Der Abschlussgottesdienst des 96. Katholikentag im Ludwigspark (Foto: SR)

2006 - Der 96. Katholikentag in Saarbrücken und ein suspendierter Priester

Jonathan Janoschka   21.12.2020 | 14:08 Uhr

„Gerechtigkeit in Gottes Angesicht“ – unter diesem Motto stand der 96. Katholikentag 2006 in Saarbrücken. Erstmals in seiner 150-jährigen Geschichte fand das von Laien organisierte Treffen im Saarland statt. Knapp 40.000 Besucherinnen und Besucher aus 53 Ländern nahmen an dem fünftägigen Event über Christi Himmelfahrt teil. Dabei ließen sie sich auch vom nass-kalten Schmuddelwetter in der Landeshauptstadt nicht abschrecken.

Hotels, Pensionen, Jugendherbergen, Gästezimmer in und um Saarbrücken waren belegt, auch eine Moschee öffnete ihre Türen und bot Gästen Schlafplätze an. 1.400 ehrenamtlicher Helferinnen und Helfer kümmerten sich um die Organisation, auf dem Programm standen über 1.000 Veranstaltungen.

Geplant wurde das Treffen vom Zentralkomitee der Katholiken in Deutschland und dem gastgebenden Bistum Trier. Der Etat: 6,7 Millionen Euro. Knapp 250 kirchliche Organisationen und Gruppen präsentierten sich in den weißen Zelten und Pavillons, die in der Bahnhofstraße aufgestellt wurden. Die Einkaufsmeile wurde fünf Tage lang zur „Kirchenmeile“.

Spitzenpolitik in Saarbrücken

Die Besucher erwartete dort unter anderem die schnelle Beichte für zwischendurch: Vor dem Karstadt machte das „Beichtmobil“ von Pater Hermann-Josef Hubka Station: Der Pater und sein zum fahrbaren Beichtstuhl umgebauter VW-Bus standen bereit: Für Beichten, aber auch für Gespräche und Diskussionen.

Auch die Spitzenpolitik kam nach Saarbrücken: Etwa Bundespräsident Köhler, Bundeskanzlerin Merkel und ihr Innenminister Schäuble. Köhler warnte in einer Rede, dass Armut die größte Gefahr für den Frieden in der Welt darstelle. Die Kanzlerin versprach, ebenso wie Bundesinnenminister Schäuble, sich für einen Gottesbezug in der – am Ende allerdings gescheiterten – EU-Verfassung stark machen zu wollen.

Dikussionen um Zölibat und homosexuellen Gläubigen

Auf dem Katholikentag wurde viel diskutiert: Von der Familienpolitik über Integration bis hin zu Bildung und Arbeitslosigkeit, immer stand die Gerechtigkeitsfrage im Mittelpunkt. Dabei wurden aber auch die Diskrepanzen zwischen der katholischen Lehre und dem Alltag vieler Laien deutlich. Gegner und Gegnerinnen des Zölibats diskutierten mit Befürwortern, schwule und lesbische Katholiken warben bei ihren Glaubensbrüdern und -schwestern für Empathie und Verständnis.

Papst Benedikt XVI. rief in seinem Grußwort dazu auf, die Welt nach christlichen Maßstäben mitzugestalten, mahnte, dass sich die „Zivilisation der Liebe“ vor allem gegen eine „Kultur des Todes“ behaupten müsse. Die sah der deutsche Papst in den „verschiedenen Formen der Entwürdigung des Menschen“, etwa in der von ihm festgestellten „Gleichgültigkeit gegen Abtreibungen“. Die Laien forderte das Kirchenoberhaupt zur „Einheit mit dem Papst und den Bischöfen“ auf.

Suspendierter Theologe ruft zu Reformbewegung auf

Das richtete sich auch gegen ökumenische Bestrebungen, die eine Annäherung von katholischer und evangelischer Kirche in Deutschland erreichen wollten. Zum Beispiel der Saarbrücker Theologe Gotthold Hasenhüttl. Der Theologieprofessor war erst drei Jahre zuvor vom Priesteramt suspendiert worden. Der Grund dafür: Beim ökumenischen Kirchentag in Berlin hatte er 2003 Protestanten zur Eucharistiefeier eingeladen. Seine Suspendierung rief unter anderem die Reformbewegung „Wir sind Kirche“ auf den Plan, die diesen Schritt kritisierte. 

Beim Katholikentag durfte Hasenhüttl offiziell nicht auftreten, nutzte aber eine Veranstaltung der Reformbewegung für scharfe Kritik an der Amtskirche. Der streitbare Theologe prangerte eine „Willkürherrschaft der Bischöfe“ an, die in ihren Diözesen wie absolute Monarchen agierten und forderte, dass Laien an der Ernennung von Bischöfen beteiligt werden müssen. Hasenhüttl warb für eine liberalere, offenere Kirche, die eine Gemeinschaft sein solle, die Menschen ein- und nicht ausschließt. Gerechtigkeit müsse nicht nur „anderswo in der Welt“ sondern auch „in der Kirche selbst“ gefunden werden.

Abschlussgottesdienst im Ludwigspark

Feierlich beendet wurde der Katholikentag am Sonntag dem 29. Mai 2006 mit einem großen Abschlussgottesdienst im Ludwigsparkstadion. Geleitet wurde der vom Vorsitzenden der Bischofskonferenz, Kardinal Lehmann. Er warb bei den rund  20.000 Gläubigen dafür, zu Anwälten für Menschen zu werden, die selbst keine Lobby haben.

Die Organisatoren zogen ein positives Fazit des Katholikentages in Saarbrücken. Zwar kamen wegen des schlechten Wetters weniger Besucher als zum vorherigen Katholikentag in Ulm, dafür gab es mehr Besucher, die das ganze lange Wochenende über blieben. Und auch die Polizei war zufrieden: Wenn sie gefordert war, dann meist als freundlicher Ratgeber und Fremdenführer.

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