Gesundheitskarten verschiedener Krankenkassen liegen auf einem Tisch.  (Foto: picture alliance / Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa)

Auch im Saarland Menschen ohne Krankenversicherung?

Lisa Huth   01.09.2019 | 09:12 Uhr

In Deutschland gibt es Hunderttausende von Menschen, die nicht krankenversichert sind. In vielen Städten gibt es ein so genanntes „Medinetz“. Dort versorgen Ärzte solche Patienten ehrenamtlich. Im Saarland gibt es das nicht.

Seit 2009 müssen alle Menschen in Deutschland versichert sein. Das ist aber dennoch oft nicht der Fall. Menschen ohne Krankenversicherung werden von den Behörden nicht erfasst. Darum gibt es nur Schätzungen. In Deutschland leben laut dem Mikrozensus von 2015 rund 80.000 Menschen, die sich nicht trauen, zum Arzt zu gehen, weil sie nicht versichert sind. Die Dunkelziffer ist weit höher. Für das Saarland gibt es derzeit keine verlässlichen Zahlen. Das teilten das Gesundheitsministerium, die kassenärztliche Vereinigung, das Landesamt für Zentrale Dienste und die GKV in Berlin mit.

„Medinetz“ in vielen Städten

In Hamburg wurde schon 1994 das erste so genannte „Medinetz“ eingerichtet. Es folgten weitere Städe wie Berlin, Bonn, Ulm und etwa Koblenz. Im Saarland gibt es das nicht. In der Regel kümmern sich dort Ärzte, Krankenpfleger, Hebammen oder Krankengymnasten ehrenamtlich um die Patienten. OPs werden über Spenden finanziert.

Der Freistaat Thüringen geht noch einen Schritt weiter: Der dortige Verein AKST (Anonymer Krankenschein Thüringen) erhält pro Jahr 250.000 Euro. Damit können die Haupt- und überwiegend ehrenamtlichen Ärzte und Helfer die Menschen beraten und behandeln.

Die Scham ist groß

Die meisten, sagte der Arzt und Koordinator beim AKST, Robert Klunker, kommen nicht mit Wehwehchen, sondern, wenn es absolut dringend ist. Beispielsweise ein Mann, der 20 Kilo verlor, weil er Krebs hatte. Irgendwann sei das Leid größer gewesen als die Scham, zugeben zu müssen, dass er nicht krankenversichert sei.

Unter den Patienten seien nicht nur Flüchtlinge oder etwa Osteuropäer, sondern auch viele Deutsche. Zum Beispiel Privatversicherte, die sich ihre Beiträge nicht mehr leisten können. Weil sie über 55 sind, können sie nicht mehr in die gesetzliche Krankenversicherung zurück. Häufig kämen auch Schwangere kurz vor der Niederkunft. Vorsorge sei dann keine mehr möglich.

Auch junge Leute betroffen

Betroffen seien aber auch junge Menschen. So sei etwa eine junge Frau zwischen Schulabschluss und Ausbildungsbeginn nicht mehr über die Familie versichert gewesen. Zunächst sei sie in der gesetzlichen Versicherung aufgenommen worden, habe dann aber die Beiträge nicht zahlen können. Beitragsschuldner müssen zudem mit zum Teil hohen Säumniszuschlägen rechnen.

Die Krankenversicherungen selbst stünden unter Wettbewerbs- und Konkurrenzdruck, so Klunker. Sie hätten wenig Interesse, Menschen, die einmal aus dem System geflogen seien, wieder aufzunehmen. Zumal das eben Patienten seien, die wegen des langen Hinauszögerns meist besonders schwer erkrankt seien.

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