Eine Infobroschüre zum thema Schwangerschaftsabbruch (Foto: picture alliance/dpa | Jens Büttner)

Wie ist die Versorgungslage bei Abtreibungen im Saarland?

  15.07.2022 | 09:12 Uhr

Bei wie vielen Ärzten im Saarland können Frauen eine Schwangerschaft abbrechen? Laut den Grünen Saar sind Abtreibungen bald nur noch in einer Praxis möglich. Sie sehen die Versorgungslage hierzulande gefährdet. Das Medizinische Zentrum Pro Familia ist anderer Ansicht.

Die Stigmatisierung um das Thema Schwangerschaftsabbrüche ist groß. Am 24. Juni hat der Bundestag schließlich beschlossen, das umstrittene "Werbeverbot" nach Paragraf 219a aufzuheben. So soll es einfacher werden, über die Durchführung zu informieren.

Als eine "längst überfällige Gesetzesänderung", hatten die Saar-Grünen diesen Schritt kurz darauf bezeichnet. Gleichzeitg warnen sie vor einer nicht ausreichenden Versorgungslage. Offenbar könnte im Saarland bald nur noch eine Ärztin übrigbleiben, die diese Behandlung durchführe. Somit müssten die betroffenen Frauen Wege von teilweise über 100 Kilometer nach Koblenz, Kaiserslautern oder Mainz für den Eingriff auf sich nehmen.

Mehr Praxen als auf der offiziellen Liste

Das Medizinische Zentrum Pro Familia beurteilt die Situation aktuell anders. In einer offiziellen Liste der Bundesärztekammer seien derzeit zwei Praxen saarlandweit vermerkt, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen. Den Beratungsstellen seien außerdem noch mehr Praxen bekannt. Insgesamt zehn könnten sie im Saarland nennen, teilte Pro Familia-Geschäftsführerin Brigitte Schwarz mit.

Das Problem: Viele Ärztinnen und Ärzte hätten sich aber bislang nicht in die offizielle Liste eintragen lassen. Grund dafür sei der bislang geltende Paragraf 219a. Durch das darin verankerte "Werbeverbot" war das Informieren über Schwangerschaftsabbrüche unter bestimmten Umständen strafbar.

Diese Situation könnte sich mit der Aufhebung des Paragrafen nun ändern, das Informieren werde erleichtert. Außerdem könnte künftig klarer werden, welche Art von Abbrüchen und bis zu welchen Fristen die einzelnen Praxen diese durchführen. Noch sei dies häufig eine persönlich-moralische Entscheidung der einzelnen Ärztinnen und Ärzte, sagt Schwarz.

Versorgungslage im Saarland

Die Versorgungslage im Saarland bezeichnete Schwarz als "sehr gut" - vor allem im Vergleich zu Rheinland-Pfalz. 1325 Schwangerschaftsabbrüche seien im vergangenen Jahr hierzulande durchgeführt worden. Während darunter 624 Frauen aus Rheinland-Pfalz waren, seien nach Schwarz' Kenntnis nur 14 Frauen aus dem Saarland für die Behandlung in ein anderes Bundesland gereist.

Fehlende Nachfolgen

Zum Problem könnte allerdings die Nachfolge von Ärztinnen und Ärzten werden, die Schwangerschaftsabbrüche anbieten. Laut Schwarz seien die durchführenden Medizinerinnen und Mediziner im Saarland 60 Jahre oder älter. Damit könne sich die Versorgungslage in den kommenden Jahren verschlechtern.

Lücken in der Ausbildung

Um dem entgegenzusteuern, müsste zunächst die Ausbildung reformiert werden. Zwar sind Schwangerschaftsabbrüche Teil der medizinischen Ausbildung. Der Fokus liege allerdings laut Schwarz eher auf medizinisch notwendigen Eingriffen als auf freiwilligen. Außerdem würde nur die Technik der Ausschabung vermittelt, nicht die der Absaugung.

Ihrer Meinung nach stecken noch immer ideologische Gründe dahinter. Die Geschäftsführerin von Pro Familia vermutet, dass der freiwillige Abbruch unter Medizinerinnen und Medizinern noch immer als Tabu gehandelt wird.

Schwangerschaftsabbrüche noch Tabu-Thema

Der Vorsitzende des Landesverbands der Frauenärzte Jochen Frenzel sieht zwar kein Problem in der Ausbildung - eindeutig jedoch in der Stigmatisierung. Die öffentliche Wahrnehmung als Tabu-Thema führe vermehrt zu Kritik und Anfeindungen gegenüber Praxen, die Schwangerschaftsabbrüche anbieten.

"Wir sehen das zwar noch nicht in unserem kleinen Bundesland, aber wir sehen das auf Bundesebene", sagt er. "Hier bedarf es einer eindeutigen politischen Stellungnahme, dass ein solches Vorgehen einfach inakzeptabel ist, wenn sich Kolleginnen und Kollegen für die Frauen zur Durchführung eines Schwangerschaftsabbruchs entscheiden."

Der Berufsverband fordert eine Entstigmatisierung und mehr gesellschaftliche Akzeptanz. Öffentlich über die Möglichkeit eines Schwangerschaftsabbruchs zu informieren, müsse auch in dieser Hinsicht einfacher und sicherer werden.

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