Jogginghose (Foto: dpa/Ole Spata)

„Karl Lagerfeld kann mich mal“

Das Interview führt Kai Forst   21.01.2016 | 08:00 Uhr

Von der Fitnessbude auf den Roten Teppich: Die Jogginghose hat in den vergangenen Jahrzehnten einen erstaunlichen Imagewandel durchlebt. Und doch fühlt sie sich nicht genügend wertgeschätzt. Heute, zum Tag der Jogginghose: Ein Interview über Style, Intoleranz und verletzte Gefühle.

SR.de: Erst einmal herzlichen Glückwunsch zum Internationalen Tag der Jogginghose. Wie fühlt es sich an, wenn man von Menschen auf der ganzen Welt gefeiert wird?

Jogginghose: Das ist verrückt, jetzt mal im Ernst. Internationaler Tag der Jogginghose, hätte mir das jemand vor 30 Jahren erzählt…

SR.de: Aber Tatsache ist: Sie sind beliebt wie nie zuvor. Der und die Durchschnittsdeutsche verbringt täglich mehr als drei Stunden mit Ihnen. Inzwischen haben Sie in nahezu allen gesellschaftlichen Schichten Fuß beziehungsweise Bein gefasst. Prominente Persönlichkeiten zeigen sich im Casual Style in der Öffentlichkeit.

Jogginghose: Darauf bin ich auch wirklich stolz, denn es war ein steiniger Weg. Aber eines ist auch klar: Was diese ganzen Glamour-Girls und Pop-Sternchen tragen, wenn Sie mit ihrem Hundchen Gassi gehen, interessiert mich nicht. Allerdings ein Lenny Kravitz in Jogginghose ist schon ein echter Hingucker.

SR.de: Von der Fitnessbude auf den roten Teppich, ein beeindruckender Imagewandel.

Jogginghose: Ja, aber trotz der ganzen Publicity ist mein Image noch immer nicht in Gänze von der „Jogger für Pumper und Hartzer“ befreit. Das nervt mich. Und wenn dann noch solche Modefuzzis wie Karl Lagerfeld kommen, dann platzt mir das Bündchen.

SR.de: Sie sprechen das inzwischen berühmte Zitat an „Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren“.

Jogginghose: Ich bitte Sie, der ist über 80. Eine Anmaßung ist das. Karl Lagerfeld kann mich mal. Der Mann hat doch überhaupt gar keinen Bezug zu den Subkulturen, aus denen ich entstanden bin.

SR.de: Immerhin erhalten Sie Rückendeckung von einem Kollegen Lagerfelds.

Jogginghose: Jetzt kommen Sie mir nicht mit dem Kretschmer (Guido Maria Kretschmer, Anm. d. Red.) und seinem ‚eine Jogginghose kann sehr kultiviert sein‘-Gelaber. Für wen halten diese Modetypen sich eigentlich?

SR.de: Sie sind sehr sensibel bei diesem Thema.

Jogginghose: Wundert Sie das? Diese ständige Herablassung ist unerträglich. Stellen Sie sich mal vor, Sie als Teil der Öffentlich-Rechtlichen werden – egal was Sie tun – mit dem Vorwurf ‚Und das von meinen Gebührengeldern‘ konfrontiert.

SR.de: Ist ja so.

Jogginghose: Gebührenverschwendung?

SR.de: Nein, dass wir ständig deswegen angegangen werden.

Jogginhose: Ja, sehen Sie.

SR.de: Da muss man drüberstehen.

Jogginghose: Sagen Sie mir nicht, was ich tun muss.

SR.de: Lassen Sie uns das Thema wechseln. Ursprünglich stehen Sie ja für Sport. Heutzutage geht es aber offensichtlich mehr um Style oder Fläzen auf der Couch.

Jogginghose: Wissen Sie: Wenn man berühmt wird, hat man keinen Einfluss mehr darauf. Ich finde es toll, dass die Menschen mich in so vielen Situationen an ihrer Seite wissen wollen.

SR.de: Eine schwäbische Schuldirektorin hatte unlängst Jogginghosen an Schulen verboten. Das gehe nicht konform mit dem Dresscode. Für Sie nachvollziehbar?

Jogginghose: Machen Sie Witze? Das ist in meinen Augen ein massiver Eingriff in die Freiheitsrechte – und zudem ein Paradebeispiel für Ignoranz und Intoleranz.  Ein Signal, wie es falscher nicht sein kann. Aber was erwarten Sie in Sachen Offenheit von den Schwaben? Es gibt einen Grund, warum Menschen mit schwäbischem Migrationshintergrund häufig angefeindet werden.

SR.de: Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus?

Jogginghose: Vielleicht sollte ich eine Tour durch deutsche Schulen planen, um Lehrern und Schülern deutlich zu machen: Es ist egal, was du trägst. Wichtig ist, wer in der Jogginghose steckt. Außerdem bin ich gleich mit meinem guten Kumpel Gabor Kiraly zum Kaffee verabredet.

SR.de: Trägt er immer noch seine graue Jogginghose?

Jogginghose: Das hoffe ich doch. Von der ungarischen Liga kriege ich allerdings nicht mehr so viel mit. Aber immer, wenn wir uns sehen, trägt Gabor eine Jogginghose, allerdings eine schwarze. Das rechne ich ihm hoch an.

SR.de: Vielen Dank für das Gespräch.

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