Bergmanns Chor (Foto: IMAGO / Jochen Tack)

So erinnert das Saarland an die Bergbau-Vergangenheit

  29.06.2022 | 06:30 Uhr

Seit zehn Jahren ruht ein ehemals wichtiges Standbein der saarländischen Wirtschaft: der Bergbau. Geblieben sind neben Denkmälern, Grubengeländen und Halden auch viele Traditionen und Bräuche. Aber auch im Sprachgebrauch oder zu Werbezwecken taucht die saarländische Bergbau-Vergangenheit noch auf.

10.00 Uhr an einem Mittwochvormittag nahe des Grubengeländes Göttelborn. Walter Engel wartet schon. "Ein Bergmann ist immer zu früh", sagt er. Sonst hätte man vielleicht die Einfahrt in die Grube verpasst. Eine Angewohnheit, die geblieben ist. Die Überpünktlichkeit ist dabei nur eine von vielen weiteren persönlichen und allgemeinen Verbindungen zur Bergmannsvergangenheit.

Zwar ist das Saarland mittlerweile frei von der aktiven Kohleförderung - nicht aber von den Traditionen, Bräuchen oder auch dem ein oder anderen skurrilen Alltagsbezug, der aus dem Bergbau geblieben ist. Wo Grube, Bergmann und Co. im Saarland noch immer eine Rolle spielen - ein Rückblick mit zwei ehemaligen saarländischen Bergleuten.

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Die Landschaft des Bergbaus

Die offensichtlichsten Spuren des Bergbaus sind wohl die gebliebenen Gebäude, Bergehalden und andere bergbaulichen Überreste. Der Bergbau hat auch Landschaftsnamen geprägt: Das schwarze Gestein ist zum Beispiel klarer Bestandteil des "Kohlbachweihers" in Quierschied.

Nur einen Steinwurf weiter ebenfalls in Quierschied: Die nach dem ehemaligen preußischen Finanzminister Otto von Camphausen benannte Grube Camphausen. "Das sind Namen, die bis heute geblieben sind. Und keiner weiß mehr, woher sie kommen", blickt Walter Engel, der selbst als Bergmann gearbeitet hat, auf die tiefen Wurzeln des staatlichen Bergbaus im Saarland zurück.

Interaktive Karte
Bergbaudenkmäler im Saarland
Über 260 Jahre hat es den Bergbau an der Saar gegeben. 2012 war endgültig Schluss. Vielerorts hat die Ära Spuren hinterlassen, die mittlerweile einen Teil der Geschichte des Saarlandes darstellen.


Arbeitskleidung, Uniform oder Tracht?

Schwarz wie die Kohle, goldene Knöpfe als Statussymbol der Steiger. "Die Knöpfe hat man unter Tage schon hundert Meter weiter blinken sehen. Da wusste man: 'Männer, holt eure Werkzeuge, da kommt der Chef'", erinnert sich Engel.

Walter Engel, Kulturbeauftragter des Landesverbands der Bergmanns-, Hütten- und Knappenvereine des Saarlandes e.V. und ehemaliger Bergmann  (Foto: Walter Engel)
Walter Engel hat seine Uniform noch zu besonderen Anlässen getragen.

Aber nicht nur unter Tage trug man die Uniform - bei den preußischen Bergleuten gehörte sie auch an Feiertagen zur guten Sitte. Sie war daher viel mehr als nur Arbeitskleidung, findet der Dirminger und ehemalige Bergmann Frank Klein.

Frank Klein, Ortsvorsteher Dirmingen und ehemaliger Bergmann (Foto: Tabea Prünte/SR)
Frank Klein in seinem Büro als Ortsvorsteher Dirmingen.

Die Tracht war dabei "nichts anderes als die feierliche Darstellung des Berufsstandes", fügt er hinzu. "Das hat mit Stolz zu tun", Stolz auf die harte Betätigung unter Tage und den hohen Stellenwert des Bergbaus in der Gesellschaft.


Feiern wie die Bergmänner

Feiern konnten die Bergleute und können es auch immer noch, sagen Walter Engel und Frank Klein aus eigener Erfahrung. Noch immer erkenne man ehemalige Bergleute bei Festen sofort daran, dass sie zum Beispiel beim Steigerlied aufstehen.

Orte, die früher von harter Arbeit geprägt werden, dienen heute außerdem als Orte zum Feiern. So finden auf den Fördertürmen oder auch in den alten Gebäuden auf den Grubengeländen zum Beispiel noch private Hochzeiten statt.

All das sei ebenfalls Teil der Erinnerungskultur, erklärt Engel: "Weil der Großvater mit seiner Zeche verbunden ist, freut er sich wahrscheinlich, wenn sich die jungen Enkelchen dafür interessieren. Das weiterzugeben, sollte auch unsere Aufgabe sein, als sogenannte Alte Bergleute", findet er.

