Hinweis auf das Europäische Parlament auf einem mehrsprachigen Schild. (Foto: dpa/picture alliance/Imagebroker/Martin Moxter)

Mit künstlicher Intelligenz durch den EU-Sprachendschungel

Anika Lenthe   06.10.2020 | 14:48 Uhr

In Vielfalt geeint ist das Motto der EU. Vielfalt heißt aber auch Herausforderung – vor allem wenn es um die Sprachen geht. 24 hat die deutsche Ratspräsidentschaft seit dem 1. Juli zu managen und dafür einen kostenlosen Online-Übersetzungsdienst entwickeln lassen: presidencymt.eu.

Der deutsche EU Council Presidency Translator soll jedem einzelnen EU-Bürger, aber besonders  einem Fachpublikum wie Konferenzteilnehmern oder Beschäftigten des öffentlichen Sektors helfen, große Mengen an mehrsprachigen Informationen zu bewältigen. Finanziert vom Auswärtigen Amt hat das Deutsche Forschungszentrum für künstliche Intelligenz (DFKI) in Saarbrücken die Federführung bei der Entwicklung des Translators. Dabei arbeitet das DFKI mit den Unternehmen Tilde aus Lettland und DeepL aus Köln zusammen.

Übersetzungen in die 24 EU-Amtssprachen

Beide Unternehmen haben große Erfahrung auf dem Gebiet. Tilde stellt dabei die Infrastruktur und hat das auch schon für frühere Ratspräsidentschaften getan - DeepL ist einer der weltweit führenden Online Übersetzungsdienste. Und dann sind da noch die E-Translation Systeme der EU. Alles zusammen ermöglicht Übersetzungen in alle 24 Amtssprachen der EU.

Die große Erfahrung und der dadurch mögliche Wissenstransfer aller Beteiligten war bitter nötig: Im März bekam man den Auftrag und zum 1. Juli musste der Translator fertig sein. Gerade auch in Zeiten von Corona war das eine Herausforderung. Nicht nur die Zeit war knapp, es gab auf einmal auch ein völlig neues Vokabular.

Neuronale erlernen Kombinationen und Zusammenhänge

Prof. Dr. Josef van Genabith (Foto: DFKI)
Prof. Dr. Josef van Genabith

Gemeinsam haben die Forscher ein neuronales Übersetzungssystem entwickelt. Was nach menschlichem Gehirn klingt, funktioniert auch ganz ähnlich. Künstliche neuronale Netze erlernen und erkennen nicht nur einzelne Worte sondern ganze Kombinationen und Zusammenhänge. Projektleiter Prof. Josef van Genabith erklärt die Funktion so:

„Es ist dem sehr ähnlich was unser Gehirn macht, die Idee ist, das wir in unserem Gehirn ein paar Millionen Neuronen haben und das wir durch die Vernetzung und Interaktion der Neuronen lernen. Also wenn wir etwas vergessen zum Beispiel neue Vernetzungen stattfinden oder durch neue Lernerfolge neujustiert werden oder verfestigt werden.“

14 Millionen Wörter übersetzt

Dafür brauchte es im Vorfeld Massen an Daten, mit denen das System gefüttert werden musste. Diese Daten kamen in Form von Texten von den Ministerien. Je mehr Daten - umso besser wird der Translator. Es ist ein andauernder Prozess. Dieser Prozess macht das System schneller: Allein im ersten Monat hat der Translator 14 Millionen Wörter übersetzt. Ein Mensch hätte dafür 27 Jahre gebraucht.

Der Mensch wird durch das System aber nicht überflüssig. Die Forscher sind dringend auch auf das Feedback menschlicher Übersetzer angewiesen. Denn auch der Translator ist nicht frei von Fehlern. So übersetzt er den Satz "J’ai mangé un avcoat" (Ich habe eine Avocado gegessen) unter Umständen mit: Ich aß einen Anwalt. Auch der österreichische Kanzler Kurz kann zu Problemen führen. Gerade wenn der Name am Satzanfang steht.

Multinationales Team

Ein Vorteil des EU Council Translators: Die Sicherheit ist gewährleistet. Nichts wird gespeichert, alle Daten werden gelöscht. Alles passiert auf europäischen Servern. Überhaupt ist das Projekt ein sehr europäisches, wenn nicht gar internationales – die beteiligten Unternehmen kommen alle aus Europa. Und auch die Forscher sind ein gemischtes Team mit Experten unter anderem aus China, Spanien, Russland, Bulgarien und dem saarländischen Dudweiler.

Mit dem Ende der deutschen Ratspräsidentschaft läuft die Förderung für den Translator aus. Dann soll das Projekt ausgewertet werden. Die Forscher hoffen auf Interesse bei Ministerien und Behörden.

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