Corona Schutzimpfung für Kinder und Jugendliche. Jugendlicher vor der Impfung. (Foto: picture alliance / SvenSimon | Frank Hoermann/SVEN SIMON)

"Coronavirus für Kinder nicht gefährlicher als andere Viruserkrankungen"

Das Interview führte Sandra Schick   03.08.2021 | 19:23 Uhr

Die geplante Impfkampagne bei Kindern und Jugendlichen stößt in der Fachwelt teils auf herbe Kritik. Auch Kinderarzt und Infektiologe Arne Simon vom Uniklinikum Homburg kritisiert den Vorstoß: Wissenschaftliche Daten belegten, dass Kinder nicht in gleichem Maß von Impfungen profitierten. Das Coronavirus sei für sie nicht gefährlicher, als viele andere Virusinfektionen.

Professor Dr. Arne Simon ist Pädiatrischer Infektiologe und Kinderonkologe am Universitätsklinikum des Saarlandes in Homburg. Er befasst sich seit Beginn der Pandemie mit den Auswirkungen von SARS-CoV-2 auf Kinder. Zusammen mit zwei Kollegen der Universitäten in Witten und Tübingen hat er einen wissenschaftlichen Artikel mit dem Titel: "Covid-19-Impfung für Kinder und Jugendliche? 14 Argumente für einen rationalen Weg in Deutschland" herausgebracht.

Der Artikel ist ein sogenannter Pre-Print, befindet sich also noch in der Phase der wissenschaftlichen Begutachtung. Doch der Inhalt unterstützt klar die Linie der Ständigen Impfkommission (Stiko).

SR.de: Prof. Simon, was war denn die Motivation für Ihren Artikel "Covid-19-Impfung für Kinder und Jugenliche? 14 Argumente für einen rationalen Weg in Deutschland"?

Prof. Dr. Arne Simon: Wir haben das Ziel verfolgt, sorgfältig zwischen Nutzen und Risiko der Impfung bei Kindern abzuwägen, bevor die Stiko ihre erste Empfehlung publiziert hat. Zum Beispiel ging es um die Frage: Profitieren die Kinder und Jugendlichen selbst von einer solchen Impfung? Wir hatten den Eindruck, dass zunehmend Druck auf Kinder und ihre Eltern in Richtung einer Impfung entsteht. Und das zu einem Zeitpunkt als es noch keine belastbaren Sicherheitsdaten gab.

Prof. Dr. Arne Simon (UKS) (Foto: Foto: Rüdiger Koop/Pressebild UKS)
Prof. Dr. Arne Simon (UKS)

SR.de:  Am Montag haben die Gesundheitsminister ein Impfprogramm für Kinder- und Jugendliche beschlossen, obwohl die Stiko die Impfung nach wie vor nicht empfiehlt. Wie stehen Sie dazu mit Ihrem wissenschaftlichen Hintergrund?

Prof. Dr. Arne Simon: Grundsätzlich finde ich das nicht in Ordnung. Die Stiko hat ein gesetzliches Mandat über das Infektionsschutzgesetz, Impfempfehlungen auszusprechen. Das ist eine Expertenkommission, die ausgesprochen gründlich die verfügbaren wissenschaftlichen Daten auswertet und beurteilt. Die Stiko entscheidet nach einer sorgfältigen Risiko-Nutzen-Abwägung - und vor allem aus der Perspektive der Menschen, die geimpft werden sollen. Dieses Vorgehen ist etwas grundlegend anderes, als wenn sich Herr Lauterbach in eine Talkshow setzt und seine Meinung äußert.

Für mich ist es ganz essentiell, dass wir die lange etablierten Wege der Entscheidungsfindung bei Impfempfehlungen einhalten. Weil wir ein erhebliches Risiko eingehen, wenn wir diesen Pfad verlassen: Das kann dazu führen, dass das Vertrauen der Bevölkerung in die Impfungen drastisch abnimmt.