"Ansonsten schaut die Generation auf die Halden und die Fördertürme und weiß nicht mehr, was da war. Die Alten können das weitererzählen."


Auch Schattenseiten

Trinkfest seien Bergleute auch. Das hat jedoch nicht nur mit Feiern zu tun. Nicht selten sei unter Tage Alkohol konsumiert worden, berichtet Klein. Grund dafür seien die harten Bedingungen unter Tage gewesen. "Das Betriebsklima war nur Schreierei. Viele Bergleute waren Alkoholiker."

"Und saufen Schnaps, und saufen Schnaps", heißt es selbst im Steigerlied.


Bergmannsmusik nicht nur das "Steigerlied"

Zum Feiern gehörte eines natürlich fest dazu: das "Steigerlied". "Wenn Alkohol getrunken wird, wird auch das Steigerlied gesungen" - das sei noch heute so, erklärt Frank Klein. "Aber man muss natürlich alle Strophen kennen", fügt er mit einem Augenzwinkern hinzu.

Neben dem bekannten Steigerlied blieben laut Klein aber noch zahlreiche weitere Musikstücke in Anlehnung an den Bergbau in Erinnerung: Lieder zu Ehren der Heiligen Barbara als Bergmannspatronin, gesungene Schutzgebete der Kinder an die Bergleute - "traurig aber auch sehr schön", findet Klein. "Es gibt ja unendlich viel, aber auch das geht über die Zeit verloren."

"Die Bergmusik an der Saar ist hunderte Jahre alt", sagt Walter Engel, der durch die aktive Mitgliedschaft in verschiedenen Chören seinen Teil dazu beiträgt, ihre Bekanntheit auch künftig zu erhalten. Dafür trägt er die Musik sogar in die ganze Welt hinaus.

Mit den Chören, in denen er singt, hat er schon alle Kontinente bereist und ist sich sicher: Verbindungen zum Bergbau gibt es überall. Die Gemeinsamkeit der Bergleute auf der ganzen Welt sei ganz klar der besondere Stellenwert der Musik. "Die Musik ist der Halt zwischen den Menschen. Sie hat auch den Bergmännern Halt gegeben."

Gegründet worden seien all die alten Gesangsvereine von Bergleuten, erzählt Engel, der ebenfalls Kulturbeauftragter des Landesverbands der Bergmanns-, Hütten- und Knappenvereine des Saarlandes ist. "Das hat auch das Saarland zum Land der Vereine gemacht."


Der Bergbau und der Glaube

"Egal ob evangelisch oder katholisch", sagt Klein, "der Bergmann hat viel mit dem Glauben zu tun." Auch das finde seinen Ursprung darin, dass der Beruf so gefährlich war. "Man wusste nicht, ob man am Mittag wieder nach Hause kommt", fasst Engel zusammen.

Das Gebet zur heiligen Barbara vor der Einfahrt in die Grube gehörte daher eng verbunden zum Tagesablauf dazu. Auch unter Tage habe es Figuren der Schutzpatronin gegeben, erinnert sich Engel. "Falls man dann mal eine Minute hatte, hat man sich dort hingestellt und ist in sich gegangen, um sich den Schutz zu wünschen."


Bergbau-Kameradschaft und Zusammenhalt

Unter Tage habe immer gegolten: Sechs Augen sehen mehr als zwei. Der Zusammenhalt und das gegenseitige Vertrauen unter den Bergleuten war groß. "In der Dunkelheit war das noch wichtiger, denn man selbst hatte nur eine Kopflampe", erinnert sich Engel.

"Einer leuchtete nach oben, könnte hier irgendwas runterfallen, einer nach unten, könnte man hier irgendwie stolpern. Ein Bergmann hat den anderen gebraucht. Und das hat sich dann auch in den Alltag übertragen. Das gehört zu unserer Kultur, das ist selbstverständlich geworden."

Frank Klein (rechts), ehemaliger Bergmann, mit einem Arbeitskollegen.  (Foto: Frank Klein)
Unter Tage herrschte ein besonderer Zusammenhalt unter den Arbeitern, erzählt Frank Klein (rechts).

"Das Saarland ist ein kleines Land, aber der Bergbau hat schon einen hohen Stellenwert", so Engel. Mittlerweile sei das auch auf politischer Ebene wieder mehr anerkannt, "das war aber nicht immer so". Der Bergbau habe "unser Land geprägt und auch Dinge, die heute für jeden Alltag sind: Zusammenhalt in der Familie, Zusammenhalt in der Straße, Zusammenhalt im Ort, Vereinsgründungen, das hat alles miteinander zu tun, wie die Kollegen auf der Grube gearbeitet hatten."

