Junge Menschen mit Abiturzeugnis (Foto: imago images/allOver-MEV)

Zukunft nur mit Abitur?

Christian Leistenschneider   15.11.2019 | 16:45 Uhr

Von der Ausnahme zur Regel: Das Abitur entwickelt sich in Deutschland immer mehr zum Standardschulabschluss. Sind diejenigen, die keines haben, die Verlierer in einem „Bildungswettbewerb“?

Wenn Schulabschlüsse ein Ausweis von Bildung sind, dann steht in Deutschland gerade die gebildetste Generation aller Zeiten vorm Eintritt in den Arbeitsmarkt. Unter den 20- bis 24-Jährigen hatten im Jahr 2017 laut Statistischem Bundesamt 53 Prozent Abitur. Bei denjenigen, die bald in Rente gehen, liegt der Anteil hingegen nur bei 26 Prozent.

Das ist eine gute Nachricht, findet Matthias Kremp, Referatsleiter für Bildungs- und Kulturpolitik bei der saarländischen Arbeitskammer. Bessere Bildung führe dazu, dass Menschen länger und gesünder leben. Zahlreiche Studien belegten das. Außerdem stärke sie die gesellschaftliche Teilhabe in politischer, beruflicher und sozialer Hinsicht. „Für viele junge Menschen haben sich also die Zukunftschancen verbessert.“

Für viele – aber was ist mit den anderen? Sind sie die Verlierer in einem Wettbewerb, dessen Austragungsstätte die Schule ist? Deren Aufgabe ist zwar auf der einen Seite, Heranwachsende in die Gesellschaft zu integrieren, sie für ein Leben im Beruf bestmöglich vorzubereiten. „Grundsätzlich aber, und dies wird oft vergessen, liegt im System selbst Konkurrenz begründet“, sagt Kremp. Die Schullaufbahn sei auch ein Auswahlprozess, der über Möglichkeiten, Chancen und Ansehen in der Gesellschaft mitentscheide. „Dazwischen droht ein nicht geringer Teil der Jugendlichen abgehängt zu werden.“ Das betreffe insbesondere männliche Jugendliche, die in prekären Lebenslagen aufwüchsen und nicht selten einen Migrationshintergrund hätten.

„Bildungspanik“ in der Mittelschicht

Aber die Effekte eines verschärften Leistungsdenkens seien auch in der Mittelschicht zu spüren. Dort mache sich teilweise geradezu eine „Bildungspanik“ breit, sagt Kremp. „Eine neoliberale Politik bei gleichzeitiger Aushöhlung des Sozialstaates verschärft den Selektionsdruck und den Wettbewerb um Konkurrenzvorteile.“ Nach PISA habe sich der „Bildungswettbewerb“ stark auf das Zertifikat „Abitur“ fokussiert, das zunehmend als vermeintlich alleiniger Bildungsmaßstab angesehen werde.

Den Eindruck, dass bei vielen nur noch das Abitur zu zählen scheint, kann auch Lisa Brausch, Vorsitzende des Saarländischen Lehrerinnen- und Lehrerverbandes (SLLV), bestätigen. „In der Tat gibt es Eltern, die erwarten, dass ihr Kind unbedingt das Abitur machen soll, selbst wenn die schulischen Leistungen nicht dementsprechend sind. Diese Schülerinnen und Schüler stehen dann unter hohem Leistungsdruck“, sagt Brausch. Speziell seit die bindende Schulempfehlung abgeschafft wurde – im Saarland geschah das im Jahr 2010 – kämen immer wieder Jugendliche ans Gymnasium, die in anderen Schulformen besser aufgehoben wären. „Für Kinder erzeugt dies oft einen übermäßigen Druck, Versagensängste und Minderwertigkeitsgefühle“, sagt Brausch.

„Schulsystem ist durchlässiger geworden“

Dabei gilt inzwischen: Wer das Abitur anstrebt, muss nicht zwangsläufig aufs Gymnasium gehen. „Das Schulsystem ist durchlässiger geworden“, sagt Arbeitskammer-Vertreter Kremp. „Mittlerweile werden viele Wege zum Abitur und Fachabitur ermöglicht, über ehemalige Gesamt- und heutige Gemeinschaftsschulen oder etwa über Fachoberschulen und Berufliche Oberstufengymnasien“.

Ein gewisses Gefälle beim Ansehen gibt es dabei aber immer noch, glaubt Lisa Brausch. „Leider wird die Gemeinschaftsschule oft noch nicht als gleichwertige Alternative auf dem Weg zum Abitur gesehen.“ Dabei könnten die Kinder gerade dort oft vielfältige soziale Kompetenzen lernen. „Gerade die Schülerinnen und Schüler, deren Eltern oder die selbst noch nicht sicher waren, ob das Gymnasium der richtige Weg ist, erleben hier oftmals eine Stärkung.“

Stigma Hauptschulabschluss

Und was ist mit denjenigen, die weder Abitur noch Fachabitur haben? Haben sie überhaupt eine Chance auf dem Arbeitsmarkt? Zumal, wenn sie verstärkt mit Abiturienten konkurrieren müssen? Denn die starke Ausrichtung der Gesellschaft auf das Abitur habe auch Folgen auf dem Arbeitsmarkt, hat Lisa Brausch festgestellt: „Der Anspruch der Arbeitgeber hat sich verschoben: Hat früher der mittlere Bildungsabschluss für eine Banklehre gereicht, so muss es heute das Abitur sein.“

Besonders für Menschen mit Hauptschulabschluss mache das die Lage schwierig, sagt Matthias Kremp: „Deren Aussichten haben sich allgemein in den letzten 30 Jahren zunehmend verschlechtert.“ Vor ihrer Abschaffung als eigenständige Schulform habe die Hauptschule immer mehr den Ruf einer „Restschule“ erhalten. „Dieses Stigma ist der Hauptschulabschluss nicht mehr losgeworden.“

Chancen für Nicht-Abiturienten

Ein Grund schwarzzumalen sei das aber nicht. Denn trotz der genannten Probleme gebe es im Saarland durchaus noch Möglichkeiten, so Kremp: „Hier haben Schüler mit maximal Hauptschulabschluss noch vergleichsweise gute Chancen, auch weil bei weniger Absolventen insgesamt die Angebots-Nachfrage-Relation rein rechnerisch günstig ausfällt.“ Vor allem im Handwerk könnten sie häufig eine Stelle finden. In der Industrie hingegen immer seltener, denn auch dort werden verstärkt höhere formale Abschlüsse verlangt. Ausnahme: Großbetriebe wie ZF hätten die letzten Jahre bewusst auf diese Bewerbergruppe gesetzt.

Trotz Abi-Hype: Mit einem mittleren Bildungsabschluss sind die Chancen insgesamt gut, da sind sich Brausch und Kremp mit der Industrie und Handelskammer einig: „Nach wie vor besteht in allen Ausbildungsberufen der Industrie, dem Handel und den Dienstleistungen die Möglichkeit, mit einem anderen Schulabschluss als dem Abitur einen Ausbildungsplatz zu erhalten“, sagt Peter Nagel von der IHK. „Häufig sprechen auch die Noten für eine Person, nicht unbedingt der Schulabschluss. Ein sehr guter Schüler mit mittlerem Bildungsabschluss hat durchaus ebenbürtige Chancen wie ein (Fach-)Abiturient mit mäßigen Leistungen.“


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