Der kleine aber feine Aufenthaltsraum der Saarbrücker bahnhofsmission (Foto: Felicitas Fehrer)

Kaffee und ein offenes Ohr - Auf Gleis 5 ist jeder gleich

Felicitas Fehrer   09.09.2018 | 08:47 Uhr

Seit über 100 Jahren unterstützen die „blauen Engel“ Menschen am Bahnhof, die Hilfe brauchen. Die Bahnhofsmission – ein Begriff, der in vielen Köpfen ein veraltetes Bild von Kirche und Missionierung hervorruft – nicht zuletzt wegen des Kreuzsymbols. Doch die Realität sieht anders aus. Das gelebte Motto der Saarbrücker Bahnhofsmission: Hier ist jeder gleich.

"Einen Kaffee bitte!“, ruft ein Mann in zerschlissenen Jeans und einem fleckigen Shirt in die kleine Küche, als er das Häuschen der Saarbrücker Bahnhofsmission betritt. Er ist bepackt mit mehreren Plastiktüten. „Kommt sofort“, antwortet Johannes Müller lächelnd. „Milch, Zucker?“ – „Jawoll.“ Auf die Frage, wie es ihm geht, antwortet der Mann, der es sich inzwischen auf einem Stuhl am Fenster bequem gemacht hat: „Naja. Die Ausbeute war heute nicht so berauschend.“ Dabei blickt er auf seine Tüten. Um irgendwie über die Runden zu kommen, sammelt er Pfandflaschen.

Julia Bettinger ist Koordinationsleiterin der Bahnhofsmission Saarbrücken. (Foto: Felicitas Fehrer)
Julia Bettinger ist Koordinationsleiterin der Bahnhofsmission Saarbrücken.

Mitten auf Gleis fünf des Saarbrücker Hauptbahnhofs steht das kleine Gebäude der Bahnhofsmission. Die Miete zahlt die Deutsche Bahn, die Räumlichkeiten sind begrenzt. Aber es gibt alles, was nötig ist. Eine kleine Küche mit Spülmaschine und Kaffeekocher, einen gemütlich eingerichteten Aufenthaltsraum mit drei kleinen Tischen, an denen man sitzen kann, und ein kleines Büro. Insgesamt 25 Ehrenamtliche arbeiten hier – immer in Zweierteams.

Der Junge, der den Schnitt senkt

Frühdienst haben heute Johannes und Marvin, beide aus Riegelsberg. Sie tragen jeweils ein blaues Poloshirt mit dem Logo der Bahnhofsmission – ein rotes Kreuz. Marvin, mit seinen 20 Jahren der mit Abstand Jüngste „blaue Engel“, ist seit fünf Jahren im Team. Er studiert in Kiel, hilft aber trotzdem aus, wenn er zu Besuch im Saarland ist. „Außer mir arbeitet hier kein Ehrenamtlicher unter 60“, sagt er lachend. „Manche sind über 70.“

Die Ehrenamtler Marvin und Johannes (Foto: Felicitas Fehrer)
Die Ehrenamtler Marvin und Johannes

Warum das so ist, das kann Marvin nicht verstehen. „Ich finde, wenn es einem selbst relativ gut geht, sollte man was zurückgeben können. Ich könnte in dieser Zeit auch etwas anderes tun, aber für mich ist das ein wichtiger Ansporn. Dieser Dank, den man bekommt, wenn man den Menschen einfach nur mit ‘nem Kaffee was Gutes tun kann. Das sind fünf Stunden in der Woche, die Zeit kann man sich ruhig mal nehmen.“ Marvin genießt die gelassene Art seiner älteren Kollegen. Die entspannte Atmosphäre spricht für sich.

Bei Johannes ist die Situation anders – er ist vor fünf Jahren in Altersteilzeit gegangen. Er wollte schon immer bei der Bahn arbeiten. Und das hat er auch, früher in Stuttgart, heute bei der Saarbrücker Bahnhofsmission. „Hier am Bahnhof, das ist mein Leben, meine Heimat. Und das mit einer sozialen Komponente zu verbinden, passt für mich perfekt“, sagt er.

