Bau der Berliner Mauer 1961  (Foto: dpa)

Biotop und Pulverfass

  03.10.2019 | 08:36 Uhr

Der Fall der Berliner Mauer jährt sich dieses Jahr zum 30. Mal. SR-Mitarbeiter Axel Burmeister hatte das Symbol der Teilung Deutschlands fast vor der Haustür: Er wuchs in Westberlin auf.

Mit der Mauer verbinden sich viele Schrecken: Kalter Krieg, Eiserner Vorhang, Todesstreifen. Zu spüren bekam Axel Burmeister die Grenze, die seine Heimatstadt Westberlin von der DDR trennte, vor allem dann, wenn er eine Reise unternehmen wollte. „Die Reise begann immer am Kontrollpunkt Dreilinden in Westberlin mit einer Intensivkontrolle. Da wurde der Pass kontrolliert und ein Vopo [Volkspolizist] sagte: Öffnen Sie mal das Handschuhfach. Das wurde sogar zum geflügelten Wort.“

Was die Teilung für die Menschen auf der anderen Seite der Mauer bedeutete, merkte Burmeister, wenn er wieder aus der DDR hinausfuhr. „Da wurde man gefilzt. Die Rückbank musste hochgeklappt werden, weil da ein Flüchtling drunter liegen könnte. Unter das Auto wurden Spiegel geschoben um zu sehen, ob einer unterm Auto lag.“ Die Kontrolleure prüften sogar mit einem langen Draht, ob der Tank verkürzt war für einen Kasten, in dem sich ein Flüchtling versteckte.

Axel Burmeister ist in Westberlin aufgewachsen. (Foto: Leonie Rottmann/SR)
Axel Burmeister ist in Westberlin aufgewachsen.

In Westberlin, wo Burmeister aufwuchs, herrschte eine besondere Atmosphäre. Weil sie dort nicht zum Wehrdienst eingezogen werden konnten, tummelten sich viele junge Menschen und Studenten in der Stadt. „Das war schon ein sehr spezielles Biotop. Einerseits war es ein großes Dorf, andererseits kamen viele Menschen mit Ideen, die sich selbst verwirklichen wollten.“

Die DDR wurde von vielen der Studenten verklärt. Burmeister hatte eine Freundin, die in der SEW war, der Sozialistischen Einheitspartei Westberlin. „Da gab es viele Diskussionen, weil sie wie viele andere auch die DDR verherrlichte: Ein Atomkraftwerk in der DDR war dann viel ungefährlicher als in Westdeutschland.“ Er habe sie gefragt: „Wieso? Kommt da Lavendel raus?“ Das kam nicht so gut an. Da sein Vater auch noch Mitbegründer des Rias war, des Rundfunks im amerikanischen Sektor, stand Burmeister bei seinen linken Freunden ohnehin unter „Bourgeoisie“-Verdacht.

Treffen unter Beobachtung

Die Teilung betraf auch Burmeisters Familie. Er hatte einen Onkel in der DDR, den er nur unter besonderen Bedingungen treffen konnte. „50 Meter vom Treffpunkt entfernt stand ein Wartburg. Da standen drei graue Herren und haben rübergeguckt." Auch wenn in diesem Fall niemand etwas unternahm - das Wissen ständig beobachtet werden zu können, habe das Verhalten der Menschen im Osten geprägt: "Sie waren reserviert - und hatten Angst."

Doch auch in Westberlin war die Gefahr keineswegs bloß abstrakt. Manchmal ließen die Sowjets MiG-Düsenjäger über die Stadt fliegen - so tief, dass Scheiben zerbarsten. „Die ganze Situation war immer auch ein Pulverfass. Deswegen hatte jeder Westberliner einen Vorratsschrank für Lebensmittel. Und was heute fast unvorstellbar ist: Jeder Berliner hatte Benzin im Keller. Unterschwellig gab es immer das Gefühl, dass etwas passieren kann.“

Mauerfall im Saarland

Als die Mauer vor dreißig Jahren fiel, nahm Burmeister wieder Urlaub. Denn inzwischen lebte er nicht mehr in Berlin, sondern im Saarland. Zehn Tage vor dem Mauerfall war Burmeister aus beruflichen Gründen in den Südwesten gekommen, zur Arbeit beim SAARTEXT, der gerade gegründet wurde. Von dem Ereignis erfuhr er zunächst aus dem Fernsehen. Sein damaliger Chef habe ihm dann freigegeben und er konnte bei der Fahrt nach Berlin erstmals erfahren, wie es ist, die Grenze ohne Kontrollen zu überqueren.

Die anfängliche Euphorie über die Einheit hat sich inzwischen deutlich gelegt. Der Zusammenbruch der DDR erwies sich insbesondere für die Menschen im Osten als riesiger Einschnitt. „Man muss immer berücksichtigen, dass die Leute sich von einem Leben verabschieden mussten. Sie mussten von einem Tag auf den anderen ein neues Leben beginnen. Alte Werte, die sie vermittelt bekommen haben im Kindegarten, in der Schule, galten plötzlich nicht mehr“, sagt Burmeister. „Als die Mauer fiel, sagte man, es dauert eine Generation, bis das überwunden ist. Jetzt weiß man, es dauert länger.“

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