Wenn die Frage "Impfe ich jemanden oder nicht?" von der Politik entschieden wird, weil es gerade opportun ist, sich für eine Impfung auszusprechen, dann wird dadurch das Grundvertrauen in Impfungen in Frage gestellt. Politiker sind keine Experten - wenn sie Interviews mit einigen Politikern hören, dann stellen sie fest, dass ihnen zu einem erheblichen Teil das Grundverständnis für die Zusammenhänge fehlt. Das ist auch nicht erstaunlich, denn sie sind in der Regel keine Mediziner und keine Wissenschaftler.

SR.de: Sie haben in Ihrem Artikel 14 kinderbezogene Aspekte betrachtet im Hinblick auf die Impfungen. Da geht es um Krankheitslast, Folgeschäden, Mortalität und andererseits um Nebenwirkungen und langfristige Immunitätsentwicklung. Zu welchem Ergebnis kommen Sie da?

Prof. Dr. Arne Simon: Konzentrieren wir uns mal auf die Hauptargumente. Das eine ist die Krankheitslast der Kinder selber: Da muss man klar sagen - ohne das jetzt verharmlosen zu wollen -, dass die SARS-CoV-2-Infektion nicht gefährlicher ist als viele andere Virusinfektionen, die Kinder im Laufe ihres Lebens durchmachen.

Es gibt im Wesentlichen einen Unterschied, das ist das systemische Entzündungssyndrom (PIMS), das vier bis sechs Wochen nach einer Infektion mit SARS-CoV-2 auftreten kann. Das ist etwas, das wir in dieser Form von anderen Virusinfektionen nicht kennen.

Diese Kinder sind auch tatsächlich schwer krank. In Deutschland haben wir bis zur 30. Kalenderwoche insgesamt 400 solcher Fälle in unserem Register erfasst. Von diesen musste die Hälfte vorübergehend auf der Intensivstation behandelt werden. 22 Kinder hatten Folgeschäden, die einer Nachbehandlung bedürfen, keines ist verstorben. Das ist im Grunde der bedeutendste Teil der Krankheitslast. Das PIMS kommt bei Kindern und Jugendlichen mit einer geschätzten Häufigkeit von fünf Fällen auf 10.000 SARS-CoV-2 Infektionen vor.

Bei der SARS-CoV-2-Infektion selber, hat die Deutsche Gesellschaft Pädiatrische Infektiologie 1700 Fälle von stationär behandelten Kindern und Jugendlichen erfasst. 20 Prozent hatten gar keine Symptome. Fünf Prozent wurden auf Intensivstationen behandelt. Verstorben sind bis zum 31. Juli 2021 insgesamt 13 Patienten. Von diesen hatten fünf Kinder eine lebenslimitierende Vorerkrankung, weswegen auf eine intensivmedizinische Behandlung zugunsten einer palliativen Therapie verzichtet wurde.

SR.de: Sie sagten ja bereits, dass SARS-CoV-2 für Kinder nicht gefährlicher ist als viele andere Viruserkrankungen. Haben Sie da ein Beispiel zur Einordnung?

Prof. Dr. Arne Simon: Insgesamt haben wir bei SARS-CoV-2 eine Krankheitslast und Sterblichkeit, die wir von anderen viralen Erregern sehr gut kennen. Um das zu illustrieren: Hier am UKS hatten wir vor der Pandemie pro Jahr etwa 40 Kinder, die wir wegen einer RSV-Infektion (Respiratory Syncytial Virus) stationär behandeln müssen. Die Letalität liegt hier in der Größenordnung von etwa 1,0 bis 1,5 Prozent. Bei SARS-Cov-2 liegt sie bei den stationär behandelten Kindern bei 0,4 Prozent.

Das bedeutet einfach, dass es für die Kinder keine Infektion ist, vor der sie sich dramatisch fürchten müssen.