Ähnliches berichtet Klein: "Die Kameradschaft unter Tage war wirklich bombastisch. Das gibt’s über Tage nicht so. Das war sensationell. Das fehlt mir heute auch." Ihm fehle außerdem die Moral, die unter Tage gelehrt wird. "Diese Erziehung in den Bergjahren, die geht heute ein bisschen verloren, weil man viel alleine arbeitet. Die Erziehung zum Helfen, die war im Bergbau in der Ausbildung drin."


Der Bergbau bei den Saarländern Zuhause

Auch in der Einrichtung bei dem ein oder anderen ehemaligen Grubenarbeiter Zuhause finden sich Spuren des Bergbaus, erzählen beide ehemaligen Bergleute. So seien zum Beispiel Uhren oder andere Dinge aus Kohlegestein hergestellt worden. Um sie haltbarer zu machen, hätte man die Kohle mit Haarspray sozusagen imprägniert, verrät Engel einen Geheimtipp.

Uhr aus Kohlegestein (Foto: Walter Engel)
Uhr aus Kohlegestein

Auch Grubenlampen wurden mitgenommen und finden sich nun in Bergmannsfamilien wieder. Und auch andere Dinge: Der Bergmann habe immer viel geklaut, verrät Frank Klein. Da wurde durchaus mal ein Stück abgesprengtes Holz, ein sogenanntes "Mutterklötzchen", mitgehen lassen, um damit den Ofen Zuhause zu befeuern. Gerne auch mal ein Bandmesser oder auch die Seife aus den Waschkauen.

Grubenlampe. In vielen ehemaligen Bergbauhaushalten gibt es noch Equipment von unter Tage, zum Beispiel Grubenlampen.  (Foto: Walter Engel)
In vielen ehemaligen Bergbauhaushalten gibt es noch Equipment von unter Tage, zum Beispiel Grubenlampen.

Begehrt sei auch die Körperlotion gewesen, die für Grubenarbeiter nach der Schicht bereitstand, da sie gut gegen die trockene Haut von der staubigen Arbeit unter Tage geholfen habe.

In vielen ehemaligen Bergbauhaushalten gibt es noch Equipment von unter Tage, zum Beispiel Bandmesser (Foto: Frank Klein)
Unter Tage soll einiges weggekommen sein, erinnert sich Frank Klein - zum Beispiel solche Bandmesser.


Das Bergmannsfrühstück

Typische Bergmannsküche? Die gibt es schon, findet Engel. Ein "Bergmannsfrühstück" sei zum Beispiel allgemein bekannt. "Das ist ein Viertel Lyoner und ein halber Weck."

Auch typisch saarländische "Dibbelabbes" sind für Engel mit dem Bergbau verbunden: ein günstiges Essen für die Schichtarbeiter, "Kartoffeln hatte man immer gehabt".

Und auch namensgebend habe der Bergbau seine Spuren hinterlassen. "Schales mit Schießdraht" habe es in der Mittagspause der Schicht häufig gegeben. Dibbelabbes mit Endiviensalat, "wobei der Salat aussah wie mit Schießdraht bearbeitet", erklärt Engel - der Draht, mit dem unter Tage gesprengt wurde.


Bergbau als Marketingstrategie

Bonbons in Kohlebrikettform - sogenannte "Bergmannsgutzjer" - oder Schnaps, der "Grubenwasser" heißt. Auch in Produktnamen oder der Werbung finden sich Bezüge zum Bergbau. "Selbst der Bergmann vorn am Stoß trägt von Walter eine Hos", besagte ein früherer Werbespruch eines Bekleidungsgeschäfts.

Der typische Bergmannsgruß "Glück auf" ist nicht nur in politischen Reden zu finden sondern dient auch als Name für Restaurants. Alternativ können sie auch "Flöz" heißen oder in anderer Form namensgebend mit dem Bergbau verbunden sein.


Glück auf - Bergbau in Sprache und Erinnerung

"Es gibt bestimmte Dinge und besonders auch Ausdrücke, die es in der hochdeutschen Sprache gar nicht gibt, die gibt's halt nur in der Mundart und die kommen oft aus dem Bergbau", weiß Engel.

"Übergänger", "Kaffeeblech", "Partiemann", "schießen", "Knubbe", "Hartfüßler", "Wauwau" - und noch viel mehr.

"Ich kann nicht mehr so sprechen wie früher, weil das nicht jeder versteht", findet Klein. Dabei sei Sprache der Schlüssel für Erinnerungskultur. "Wenn wir das nicht weitergeben, dann stirbt das."

Auch mit Patriotismus habe das zu tun. "Ich bin sehr heimatliebend und da gehört der Saarbergbau natürlich dazu." Zuletzt findet Klein noch eine Begründung für diesen Patriotismus: "Als Bergmann hast du Teile deiner Heimat gesehen, die andere nie sehen werden."


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Am 30. Juni 2012 ist der Bergbau im Saarland offiziell zu Ende gegangen. Damit endete eine Ära, die das Saarland über 250 Jahre lang prägte. Ein Rück- und Ausblick auf Vergangenheit und Folgen.

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