SR-Redakteur Janek Böffel  (Foto: SR/Pasquale D'Angiolillo)

"Der Ton wird rauer werden"

Ein Kommentar von Janek Böffel   27.09.2021 | 00:40 Uhr

Die SPD holt bei der Bundestagswahl das gesamte Saarland. Der Ton in der Großen Koalition wird vor der Landtagswahl im Saarland rauer werden, sagt SR-Landespolitikredakteur Janek Böffel in seinem Kommentar.

Natürlich, der Blick geht im Moment nach Berlin mit diesem Ergebnis, das am Ende noch so vieles unklar lässt, wie es mit diesem Land weitergeht. Doch dabei droht aus saarländischer Sicht das ein wenig ins Abseits zu geraten, was für das politische Geschehen hierzulande noch lange nachwirken wird, mindestens aber bis zur Landtagswahl im kommenden März.

Die saarländische SPD hat diese Wahl gewonnen. Nicht mit ein bisschen Vorsprung, sondern mit einem Erdrutsch. Und es wird am Ende ein Erdrutsch sein, der die politische Tektonik bis zur Landtagswahl im kommenden März spürbar verändern wird.

Seit 1999 wird das Saarland CDU-regiert; Zweifel, dass sich das irgendwann mal ändern könnte, waren lange allenfalls Ausdruck zu großer politischer Fantasie. Doch nun passiert es.

SPD gewinnt selbst tiefschwarze Kreise

Die SPD gewinnt alle Wahlkreise im Land und das deutlich. Selbst im tiefschwarzen St. Wendel, wo die CDU der Legende nach auch einen Pappaufsteller als Kandidaten hätte präsentieren können und trotzdem gewonnen hätte.

Doch nicht Nadine Schön, immerhin stellvertretende Fraktionschefin im Bundestag und Geheimtipp, wenn es um künftige Ministerweihen in Berlin ging, hat den Wahlkreis gewonnen, sondern Christian Petry, der bei der vergangenen Wahl nur hauchdünn in den Bundestag eingezogen war.

Und am Ende ist der Blick auf die Zweitstimmen für die CDU, die mit zwei Bundesministern in den Wahlkampf gegangen ist, landespolitisch noch verheerender. 37,3 Prozent für die SPD und 23,6 Prozent für die CDU, die fast neun Prozentpunkte nach unten rauscht. Das politische Kräfteverhältnis im Lande ist für den Moment auf den Kopf gestellt.

Natürlich, all das ist getrieben vom Bundesergebnis. Die SPD ist im Saarland traditionell stärker als im Bund. Aber das allein ist keine Erklärung. Die CDU, die noch vor wenigen Monaten vor Selbstbewusstsein hierzulande kaum laufen konnte, wirkt in ersten Reaktionen mehr als nur angefasst. 

Hans muss in den Wahlkampf

Ministerpräsident Tobias Hans, dem bisher vieles zuzufliegen schien, muss nun diese Partei auf Wahlkampf trimmen. Man sollte das Gewöhntsein an 22 Jahren Dauersiegen im Land nicht unterschätzen; auch das kann eine Partei im Innersten zusammenhalten. Hans muss zeigen, ob er auch Wahlkampf kann. Seine einzige Wahl, in die er bisher gehen musste, um das Landratsamt in Neunkirchen, hat er verloren, worüber er am Ende nicht unglücklich gewesen sein dürfte. Aber er, der bisher noch keine Wahl gewinnen musste, sieht plötzlich, dass Siege längst nicht sicher sind.

Natürlich, ein Landesergebnis bei einer Bundestagswahl ist keine Landtagswahl. Und eine Wechselstimmung im Land war bisher auch nicht greifbar.

Zumal auch die SPD ein gebranntes Kind ist. Vor vier Jahren war der Bundestrend auf ihrer Seite. Die Wahl hat trotzdem die CDU gewonnen und den berühmten Schulzzug gestoppt. Auch die SPD, die sich noch ein wenig verwundert die Augen über dieses gestrige Ergebnis reibt, wird sich überlegen müssen, welche Schlussfolgerungen sie daraus zieht. 

Wahlkampf eröffnet

Noch ist die Aussagekraft für die Landtagswahl also überschaubar. Fest steht allerdings: Der Wahlkampf an der Saar ist mit diesem Bundestagswahlergebnis eröffnet – hinter den Kulissen und von Tag zu Tag sicher auch mehr vor den Kulissen.

Der Ton in der Großen Koalition wird rauer werden, der Konkurrenzkampf um Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit härter. Das kann politisches Handeln und den Gestaltungswillen im besten Fall befeuern. Im schlechtesten Fall stehen dem Saarland sechs Monate gegenseitige Blockadehaltung bevor.

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