SR.de: Ein weiteres Argument, das immer wieder angeführt wird, ist, dass wenn die Kinder nicht geimpft würden, keine Herdenimmunität zu erreichen sei. In Ihrem Artikel kommen Sie jedoch zu anderen Ergebnissen. Erklären Sie das doch bitte.

Prof. Dr. Arne Simon: Der Begriff der Herdenimmunität trifft auf SARS-CoV-2 nicht in gleicher Weise zu wie zum Beispiel auf Masern. Nicht nur, weil wir bei den Erwachsenen die erforderliche Impfrate wahrscheinlich nicht erreichen werden. Sondern auch, weil die Geimpften das Virus erwerben und weitergeben können. Bei Pneumokokken-Impfungen wissen wir, wenn wir das Kind impfen, kann es den im Impfstoff enthaltenen Serotyp des Erregers nicht mehr auf ältere Menschen übertragen. Dies ist nach einer SARS-CoV-2 Impfung nicht so, auch wenn die Übertragung deutlich unwahrscheinlicher wird.

SR.de: Nun sind bald die Ferien zu Ende, die Schulen öffnen wieder. Ein Argument, das von den Befürwortern angeführt wird, ist: Wir brauchen die Impfung der Kinder für eine sichere Öffnung der Schulen, was sagen Sie dazu?

Prof. Dr. Arne Simon: Es ist nicht zulässig, das miteinander zu verknüpfen. Wir wissen definitiv, dass Schulen und andere Gemeinschaftseinrichtungen nie eine bedeutende Rolle für die Pandemie insgesamt gespielt haben. Die meisten Infektionen erwerben die Kinder im privaten Umfeld von erwachsenen Kontaktpersonen. Die Schulen wurden aus rein präventiven Gründen geschlossen. Dadurch ist den Kindern ein gravierender Schaden zugefügt worden. Damit wurde nach meiner Auffassung gegen ihre Grundrechte verstoßen.

Wir wissen aus den Daten, die uns vorliegen, dass bei konsequenter Einhaltung von Hygienemaßnahmen Übertragungen in der Schule selten sind. Es kommt nur selten zu Ausbrüchen mit mehr als fünf Sekundärinfektionen. All diese Informationen stammen aus einer Zeit, in der die Erwachsenen noch nicht geimpft waren. Nun kommt hinzu, dass die Lehrer alle geimpft sein können. Von den Kindern geht dann keine Gefahr mehr aus.

SR.de: Jetzt möchte ich noch auf das Thema Impfschäden kommen. In Ihrem Artikel kommen Sie zu dem Schluss, dass die selten auftretenden Impfschäden "für Erwachsene noch hinnehmbar" seien - für Kinder, die aber ein so geringes Risiko für Covid-19 haben aber nicht.

Prof. Dr. Arne Simon: Nehmen wir das Beispiel der Herzmuskelentzündung, die durch die Impfung ausgelöst werden kann. Wenn wir die vier Millionen Kinder- und Jugendlichen ab 12 Jahren in Deutschland betrachten, die geimpft werden könnten, dann können wir davon ausgehen, dass circa 140 Fälle einer Herzmuskelentzündung auftreten würden. Das ist eine sehr seltene Nebenwirkung, die mit der Impfung assoziiert ist.

Die zuständigen Behörden in den USA argumentieren, dieses Risiko sei akzeptabel, weil glücklicherweise nahezu alle diese Jugendlichen wieder ganz gesund werden. In den USA ist aber die Krankheitslast bei Jugendlichen deutlich höher, denn sie hängt von der ethnischen und sozialen Herkunft ab: Jugendliche aus schwarzen Communities, asiatischer oder hispanischer Abstammung haben ein höheres Risiko für einen komplizierten Verlauf.

In den USA sind absolut betrachtet viel mehr Kinder und Jugendliche schwer erkrankt und über 400 an Covid-19 gestorben. Das ist mit der Situation hier in Deutschland nicht vergleichbar.

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