Kaffee und ein offenes Ohr

Während Stammgast Jürgen sich mit Marvin über frühere Zeiten unterhält, kocht Johannes in der Küche schon mal frischen Kaffee. „Als wir heute Morgen um 8.00 Uhr aufgemacht haben, standen hier schon sechs Leute vor der Tür“, erzählt Johannes. „Die setzen sich dann zu uns, trinken einen Kaffee, und wenn sie möchten, unterhalten wir uns ein bisschen.“ Der Job der „blauen Engel“ ist es, zu helfen. Und zwar egal wem, egal wobei. „Oftmals kommen Leute zu uns, die nicht wissen, in welchen Zug sie einsteigen müssen, oder Wohnungslose für ein bisschen Gesellschaft. Wir bringen auch öfter mal blinde Menschen runter zur Saarbahn.“

Die Küche der Saarbrücker Bahnhofsmission (Foto: Felicitas Fehrer)
Die Küche der Saarbrücker Bahnhofsmission

Manchmal, wenn ein Gast großen Hunger hat, bekommt er von den Ehrenämtlern ein Brot. Die Lebensmittel kauft eine der beiden Koordinatorinnen, Renate Ritter-Hoffmann und Julia Bettinger, oder ein anderer Kollege mit dem Geld aus der Spendenkasse – manchmal bekommen sie auch Reste aus der Bahnhofsbäckerei.

Heute kommen nicht so viele Gäste. Das liegt daran, dass Anfang des Monats ist. „Zu dieser Zeit haben die Leute noch nicht ihr ganzes Geld ausgegeben. Ende des Monats ist der Anlauf hier schon ein ganz anderer“, erzählt Johannes.

Spürbare Dankbarkeit

Den beiden Helfern macht die Arbeit großen Spaß. „Wenn man was gibt, kommt immer was zurück. Das ist einfach schön“, sagt Johannes. „Man hat eine Aufgabe und merkt, dass sie nicht einfach so verpufft, sondern etwas in der Welt zurücklässt.“ Diese Dankbarkeit ist spürbar: Einmal hat Johannes ein Päckchen bekommen, in dem ein kleiner Modellzug war – von einem Gast der Bahnhofsmission, dem er beim Umsteigen geholfen hat.

Mit „Missionierung“ hat die Bahnhofsmission nicht wirklich etwas zu tun. „Wir sagen hier zu niemandem, er solle in die Kirche gehen. Wir betreuen einfach Menschen im christlichen Sinne, also im Zeichen der Nächstenliebe“, sagt Johannes.

Man kennt seine Pappenheimer

Inzwischen kennen die "blauen Engel" ihre Stammgäste. „Man hat hier Dauergäste, die wirklich jeden Tag kommen“, sagt Marvin. Zu denen baut man über die Jahre natürlich auch ein Verhältnis auf. „Man kennt ihre Geschichte. Und sieht sofort, wenn die Person den Raum betritt, ob sie heute einen guten oder schlechten Tag hat. Dafür muss man nicht mal ein Wort wechseln“, erzählt Johannes. Dabei sei es wichtig, dass man sich emotional nicht zu tief in die Beziehung begebe. „Denn es ist schon öfter passiert, dass Leute, die jahrelang fast täglich bei uns waren, einfach nicht mehr gekommen sind. Vielleicht verstorben, vielleicht weggezogen.“ Das könne einen unter Umständen mitnehmen.

Johannes setzt frischen Kaffee für die Gäste auf. (Foto: Felicitas Fehrer)
Johannes setzt frischen Kaffee für die Gäste auf.

Einer dieser Stammgäste ist Jürgen. Er kommt seit mehreren Jahren so gut wie jeden Tag und trinkt seine Tasse Kaffee. Er weiß das Angebot zu schätzen: „Ich habe hier so viele Leute kennengelernt mit den Jahren. Es macht einfach Spaß, sich zu unterhalten und auszutauschen. Wenn mal was ist, hab ich auch schon mal beim Anpacken geholfen. Die sind ja für uns da, da helfen wir auch gerne zurück.“

Um 13 Uhr ist Schichtwechsel. Marvin hängt gerade ein neu bestelltes Whiteboard auf. „Nicht so hoch, sonst seh ich ja gar nix“, ruft die Kollegin, die gerade neu dazugekommen ist, um die beiden Männer abzulösen. Eine Dame mit Gehwägelchen streckt zaghaft ihren Kopf durch die Tür und fragt nach einer Toilette, sie habe keinen Euro für das Bahnhofs-WC. Die Situation ist ihr spürbar unangenehm, ihre Stimme brüchig. Ohne zu zögern, zeigt ihr die Kollegin, wo es langgeht. Als sie zurückkommt und vor Scham am liebsten nur ganz schnell raus möchte, bietet die Ehrenämtlerin ihr noch eine Tasse Kaffee an, als ob es das Normalste auf der Welt wäre. Und sie nimmt an.

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