Ein Auszubildender arbeitet in der Tischlerei einer Justizvollzugsanstalt. (Foto: Carsten Rehder/dpa-Bildfunk)

"Bildung ist Opferschutz"

Kasia Hummel   11.11.2019 | 16:31 Uhr

Jeder Mensch hat ein Recht auf Bildung, dies gilt auch im Strafvollzug. Gefängnisse stehen dabei vor besonderen Herausforderungen. Und die gilt es nun zu meistern, bilanzieren Peter Stahl von der JVA Ottweiler und Erika Erbel vom Pädagogischen Dienst in der JVA Saarbrücken. Denn Bildung sei Opferschutz.

Deutschkurse für Einheimische und für ausländische Gefangene, Französischunterricht, Mathematik auf verschiedenen Niveaus sowie die Möglichkeit zur beruflichen Ausbildung: Die Angebote in den Justizvollzugsanstalten Saarbrücken und Ottweiler sind vielfältig. Obwohl sie freiwillig sind, werden sie gut angenommen.

Problematisch gestalten sich aber oft die Grundvoraussetzungen, mit denen die Gefangenen kommen. "Es gibt Lücken in der Schulbiografie, es fehlen Schulabschlüsse, viele haben eine Suchtvergangenheit oder sind mittendrin", erklärt Erika Erbel vom Pädagogischen Dienst in der JVA Saarbrücken die Herausforderungen in der Zusammenarbeit. Gefangene hätten in der Ausbildung außerdem Probleme mit Konzentrationsstörungen.  

Angebot dem Bedarf anpassen

Beobachtungen, die auch Peter Stahl, Leiter der Gefangenenausbildung in der JVA Ottweiler, macht. "Ich bin seit fast 24 Jahren hier und da hat sich ganz viel geändert." So gebe es immer weniger Gefangene, die sich überhaupt eignen beziehungsweise die Voraussetzungen mitbringen, eine vollwertige Berufsausbildung abzuschließen, bilanziert Stahl. "Dementsprechend versuchen wir immer, das Angebot dem Bedarf anzupassen." Habe es früher reguläre Vollausbildungen gegeben, die drei oder dreieinhalb Jahre gedauert haben, würden inzwischen auch zweijährige Ausbildungen angeboten. "Die sind vom Anspruchsniveau etwas abgespeckt und vom zeitlichen Verlauf reduziert, sodass sie sich unter Umständen besser eignen."

Berufsausbildung im Strafvollzug

Auch im Strafvollzug läuft die Berufsausbildung im dualen System. Die Gefangenen von Ottweiler sind zum einen in den Betrieben im Einsatz und besuchen an mindestens einem Tag in der Woche den Unterricht in der Berufsschule. Sowohl die sechs Betriebe aus dem Handsweksbereich als auch die Berufschule befinden sich auf dem Gefängnisgelände.

Auch in der JVA Saarbrücken ist man sich des Wandels bewusst. "Die Entwicklung, dass das Bildungsniveau und die kognitiven Fähigkeiten der Gefangenen immer schwieriger werden, gibt es schon lange", erläutert Erbel. Das Haus biete deshalb inzwischen mehr niedrigschwellige Angebote, mehr Grundbildung, mehr Sprachunterricht, mehr kürzere Ausbildungen sowie mehr Förderunterricht.

"Ich glaube, wir sind auf einem guten Weg", fasst Erbel zusammen. Wichtig ist in ihren Augen aber auch, dass alle zusammenarbeiten. Gefragt sei die Kooperation aller Fachdienste, also von Psychologischem Dienst, Sozialdienst, Bildung und dem allgemeinen Vollzugsdienst. "Bildung ist Opferschutz. Das ist im Grunde das, was wir machen können."

Auch die JVA Ottweiler gibt sich Mühe, die Herausforderungen der Zeit, zu meistern. "Wir versuchen aus den Ressourcen, die vorhanden sind, das Bestmögliche zu machen", erklärt Stahl.

"Der Anfang ist gemacht"

Der Anfang, sich langsam anzupassen und Veränderungen in Gang zu setzen, ist nach Einschätzung von Erbel bereits gemacht. Der Prozess sei aber noch lange nicht beendet. Umso positiver die Erinnerungen an Fälle, in denen Bildung im Strafvollzug besonders gut funktionierte. "Es ist immer wieder schön zu sehen, was man mit Bildung und gerade in den Berufsausbildungen erreichen kann", bilanziert die Sozialpädagogin und erinnert sich an einen jungen Mann, der als Gefangener in die JVA Saarbrücken kam.

In einer bildungsfernen Familie aufgewachsen, wo noch kein einziger einen Schulabschluss geschweige denn einen Ausbildungsabschluss hatte, habe er hier seinen Gesellenbrief als Konstruktionsmechaniker geschafft. "Man hat ihm einfach angesehen, wie stolz er darauf ist, dass er es alleine und als erster aus der Familie geschafft hat." Das seien dann Momente, die einfach schön seien.

Grenzen im Strafvollzug

So sehr sich der Strafvollzug aber auch bemüht, den Wandel im Bereich Bildung meistern, so gibt es auch Grenzen. Diese zeigen sich vor allem beim Thema Digitalisierung. Scheitert der Wunsch von Schulen nach einer besseren Ausstattung oder einem besseren WLAN meist vorrangig am Geld, sehen sich Gefängnisse einem ganz anderen Hindernis ausgesetzt. "Wir haben hier eine strenge Kommunikationskontrolle nach außerhalb." Plattformen müssen dementsprechend so gestaltet sein, dass nur auf bestimmte Inhalte zugegriffen werden kann und Gefangene keinen Zugang zum freien Internet bekommen.

Beide Justizvollzugsanstalten arbeiten deshalb mit der E-Learning-Plattform Elis. "Das ist eine getunnelte Verbindung, über die Gefangene auf alle Programme im Bereich Bildung zugreifen können, ohne einen freien Zugang zum Internet zu haben", erklärt Stahl. Die JVA Saarbrücken nutzt die Plattform teilweise im Grundbildungs- und Deutschunterricht sowie im Mathematikunterricht.

Tablets im Modellprojekt

Ein Modellprojekt, das Häftlingen den Einsatz von Tablets erlaubt, läuft zurzeit in der JVA Heidering bei Berlin. Ob solche Projekte bald auch im Saarland getestet werden, steht zurzeit nicht fest.

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