Ministerpräsidentin Anke Rehlinger im Portrait (Foto: picture alliance/dpa, Boris Roessler)

Rehlinger übernimmt die Führung im Saarland

Christian Leistenschneider / Sandra Schick   25.04.2022 | 08:58 Uhr

Nach einem vergeblichen Versuch und acht Jahren an zweiter Stelle katapultiert der Triumph bei der Landtagswahl Anke Rehlinger an die Spitze der Landesregierung. Auf der ersten sozialdemokratischen Ministerpräsidentin des Saarlandes lasten hohe Erwartungen.

Sie muss liefern: Das ist seit der Landtagswahl von vielen Seiten zu hören, wenn von Anke Rehlinger die Rede ist. Schließlich kann ihre SPD im neuen Landtag mit absoluter Mehrheit und damit ohne Koalitionspartner regieren. In einer Zeit großer Herausforderungen bedeutet das aber auch: Es lässt sich nicht auf den Regierungspartner schieben, wenn etwas misslingt oder nicht vorankommt.

Ob das dazu geführt hat, dass Rehlinger am Wahlabend Sondierungsgespräche ankündigte, obwohl ihre Partei in den Prognosen und Hochrechnungen bereits auf die nötige Sitzzahl für eine Alleinregierung kam? Eher war ihr wohl nicht ganz geheuer, dass es mit einem Sitz über dem Strich so knapp war, bevor Grüne und FDP doch noch aus dem Parlament flogen.

Amtsübergabe in der Staatskanzlei
Audio [SR 3, Thomas Gerber, 25.04.2022, Länge: 03:06 Min.]
Amtsübergabe in der Staatskanzlei

Das amtliche Endergebnis brachte dann eine komfortable Mehrheit von sieben Sitzen. Damit könnte auch der eine oder andere Abweichler ausgeglichen werden, wenn es zu schwierigen Entscheidungen im Landtag kommt. Denn Rehlinger übernimmt die Führung im Saarland in Zeiten des Strukturwandels, mit großen Krisen und entscheidenden Weichenstellungen.

Autorität durch Amtsführung und Wahlergebnis

Dabei hat Rehlinger gezeigt, dass sie die Reihen zusammenhalten kann. Vor der offiziellen Präsentation ihres Regierungsteams, für das doch so viele Posten bei den Sozialdemokaten zu vergeben waren, drang nichts an die Öffentlichkeit. Das deutet auf eine große Autorität der Chefin der Saar-SPD hin, die durch das Wahlergebnis noch gewachsen sein dürfte.

Denn das war auch Rehlingers persönlicher Triumph. Das zeigen die Werte, die sie im Vergleich zu ihrem CDU-Konkurrenten Tobias Hans erreichte. Ganze 24 Prozentpunkte mehr hatte sie bei einer Umfrage von infratest dimap im Direktwahlvergleich (53 zu 29 Prozent).

Durch ihre Arbeit als Wirtschaftsministerin hatte sich Rehlinger offenbar den Amtsbonus verdient, den der abgewählte Ministerpräsidenten missen musste: 68 Prozent waren mit ihrer Arbeit zufrieden oder sehr zufrieden, bei Hans waren es nur 45 Prozent. Die Wähler billigen Rehlinger dabei eine große Volksnähe zu: 66 Prozent der Befragten gaben an, die SPD-Politikerin verstünde, was die Menschen im Saarland bewegt.

Zweiter Eintrag in die Geschichtsbücher

Mit diesem Vertrauen im Rücken kann Rehlinger in die Geschichtsbücher eingehen als erste sozialdemokratische Ministerpräsidentin des Saarlandes. In den Geschichtsbüchern des saarländischen Sports steht sie schon drin: Am 18. August 1996 wuchtete sie 20-jährig, damals noch als Anke Moos, ihre Kugel auf 16,03 Meter: Landesrekord im Kugelstoßen. Sie war die erste Saarländerin in dieser Disziplin, die die 16-Meter-Marke knackte. Der Rekord hat immer noch Bestand.

Die gebürtige Nunkircherin trat 1998 in die SPD ein. Ein Jahr später heiratete sie und trägt seitdem den Namen Rehlinger. 2004 zog sie erstmals in den Landtag ein. Acht Jahre lang klopfte sie von der Oppositionsbank aus der CDU auf die Finger.

In der Großen Koalition 2012 bekam Rehlinger erstmals Regierungsverantwortung übertragen. Die Juristin war erst Justizministerin, später erbte sie von Heiko Maas das Mega-Ressort für Wirtschaft, Arbeit, Energie und Verkehr.

Acht Jahre lang war Rehlinger Vize-Regierungschefin, zuerst neben Annegret Kramp-Karrenbauer und dann neben Tobias Hans. Seit Ende 2019 ist sie zudem stellvertretende Bundesvorsitzende ihrer Partei.

Arbeitsplätze als "Chefinnen-Sache"

Als neue Ministerpräsidentin wolle sie die Sicherung und Schaffung von Arbeitsplätzen zur "Chefinnen-Sache" machen, sagt Rehlinger. Sie selbst wisse genau, wie es sich anfühle, wenn der Vater von Arbeitslosigkeit bedroht ist: "Als Kind kam ich aus der Ferienfreizeit nach Hause und wurde mit der Nachricht überrascht: Die Firma deines Vaters ist in der Insolvenz und es kann sein, dass er seinen Job verliert", erzählt Rehlinger.

Am Ende habe der Vater zwar die Arbeit behalten, "aber drohende Arbeitslosigkeit - das ist eine Situation, in die ich mich sehr gut reinversetzen kann." Die Erfahrung habe dazu beigetragen, dass sie in die Politik ging. "Ein Motiv war: Ich will verhindern, dass Menschen in eine solche Lage kommen."

Sport ist harte Arbeit

Zum Sporttraining schafft es Rehlinger aus Zeitgründen inzwischen nur noch selten. 2021 habe sie aber bei einer "virtuellen Weltmeisterschaft" in der Altersklasse der Senioren ab 30 Jahren teilgenommen. Da sei sie beim Diskuswerfen und beim Kugelstoßen jeweils Vize geworden. Sie sei froh, "wenn ich heute noch über 30 Meter Diskus werfe und über zehn Meter Kugel stoße."

Beim Sport lerne man: "Von nichts kommt nichts. Man muss für Erfolge, auch wenn sie noch so glamourös sind, wirklich viel und hart gearbeitet haben."


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Die Landtagswahl 2022 im Saarland
Ergebnisse, Analysen, Folgen - im Dossier zur Landtagswahl 2022 stellen wir alles zusammen, was saarländische Wählerinnen und Wähler wissen müssen.

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