Tony Soprano, Mafiaboss und Familienvater (Foto: imago/Zuma Press)

Der Pate des modernen Fernsehens

Elisa Teichmann   10.01.2019 | 18:41 Uhr

Vor zwanzig Jahren lief die erste Folge der "Sopranos". Die Geschichte um einen Mafiaboss und Familienvater in Therapie revolutionierte das Fernsehen. Vielen gilt sie immer noch als beste Serie aller Zeiten.

Tony Soprano fährt auf den New Jersey Turnpike, vorbei an der Skyline von Manhattan, die Zigarre lässig im Mund: Acht Jahre lang lockte dieses Intro Millionen von Fans Woche für Woche vor die Fernsehbildschirme. Nun werden The Sopranos 20 Jahre alt: Am 10. Januar 1999 lief die erste Folge der Serie im amerikanischen Sender HBO. In den ersten drei Jahren sah man an Tonys Fenster noch die Twin Towers des World Trade Center vorbeiziehen, später waren sie verschwunden. Und während der Angriff auf Amerika eine neue Epoche der Weltpolitik einleitete, läuteten die Sopranos eine Fernsehrevolution ein: Danach war vieles anders.

Eine neue Art von Held

Mit dem Mafiaboss und Familienvater Tony Soprano, der hin- und hergerissen zwischen altem Rollenbild und neuen Zeiten sein Heil unter anderem in einer Psychotherapie sucht, kam eine neue Art Held auf den Bildschirm: weder eindeutig gut, noch eindeutig schlecht. Ihm sollten viele ähnlich komplex angelegte Serienfiguren folgen. „Die Serie war Wegbereiter für eine Reihe anderer Serien, die großen Wert darauf legten, ihre Storyline um einen Anti-Hero aufzubauen“, erklärt die Englisch-Professorin Astrid Fellner von der Universität des Saarlandes. Sie bietet bereits im sechsten Semester die öffentliche Veranstaltung „Erfolg in Serie“ an, in der sie interessante Serien aus Amerika vorstellt.

Revolutionär an den Sopranos war auch ihre Dramaturgie. War die Erzählstruktur von Fernsehserien bis in die 1990er Jahre vorrangig episodisch angelegt, mit einer klaren Auflösung am Ende jeder Folge, zog sich eine Storyline bei den Sopranos oft über mehrere Folgen, manchmal gar über mehrere Staffeln hin. Das hatte auch Konsequenzen für das Sehverhalten. Obwohl die Sopranos vom amerikanischen Sender HBO noch traditionell im Wochenrhythmus ausgestrahlt wurden, feierten sie besonders auf DVD Erfolge: Hier konnten die Zuschauer mehrere Folgen hintereinander schauen, ohne den Faden zu verlieren. Moderne Serien funktionieren hauptsächlich nach diesem „binge-watching“-Prinzip: Inzwischen werden auf Streaming-Diensten ganze Staffeln zur Verfügung gestellt. Manche Zuschauer entwickeln eine regelrechte Sucht nach Serien wie Game of Thrones, The Walking Dead oder Stranger Things und werden von ihnen tagelang in den Bann gezogen.

Deutschland holt auf

Es hat etwas gedauert, aber allmählich kommt diese Entwicklung auch auf dem deutschen Serienmarkt an - was auch durchaus internationale Beachtung findet. Die deutsche Netflix-Serie Dark etwa wurde in mehrere Sprachen übersetzt und hat auch international viele Fans. Besonders die ARD/Sky-Koproduktion Babylon Berlin ist ein internationaler Erfolg. „Diese aufwendig gestaltete TV-Serie kann bildästhetisch absolut mit den amerikanischen TV-Serien mithalten“, sagt Astrid Fellner. „Die ‚Coolness’ neuer Quality-TV-Serien ist vor allem auch durch ihr hohes ästhetisches Potential bedingt und dieses ist auch bei Babylon Berlin gegeben“.