Das ist zunächst der wichtigste Schritt in der Therapie.

Die Verengung der Atemwege durch Entzündung kann man durch Sprays beeinflussen, um die Lebensqualität zu verbessern und das Überleben zu verlängern. Auch Physiotherapie und angepasster Sport sind wichtige Therapiemaßnahmen.

Bei fortgeschrittener Erkrankung kommen die Lungenvolumenreduktion und als letzter Ausweg die Lungentransplantation in Frage. Beide bieten wir hier am UKS in Homburg an. Es ist übrigens so, dass rund jeder dritte Patient, der auf eine Lungentransplantation wartet, ein COPD-Patient ist.

SR.de: Nun sind die Todesfallzahlen in den letzten 20 Jahren stark gestiegen. Und gerade bei Frauen sehen wir im Saarland einen enormen Anstieg. Woran liegt das?

Prof. Robert Bals: Das ist eine 1:1-Beziehung: Wer vor 30 Jahren geraucht hat, bekommt mit einiger Wahrscheinlichkeit ab einem Alter von 50 Jahren eine COPD. Frauen haben sehr viel später erst angefangen zu rauchen als Männer. Deshalb sieht man das jetzt erst in der Statistik.

SR.de: COPD-Patienten sind gefährdeter, wenn sie sich Atemwegserkrankungen einfangen, wie beispielsweise aktuell das Coronavirus. Wie wirkt sich das aus?

Prof. Robert Bals: Ein Merkmal der COPD sind schubweise Verschlechterungen der Erkrankung. Patienten bekommen diese zum Beispiel, wenn sie sich mit einem Virus infizieren. COPD-Patienten mit diesen akuten Verschlechterungen, sogenannten "Exazerbationen", müssen häufig im Krankenhaus behandelt werden. Sie haben dabei auch eine höhere Sterblichkeit als Menschen, die beispielsweise mit einem Herzinfarkt ins Krankenhaus kommen. Solche akuten Verschlechterungen sind Einschnitte und gefährlich für den Patienten.

In den zwei Jahren Corona-Pandemie ist allerdings die Zahl der COPD-Patienten, die mit Exazerbationen ins Krankenhaus eingeliefert wurden, zurückgegangen. Ein Grund sind die Hygienemaßnahmen. Die Leute waren besser vor Infekten geschützt.

SR.de: Bei COPD soll es ja auch eine Dunkelziffer geben von Menschen, die unerkannt daran erkrankt sind. Woran liegt es, dass die Krankheit vielleicht nicht immer direkt erkannt wird?

Prof. Robert Bals: Die Beschwerden am Anfang der Erkrankung sind Husten und langsam zunehmende Luftnot. Das ist ein schleichender Prozess. Deswegen dauert es eine Zeit, bis man zum Arzt geht. Zudem ist eine Diagnose nur mit Lungenfunktionsgerät möglich. Das hat auch nicht jeder Hausarzt. Man überweist natürlich auch nicht jeden Patienten gleich zum Lungenarzt.

Wenn man selbst längere Zeit geraucht hat, über 50 Jahre ist, anhaltenden Husten hat oder unter Luftnot leidet, dann sollte man das vom Lungenarzt untersuchen lassen.

Wichtig ist auch, dass man die Erkrankung abgrenzt von Asthma. Das ist eine Erkrankung, die in der Regel einen allergischen Hintergrund hat und eher jüngere Menschen betrifft. Die COPD ist eine Erkrankung der Älteren. Zwei völlig unterschiedliche Krankheiten.

SR.de: An der Universität des Saarlandes forschen sie ja auch zu der Krankheit. Hat der Bekanntheitsgrad der Krankheit dabei Auswirkungen?

Prof. Robert Bals: Wir beteiligen uns an der Universität des Saarlandes seit zehn Jahren am Deutschen Kompetenznetz für Asthma und COPD. In diesem Rahmen führen wir die größte Beobachtungsstudie Deutschlands in dem Bereich durch. Dabei begleiten wir deutschlandweit einige tausend Patienten mit COPD über einen Zeitraum von nun zehn Jahren. Damit untersuchen wir, wie die Erkrankung verläuft und ob man den Verlauf der Erkrankung vorhersagen kann.

Wenn eine Krankheit nicht so in den Köpfen der Leute ist, schlägt sich das auch in den gesundheitspolitischen Maßnahmen, etwa Fördergeldern für Forschung, nieder. Solche Krankheiten fallen häufig "hinten runter".

Außerdem gibt es eine gewisse Stigmatisierung der Erkrankung, weil man sie sich sozusagen durch das eigene Fehlverhalten selbst zugefügt hat. Und es sind ja auch ältere Patienten, die jetzt nicht so sehr für ihre Patientenrechte eintreten, wie das andere vielleicht tun.

Entwicklung der Zahlen:

Todesfälle Saarland:

2020: 516, davon 257 Frauen
2019: 492, davon 232 Frauen
2015: 535, davon 252 Frauen
2010: 374, davon 155 Frauen
2005: 396, davon 149 Frauen
2000: 258, davon 90 Frauen

Deutschlandweit Tote an COPD im Jahr

2020: 29.443, davon 13.412 Frauen
2015: 31.073, davon 13.773 Frauen
2010: 25.675, davon 10.945 Frauen
2005: 20.895, davon 8488 Frauen
2000: 17.851, davon 6.666 Frauen

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