Impfdose des AstraZeneca-Impfstoffes (Foto: picture alliance/dpa/AP/Alessandra Tarantino)

AstraZeneca-Impfstoff auf dem Prüfstand

Melina Miller   15.02.2021 | 20:39 Uhr

Der Corona-Impfstoff von AstraZeneca galt zunächst als Hoffnungsträger: Er ist billiger und einfacher zu lagern als die Stoffe von Biontech und Moderna. Dann aber kamen Zweifel an der Wirksamkeit, vor allem bei älteren Menschen und in Bezug auf die Mutationen. Für Saar-Professorin Alexandra K. Kiemer und den Homburger Virologen Dr. Jürgen Rissland überwiegen dennoch die Vorteile.

Seit Anfang Februar kommt der AstraZeneca-Impfstoff auch im Saarland zum Einsatz. Zu rund 70 Prozent wirkt der Stoff des britisch-schwedischen Unternehmens nach aktuellen Studien - und damit circa 20 Prozent weniger als die Vakzine von Biontech und Moderna. Das weckt bei vielen Menschen Zweifel.

Video [aktueller bericht, 16.02.2021, Länge: 3:58 Min.]
Diskussionen um Impfstoff von AstraZeneca

Was bedeutet die Wirksamkeit der Coronaschutzimpfung in Prozent?

Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums bedeutet beispielsweise eine 95-prozentige Wirksamkeit: Die Wahrscheinlichkeit, an dem Coronavirus zu erkranken, war bei geimpften Teilnehmerinnen und Teilnehmern von Studien um 95 Prozent geringer als bei den Placebo-Geimpften. Kommt eine gegen Covid-19 geimpfte Person also mit dem Erreger in Kontakt, wird sie mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht erkranken.

Einige Saarländerinnen und Saarländer haben deshalb sogar ihre Impftermine abgesagt. "Uns sind Fälle bekannt, bei denen Personen das Impfangebot mit AstraZeneca ablehnen", teilte das saarländische Gesundheitsministerium mit. Sich einen bestimmten Impfstoff auszusuchen, ist in Deutschland nicht möglich. Will man also den Stoff von AstraZeneca nicht, erhält jemand anders den Impftermin.

Diskussion um Alter

Aktuell wird der Impfstoff von AstraZeneca in Deutschland nur an Menschen unter 65 Jahren verimpft. Das hat die zuständige Impfbehörde, die Ständige Impfkommission (Stiko), so empfohlen. Allerdings nicht, weil der Impfstoff erwiesenermaßen nicht bei Älteren wirke, sondern weil die Studienlage hierzu nicht ausreichend sei, erklärt Alexandra K. Kiemer, Professorin für Pharmazeutische Biologie an der Universität des Saarlandes.

Bogdan: Mehr Studien könnten Debatte um AstraZeneca beenden
Audio [SR 3, (c) SR Michael Friemel, 16.02.2021, Länge: 05:44 Min.]
Bogdan: Mehr Studien könnten Debatte um AstraZeneca beenden

An der Wirksamkeitsstudie selbst, der Basis der Stiko-Empfehlung, haben hauptsächlich Menschen unter 55 Jahren teilgenommen. Deshalb begründet die Stiko ihre Entscheidung so: "Zur Beurteilung der Impfeffektivität ab 65 Jahren liegen aktuell keine ausreichenden Daten vor." Abgesehen von dieser Einschränkung werde der Impfstoff aber als gleichermaßen geeignet wie die anderen angesehen.

Zugelassen wurde der Impfstoff für alle Altersgruppen - denn dafür ist die Europäische Arzneimittelagentur EMA zuständig. Und auch die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt den Impfstoff für alle Personen ab 18 Jahren, einschließlich der Älteren.

Wirksam gegen Mutationen?

Inwieweit der Impfstoff gegen die Virus-Mutationen wirke, könne man noch nicht abschließend sagen, so Kiemer. Zuletzt war der AstraZeneca-Impfstoff vor allem in Bezug auf die Mutante B.1.351 aus Südafrika in die Kritik geraten. Südafrika selbst hat den Einsatz des AstraZeneca-Impfstoffs sogar gestoppt. Denn: Eine kleine, noch nicht begutachtete Studie mit 2.000 Personen in Südafrika ergab, dass der Impfstoff nur einen "minimalen Schutz" gegen leichte und mittelschwere Covid-19-Infektionen durch die Coronavirus-Variante B.1.351 bieten soll.

