Blick in den Gerichtssaal im Mordprozess um Samuel Yeboah (Foto: picture alliance/dpa | Thomas Frey)

Sonderermittler sagen in Yeboah-Prozess aus

Thomas Gerber / Onlinefassung: Thomas Braun   23.01.2023 | 19:03 Uhr

Bei den neuen Ermittlungen zum Fall Yeboah sind zahlreiche Unzulänglichkeiten in der Polizeiarbeit aus den Jahren 1991/92 aufgetaucht. Dies ergab die Beweisaufnahme vor dem Oberlandesgericht Koblenz. Dabei wurden am Montag Beamte der Sonderkommission vernommen, deren Arbeit letztlich zur Mordanklage gegen den Saarlouiser Neonazi Peter S. geführt hatte.

Nach dem Brandanschlag 1991 auf das Asylbewerberheim in Saarlouis war nicht einmal zwei Wochen in der rechten Saarlouiser Skinheadszene ermittelt worden. Die Kripobeamten damals waren der sogenannten Spur 23 also nur kurz nachgegangen.

Als er diese Spurenakte gesehen habe, so die Zeugenaussage eines Staatsschützers der vor zwei Jahren eingesetzten Sonderkommission "SoKo Welle", sei ihm sofort klar gewesen, dass da was schief gelaufen ist.

Ermittler stößt auf viele Erinnerungslücken

Als er die Kollegen von damals auf ihre Arbeit angesprochen habe, sei er auf Erinnerungslücken gestoßen. Über die Skinheadszene selbst seien die Kollegen allenfalls rudimentär informiert gewesen. Auch in den Akten hatte es offenbar so gut wie nichts darüber gegeben. Die SoKo Welle habe das alles mehr als 30 Jahre nach dem verheerenden Brand in der Saarlouiser Asylbewerberunterkunft zusammentragen müssen.

Die Frage, ob die Ermittler damals auf dem rechten Auge blind gewesen seien, wollte der Staatsschützer nicht beantworten. Dies sei Angelegenheit der dafür eigens vom Landespolizeipräsidium (LPP) eingesetzten Arbeitsgruppe - der AG Causa. Diese "Interne" soll Defizite bei der damaligen Polizeiarbeit untersuchen.

Widersprüchliche Zeugenaussagen und falsche Infos

Aber nicht nur bei der Spur ins rechte Skinheadmilieu wurde damals offenbar mehr als oberflächlich gearbeitet. Auch bei der Vernehmung von Überlebenden und Augenzeugen des Brands lag wohl einiges im Argen.

Die Akte sei dünn, so die Aussage des SoKo-Beamten. Viele Zeugen hätten ganz andere Aussagen gemacht als damals. So tauche die Aussage eines Überlebenden, der zwei Gestalten an seinem Fenster vorbeihuschen gesehen haben will, in den Akten erst gar nicht auf.

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Der Fall Yeboah – Rassismus vor Gericht

Zudem hätten die Kollegen einen Bewohner als Opfer des Anschlags geführt, obwohl schon damals klar gewesen sei, dass der Mann zur Tatzeit nicht in dem Gebäude war. Er hatte in einer Diskothek gearbeitet.

Als er die Kollegen auf diese Widersprüche angesprochen habe, hätten sie ebenfalls erklärt, sich nicht mehr erinnern zu können. Der Staatsschützer verwies erneut auf die AG-Causa. Er selbst habe eine andere Aufgabe - als Mitglied der SoKo Welle habe er die Aufgabe, das Verbrechen aufzuklären.

Erlebtes vermutlich mit später Gehörtem vermischt

Dabei stößt allerdings auch die SoKo Welle an ihre Grenzen. Ein zweiter Beamter berichtete von seiner Vernehmung einer zur Tatzeit 15 Jahre alten Augenzeugin. Wenige Tage nach dem Brand hatte der Teenager laut Polizeiprotokoll erklärt, ein Schwarzer habe in der Tatnacht die brennende Asylbewerberunterkunft verlassen und sei mit einem Auto weggefahren.

Als Zeugin vor Gericht hatte die heute 47-Jährige zuletzt angegeben, dass sie von ihrem Schlafzimmerfenster aus zwei Männer beobachtet habe, die in einen Wagen gesprungen und davongefahren seien.

In ihrer Vernehmung, so der SoKo-Beamte, habe sich die Zeugin immer wieder in Widersprüche verstrickt, habe tatsächlich Erlebtes vermutlich mit später Gehörtem vermischt. Das alles, so der Beamte, sei ihm zu "wackelig" erschienen. Für die aktuellen Ermittlungen habe es keinen neuen Ansatz gebracht.

"Eines Tages bringen die mich um"

Auch bei der Vernehmung der aktuellen Ermittler wurde am Montag vor dem OLG Koblenz deutlich, dass die Wahrheitsfindung gut 30 Jahre danach schwierig wird. Deutlich wurde allerdings auch: Die Kollegen von damals hatten mindestens geschlampt.

Der Prozess wird am Dienstag fortgesetzt. Dann soll unter anderem der beste Freund von Samuel Yeboah gehört werden. Ihm soll er seine Angst vor einem rassistischen Übergriff geschildert haben. Mit Hinweis auf die Saarlouiser Skinheadszene soll Samuel Yeboah wenige Tage vor dem Anschlag gesagt haben: Eines Tages bringen die mich um.

Über dieses Thema berichten die SR-Hörfunknachrichten am 23.01.2023


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