Eine Mitarbeiterin des Gesundheitswesens bereitet vor den Augen eines Patienten eine Spritze mit dem Impfstoff gegen das Coronavirus vor (Foto: picture alliance/dpa/Xinhua)

Impfungen senken Neuinfektionen vorerst kaum

Melina Miller   09.02.2021 | 16:16 Uhr

Die Anzahl der Menschen, die gegen das Coronavirus geimpft werden, steigt kontinuierlich. Weniger Neuinfektionen sind deshalb laut Wissenschaftlern aber vorerst nicht zu erwarten. Vor allem die Impfreihenfolge und die Zeitspanne, bis die Impfungen wirken, spielen dabei eine Rolle.

Die Zahl der Menschen, die gegen Corona geimpft sind, steigt - aber der Saarbrücker Pharmazie-Professor Thorsten Lehr erwartet nicht, dass das in den nächsten Wochen große Auswirkungen auf das Infektionsgeschehen in der Gesamtbevölkerung hat. Bei gleichbleibender Impfgeschwindigkeit rechnet er frühestens im dritten Quartal mit Auswirkungen auf die Sieben-Tage-Inzidenz. Inwieweit die Virusmutationen diese Prognose beeinträchtigen könnten, sei noch nicht abschätzbar, warnt Lehr.

Bislang sind nach Angaben des Gesundheitsministeriums im Saarland über 40.000 Impfungen gegen das Coronavirus durchgeführt worden. Der Großteil der Impfdosen wurde in der Gruppe der Über-80-Jährigen sowie bei Bewohnerinnen und Bewohnern von Alten- und Pflegeheimen verimpft. Das sind die Bevölkerungsgruppen, die das höchste Risiko für einen schweren oder sogar tödlichen Krankheitsverlauf tragen.

70 Prozent der Todesfälle über 80

Nach Angaben des Robert Koch-Instituts sind im Saarland bisher 787 Menschen in Zusammenhang mit einer Coronainfektion gestorben - knapp 70 Prozent der Verstorbenen waren 80 Jahre alt oder älter. Die Zahlen des RKI unterscheiden sich dabei aufgrund von Meldeverzögerungen leicht von den Angaben des Landes.

Vulnerable Gruppe eher Empfänger als Verbreiter

Die betroffene Altersgruppe der Über-80-Jährigen ist damit besonders vulnerabel. Deshalb zielt die Impfstrategie in Deutschland darauf ab, diese Menschen zu schützen. Da sie das Virus aber vermutlich weniger stark selbst in der Bevölkerung verbreiten würden, ließen die Impfeffekte auf die Gesamtzahl der Neuinfektionen noch auf sich warten, so Thorsten Lehr.

Ähnlich äußerte sich zuletzt auch der Chef-Virologe der Berliner Charité, Christian Drosten, im NDR-Podcast: "Die Dosen gehen in großen Teilen an Mitglieder der Gesellschaft, die eigentlich nicht unbedingt die großen Verbreiter sind, sondern die Empfänger des Virus, die am Ende der Übertragungsketten stehen. Und für die Kontrolle der Epidemie-Tätigkeit müssen wir die Verbreiter impfen", erklärte er. Jetzt mit einem Impfeffekt zu rechnen, sei voreilig. Dieses Wissen müsse man berücksichtigen.

Impfen geht nur langsam voran

Auch die Sterbefallzahlen werden vermutlich nicht so schnell sinken. Das liegt aus Sicht von Lehr an der derzeit noch langsamen Impfgeschwindigkeit und dem Zeitraum, bis bei geimpften Personen der vollständige Schutz aufgebaut ist. Zwischen Erst- und einer Zweitimpfung vergingen rund drei Wochen, so Lehr. Und auch danach seien noch rund zwei Wochen nötig, bis die Impfung ihre volle Wirkung entfaltet. Aufgrund dieser Zeitspannen sei es für messbare Effekte schlicht noch zu früh, erklärt Lehr. Die seien frühestens im zweiten Quartal zu erwarten.

Damit sich insgesamt deutliche Effekte zeigen, müsste schneller geimpft werden. "Erst wenn rund ein Drittel der Bevölkerung geimpft wäre, könnten wir einen ordentlichen Einfluss auf die Inzidenz oder die Krankenhausbelegung sehen", so Lehr. Momentan liegt die Impfquote im Saarland nach Angaben des Robert Koch-Instituts bei rund 2,5 Prozent.

Zudem gebe es für diese Prognosen noch viele unbekannte Variablen: "Zum Beispiel wissen wir noch nicht, wie hoch die Infektiosität von Geimpften bleibt oder welche Impfstoffe wie stark gegen die Mutationen wirken."

"Zu früh, um zu lockern"

Deshalb seien weiterhin politische Maßnahmen nötig, um die Pandemie einzudämmen. "Ich bin persönlich beunruhigt, was die Fallzahlen im Saarland angeht. Wir machen wenig Fortschritte im bundesweiten Vergleich und auch die Krankenhausbelegung ist konstant hoch", warnt Lehr. Bei diesem hohen Niveau an Infektionen sehe er Gespräche über Lockerungen kritisch.

Am Mittwoch beraten die Ministerpräsidentinnen und -präsidenten mit Bundeskanzlerin Angela Merkel über das weitere Vorgehen in der Pandemie. Der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) hatte sich im Vorfeld bereits für eine Verlängerung des Lockdowns ausgesprochen.

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