Inwieweit der Impfschutz gegen schwere Verläufe gegeben ist, vor denen die Impfung ja hauptsächlich schützen soll, ist allerdings unklar. Das sei in der Studie so nicht erhoben worden, da die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Versuchsgruppe alle recht jung waren, erklärt Prof. Kiemer. Bei jüngeren Menschen ist das Risiko, an einem schweren oder tödlichen Verlauf einer Coronaerkrankung deutlich geringer als bei älteren Menschen. Deshalb hätte die Wirkung diesbezüglich gar nicht untersucht werden können. "Es kann also sehr wohl sein, dass das Risiko auf einen schweren Verlauf auch bei dieser Mutante verringert wird", erläutert Kiemer.

Schutz vor schweren Verläufen relevant

Prof. Dr. Rissland zu Kritik am AstraZeneca-Impfstoff
Video [SR Fernsehen, (c) SR, 15.02.2021, Länge: 03:31 Min.]
Prof. Dr. Rissland zu Kritik am AstraZeneca-Impfstoff

Auch der Homburger Virologe Dr. Jürgen Rissland von der Homburger Uniklinik hält die Skepsis gegenüber dem AstraZeneca-Impfstoff nicht für berechtigt. Der Impfstoff sei zwar etwas weniger effektiv wenn man die Gesamtwirksamkeit gegen alle Covid-19-Verläufe betrachte. Das gelte aber nicht, wenn man ausschließlich vergleiche, wie er gegen schwere Krankheitsverläufe wirke. Dann seien beide Impfstoffarten "praktisch gleichwertig". "Ich bin überzeugt, dass der Impfstoff eine gute Option ist", sagte Rissland im SR-Interview.

So sieht das auch der Chef-Virologe der Berliner Charité, Christian Drosten. Er sagte im NDR-Podcast: "Was uns doch eigentlich interessiert, wenn wir geimpft werden, ist, ob wir gegen den schweren Verlauf geschützt sind. Und da liegen die Wirksamkeiten viel, viel, viel besser." Alle Impfstoffe seien gegen schwere Verläufe gut wirksam, so Drosten.

Die WHO rät ebenfalls zu einem weiteren Einsatz des Impfstoffs. Auch hier heißt es in der Begründung, es gebe keine Hinweise darauf, dass der Impfstoff gegen schwere Verläufe von Covid-19 nicht schütze. Vor der Mutante B.1.1.7 aus Großbritannien soll der Impfstoff übrigens ähnlich stark wie vor dem ursprünglichen Virus schützen. Das zeigt eine Studie der Oxford University.

AstraZeneca hat vergangene Woche außerdem verkündet, seinen Impfstoff so anzupassen, dass er auch bei der Südafrika-Mutante wirksamer ist.

"Vorteile überwiegen"

Grundsätzlich müsse man bei der Diskussion im Auge behalten, dass eine 70-prozentige Schutzwirkung immer noch deutlich besser sei, als gar keine Impfung, sagt Alexandra K. Kiemer. Einen Impftermin deshalb verfallen zu lassen, sei für die persönliche Schutzwirkung deshalb nicht sinnvoll: "Jede Impfung, die ein Mensch jetzt absagt, hindert daran, dass derjenige geschützt wird."

Rissland hält den Impfstoff auch mit Blick auf mögliche Nebenwirkungen für unkritisch. Wie bei den Impfstoffen von Biontech und Moderna könne es zwar zu Nebenwirkungen wie Fieber, Kopfschmerzen oder auch Gliederschmerzen kommen. "Aber in der Regel klingt das nach ein bis zwei Tagen ab und es bleiben auch keine Folgeschäden."


Wie wirkt der Impfstoff?

Im Gegensatz zu den mRNA-Impfstoffen von Biontech und Moderna ist der AstraZeneca-Stoff ein sogenannter Vektorimpfstoff. Er besteht nach Angaben des Paul-Ehrlich-Instituts aus einem harmlosen, bei Menschen nicht vermehrungsfähigen Erkältungsvirus von Schimpansen. Dieses Virus wurde so modifiziert, dass es das Gen enthält, nach dessen Bauplan ein Oberflächenprotein des Coronavirus hergestellt werden kann. Das Erkältungsvirus selbst kann sich nicht vermehren und verursacht keine Krankheit.

Nach der Impfung gelangt das Impfvirus mit dem SARS-CoV-2-Gen in einige wenige menschliche Körperzellen. Die Zellen verwenden das Gen zur Herstellung des sogenannten Spikeproteins. Das Immunsystem erkennt das Spikeprotein als fremd an und bildet als Reaktion des Immunsystems Antikörper und T-Zellen, die im Idealfall vor einer Infektion mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 schützen.

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