Prozessauftakt Cybertrading, Angeklagter mit seinem Rechtsanwalt (Foto: Caroline Uhl/SR)

Angeklagter im Cybertrading-Prozess will offenbar Geständnis ablegen

Caroline Uhl, Niklas Resch   03.05.2022 | 15:12 Uhr

Am Saarbrücker Landgericht hat am Dienstag ein spektakulärer Betrugsprozess begonnen. Es geht um mehr als 1100 geprellte Anleger, die über gezinkte Internet-Portale für Finanzwetten insgesamt rund 42 Millionen Euro verloren haben sollen. Die Verteidigung kündigte für die kommende Woche ein Geständnis des Angeklagten an.

In dem Saarbrücker Prozess um einen Multi-Millionen-Betrug mit gezinkten Online-Finanzportalen will der Angeklagte offenbar ein Geständnis ablegen. Sein Verteidiger, der Saarbrücker Rechtsanwalt Walter Teusch, kündigte an, dass sich sein Mandant in der kommenden Woche entsprechend äußern wird. Im SR-Interview betonte Teusch, dies betreffe zumindest den Tätigkeitsbereich seines Mandanten und "beinhaltet auch, dass er in diesem Geflecht miteingebunden war".

Angeklagt ist der 29-Jährige Azem S., der im Kosovo ein Callcenter mit mehr als 430 Mitarbeitern betrieben haben soll. Ihm wird gewerbsmäßiger Bandenbetrug vorgeworfen. Er soll Teil eines internationalen Netzwerks sein, das mit gezinkten Onlinetrading-Plattformen Anleger um ihr Geld gebracht hat.

Video [aktueller bericht, 03.05.2022, Länge: 2:04 Min.]
Prozess um Betrug mit Cyber-Trading gestartet

Per Telefon zum Investieren überredet

In dem Gerichtsverfahren vor dem Saarbrücker Landgericht soll es um fünf solcher Plattformen gehen. Sie heißen „XMarkets.com“, „Zoomtrader“, „Option888“, „TradeInvest90“ und „TradoVest“. Dort boten die Betreiber vermeintlich lukrative Finanzwetten an.

Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft überredeten zudem Berater von südosteuropäischen Call-Centern aus die Anleger per Telefon dazu, immer mehr an die Portale zu überweisen. Das eingezahlte Geld soll dabei laut Anklage nur zum Schein in Finanzwetten geflossen sein, tatsächlich aber direkt in die Taschen der mutmaßlichen Betrüger.

Azem S. soll laut Anklage Personal für die Callcenter rekrutiert, eingestellt, geschult und kontrolliert haben. Demnach hätte er auch persönlich erheblich von der mutmaßlichen Betrugsmasche profitiert. Zwischen Sommer 2016 und Januar 2019 soll er mindestens 1,2 Millionen Euro für seine Tätigkeiten rund um das Call-Center kassiert haben.

Auch Saarländer betroffen

Die Bande soll laut Anklage einen enormen Schaden angerichtet haben. Es geht um insgesamt 1153 Geschädigte aus Deutschland und Österreich. Unter ihnen sind auch Saarländer. Deswegen hatte die Staatsanwaltschaft Saarbrücken das Verfahren seinerzeit an sich gezogen – das ist der Grund dafür, dass der Prozess im Saarland stattfindet.

Die Geschädigten haben zusammen rund 42 Millionen Euro verloren, im Schnitt rund 35.000 Euro pro Person. Der höchste Verlust einer Einzelperson liegt laut Staatsanwaltschaft bei 5,5 Millionen Euro.

Tatsächlich dürfte der Schaden, den die Bande angerichtet hat, aber noch viel höher ausfallen. Nach SR-Informationen fanden die Ermittler in ausgewerteten Datenbanken die Namen von über 200.000 möglichen Geschädigten, die insgesamt 115 Millionen Euro eingezahlt haben.

728 Seiten dicke Anklageschrift

Es ist das größte Betrugsverfahren, das die Saarbrücker Staatsanwaltschaft jemals zur Anklage gebracht hat – mit außergewöhnlichen Dimensionen: Alleine die Anklageschrift in dem Gerichtsverfahren umfasst 728 Seiten und die Unterlagen der Ermittler füllen 866 Aktenordner. Für den Gerichtsprozess sind 28 Verhandlungstage angesetzt.

Nach dem Auftakt am Dienstag soll der Prozess nun am Mittwoch fortgesetzt werden. Dann könnten die ersten Zeugen vernommen werden. Auf der Tagesordnung steht nach SR-Informationen die Befragung eines Ermittlers, der auch bei der Razzia des Callcenters im Kosovo im Mai 2019 mit von der Partie war.

Ob es zu seiner Vernehmung kommt, ist allerdings noch unklar. Denn die Verteidigung hat beantragt, die Reihenfolge der Zeugenbefragungen zu ändern. Sie möchte, dass zuerst Geschädigte oder Mitarbeiter aus dem Callcenter als unmittelbar Betroffene gehört werden. Die Entscheidung darüber soll am Mittwoch fallen.

Was passiert mit dem Geld der Anleger?

Die Anleger, die durch die Betrugsmasche Geld verloren haben, haben durch den Prozess zumindest eine kleine Chance, noch einmal an einen Teil ihres Geldes zu kommen. In dem Strafprozess selbst geht es zwar erst einmal nur um die Schuld des Angeklagten Azem S., die Anklage sieht jedoch vor, rund 1,2 Millionen Euro seines Vermögens einzuziehen.

Wenn das Gericht dem folgen sollte, könnten betroffene Anleger zivilrechtlich gegen Azem S. vorgehen und Geld zurückfordern. Da diese Summe jedoch deutlich niedriger ist als der verursachte Gesamtschaden, müsste das Geld verteilt werden. Wie genau das vonstatten gehen würde, steht noch nicht fest.

"Es wurde nochmal deutlich, wie wichtig die Rolle der Callcenter ist"
Audio [SR 3, Interview: Nadine Thielen, 03.05.2022, Länge: 04:49 Min.]
"Es wurde nochmal deutlich, wie wichtig die Rolle der Callcenter ist"

Über dieses Thema berichteten die SR-Hörfunknachrichten am 03.05.2022.

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