Illustation Schlaganfall (Foto: Pixabay/VSRao)

Schlaganfälle hinterlassen auch unsichtbare Folgen

Leonie Rottmann   10.05.2019 | 10:00 Uhr

Aufmerksamkeitsstörungen, Konzentrationsdefizite oder Gedächtnislücken sind Symptome, die man nicht sofort mit einem Schlaganfall verbindet. Sie können unsichtbare Folgen sein. Rund 80 Prozent der Schlaganfallpatienten müssen nach Angaben der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe mit solchen Symptomen leben.

Der Schlaganfall ist die häufigste Ursache für Behinderungen im Erwachsenenalter. Aber er bringt nicht nur sichtbare Folgen mit sich: „Betroffene erscheinen nach einem Schlaganfall äußerlich manchmal scheinbar gesund, sind aber völlig überfordert mit ihrem Alltag“, sagt Mario Leisle von der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe. Deshalb setzt die Stiftung den diesjährigen „Tag gegen den Schlaganfall“ am 10. Mai unter das Motto „Ich spüre was, was du nicht siehst“.

Ein Schlaganfall ist ein Notfall

Jeder fünfte Schlaganfallpatient verstirbt in den ersten vier Wochen nach dem Hirninfarkt. Rund 40 Prozent sterben innerhalb des ersten Jahres. Damit ist der Schlaganfall die dritthäufigste Todesursache. Auch nach einem Jahr bleiben rund 64 Prozent der Überlebenden auf Pflege oder Therapie angewiesen.

Unsichtbare Folgen gebe es viele: Von Sprach-, Aufmerksamkeits- oder Planungsstörungen über Gedächtnislücken bis hin zu emotionalen Veränderungen sei nichts ausgeschlossen. „Menschen, die einen Schlaganfall erlitten haben, geht es nicht nur körperlich schlecht“, erklärt Leisle weiter. „Die psychische Komponente darf man nicht unterschätzen, schließlich müssen sie vieles neu lernen und teilweise das ganze Leben umstrukturieren.“

Video [aktueller bericht, 10.05.2019, Länge: 3:34 Min.]
Bei einem Schlaganfall zählt jede Sekunde

Neuropsychologie erst noch im Aufbau

Überforderung und Verzweiflung sind schnell die Folge. Genau deshalb rät Mario Leisle ihnen, sich unbedingt professionelle Unterstützung zu holen. Neuropsychologen seien eine gute Anlaufstelle. Sie beschäftigen sich in der Therapie mit dem Zusammenhang des Nervensystems und psychischer Prozesse. Allerdings weise die ambulante therapeutische Versorgung große Lücken auf. Patienten müssten teilweise monatelang auf einen Termin warten. Laut Gesellschaft für Neuropsychologie gibt es in Deutschland Bedarf für mindestens 1000 ambulante Neuropsychologen. Aktuell gebe es rund 200.

Für die schlechte ambulante Versorgungssituation könnte es verschiedene Gründe geben: Der Bereich der Neuropsychologie sei noch recht jung, es gebe bisher viel zu wenige Neuropsychologen, weil der Werdegang sehr lang sei, und es gebe erst seit einigen Jahren die Möglichkeit, dass die Krankenkassen die Kosten übernehmen. „Die Zahl der Neuropsychologen wird sich aber sehr wahrscheinlich in den kommenden Jahren steigern, wenn sich dieses Feld besser etabliert hat.“ In einigen Regionen Deutschlands sei das bereits der Fall, in anderen sei das Zulassungsverfahren sehr langwierig.

Neuropsychologen seien auch dafür da, die unsichtbaren Symptome für die Betroffenen sichtbar und verständlich zu machen. „Besonders in den ersten eineinhalb bis drei Jahren sind Schlaganfallpatienten sehr wenig belastbar. Sowohl junge, als auch alte Menschen ermüden schnell und diese Symptome verschwinden auch nicht von allein“, erklärt Dr. Caroline Kuhn, Leiterin der Neuropsychologischen Lehr- und Forschungsambulanz der Universität des Saarlandes. Auch deswegen sollten Angehörige und Kollegen die Betroffenen vor allem in der ersten Zeit nach dem Schlaganfall so gut es geht unterstützen.

Ergotherapie als Alternative

Ergotherapeuten könnten eine Alternative für Betroffene sein, die zeitnah keinen Termin bei einem Neuropsychologen bekommen. „Dabei sollte man bei der Auswahl der Praxis darauf achten, dass die Therapeuten auf neurologische Erkrankungen spezialisiert sind“, sagt die Neuropsychologin. „Ergotherapeuten unterstützen die Neuropsychologie vor allem durch praktische Übungen.“

Über dieses Thema wurde auch im aktuellen bericht im SR Fernsehen vom 10.05.2019 berichtet.

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