Bildmontage: Logo "Die Tafeln"/Ältere Menschen stehen an der Ausgabe für Lebensmittel an. (Foto: picture alliance/dpa/Peter Pleul/Boris Roessler)

"Die Schere klafft immer weiter auseinander"

Kai Forst   03.11.2018 | 08:30 Uhr

Mit wenigen Helfern und einem Tag in der Woche startete die Saarbrücker Tafel vor 20 Jahren ihre Mission. Heute versorgen 120 ehrenamtliche Helfer an sechs von sieben Tagen hilfsbedürftige Menschen mit Lebensmitteln. Und die Nachfrage, da ist sich der Vorsitzende Uwe Bußmann sicher, wird auch künftig nicht abebben. Denn die Schere zwischen Arm und Reich klaffe immer weiter auseinander.

Als Uwe Bußmann 1998 die Tafel in Saarbrücken mit aufbaute, war er sich nicht sicher, ob es etwas in dieser Art überhaupt langfristig brauchte. „Ich dachte, wenn der Pachtvertrag ausgelaufen ist, dann war's das.“ Doch 20 Jahre später sind die Tafeln wichtiger denn je. Ältere Menschen, Alleinerziehende und ihre Kinder sind zahlreichen Studien zufolge so armutsgefährdet wie nie - und sie sind auf Hilfe angewiesen. „Wir haben diese wahnsinnig ungleiche Verteilung des Vermögens. Die Schere zwischen Reich und Arm klafft immer weiter auseinander, d.h. die Reichen werden immer reicher und die Armen immer ärmer“, sagt Bußmann.

"Manchmal schon unverschämt"

Damals habe man mit einem Tag in der Woche angefangen. Heute versorgt die Tafel Hilfsbedürftige an sechs von sieben Tagen und rund 4500 Menschen pro Woche. „Mehr geht nicht. Wenn der Bedarf weiter steigt, müssen wir uns irgendwann anders organisieren, sozusagen mit einer Zweigstelle.“ Dabei beobachtet Bußmann in den letzten Jahren verstärkt, dass auch immer mehr jüngere Menschen kommen. „Das ist deutlich mehr geworden, dass etwa junge Alleinerziehende mit ihren Kindern kommen.“

Doch nicht immer verläuft das problemlos. Denn die Einstellung, mit der die Jüngeren zur Tafel kommen, sei eine andere, als etwa bei den Rentnern. „Viele der Jüngeren denken, dass sie einen Anspruch auf die Tafel haben und dass ihnen das zusteht. Damit gehen dann gewisse Forderungen einher. Da wird es dann schon manchmal unverschämt.“ Dabei sei vielen Menschen gar nicht bewusst, dass die Tafel auf ehrenamtlicher Arbeit beruhe und dass Forderungen und Anspruchshaltungen fehl am Platz seien.

"Ältere fühlen sich häufig unwohl"

Vor besonders große Herausforderungen wurden die Organisatoren der Saarbrücker Tafel 2015 gestellt. Die Flüchtlingskrise führte zu einem explosionsartigen Ansturm, mit dem die Helfer nur sehr schwer fertig wurden. Inzwischen hat sich die Situation zwar wieder entschärft, aber Menschen mit Migrationshintergrund prägen auch heute noch das Bild der Tafel. Und das führt nicht selten zu Irritationen und Konflikten – vor allem bei den älteren Menschen, die seit vielen Jahren die Dienste der Tafel in Anspruch nehmen. „Wenn Menschen, die arabisch sprechen, sich bei der Tafel treffen, dann reden sie natürlich auch in ihrer Muttersprache miteinander. Und sie sprechen vielleicht etwas lauter, als man es hier gewohnt ist. Und dann fühlen sich Teile der Älteren offenbar unwohl und kommen nicht mehr“, erzählt Bußmann.

Zweisprachiges Kochbuch aufgelegt

Die Tafel versucht indes, die Menschen, die aus ihrer Heimat flüchten mussten, zu integrieren. Das sei nicht immer eine leichte Aufgabe, aber man müsse es versuchen. Das zeigt sich beispielsweise daran, dass zum 20-jährigen Bestehen ein Kochbuch aufgelegt wurde. Das Besondere daran: Die Rezepte erscheinen auf deutsch und arabisch und bieten etwa Menschen aus Syrien eine wertvolle Hilfestellung. Denn, so Boßmann, das stelle viele Flüchtlinge häufig vor Probleme. „Syrerinnen und Syrer kennen unser heimisches Gemüse häufig gar nicht. Die nehmen dann oftmals nur Tomaten und Nudeln mit. Kohl kennen sie gar nicht und wissen nicht, wie man es zubereitet.“ Daher befinden sich im Buch ausschließlich Rezepte mit heimischem Gemüse.

Damit der ganze Ablauf reibungslos funktionieren kann, ist die Tafel auf eine Vielzahl von Helfern angewiesen. 120 Ehrenämtler engagieren sich derzeit in Burbach. „Wir suchen immer helfende Hände und sind froh, wenn Menschen mithelfen wollen. Aber es muss auch passen, denn ehrenamtliche Arbeit im sozialen Bereich ist nicht jedermanns Sache“, sagt Bußmann.


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Ein Blick hinter die Kulissen der Saarbrücker Tafel
Audio [SR 3, Florian Mayer, 03.11.2018, Länge: 02:36 Min.]
Ein Blick hinter die Kulissen der Saarbrücker Tafel


Über dieses Thema hat auch die Sendung SR 3 Guten Morgen am 3.11.2018 berichtet.

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